Politologie für Deutsche – eine Fehlanzeige

Dreißig Jahre ist es her, da machte sich der Heidelberger Professor für Politikwissenschaft Hans-Joachim Arndt daran, eine nachhaltige Kritik der Entstehung des Fachs Politikwissenschaft seit 1945 zu formulieren und startete darüber hinaus den „Versuch einer Politologie für Deutsche“.Er forderte, die Wissenschaftlichkeit der deutschen Politikwissenschaft müßte auf einem Bewußtsein der ganz besonderen deutschen „Lage“ beruhen:

„Unser Ansatz geht von vornherein von einer solchen Lage aus als der Situation einer konkreten Gruppe – eben ‘der Deutschen’ –, deren ‘Existenz unter der Besonderheit ihrer Umstände’ weder normativ noch konstitutionell voll zu legitimieren ist. Damit ist auch ‘ihre Politik’ weder normativ noch konstitutionell voll zu begreifen, sondern eben ‘bloß historisch’. – Weil Anlaß und Anliegen unserer Untersuchung weniger die deutsche Lage als vielmehr das Vorbei-Greifen an dieser Lage durch die Kategorien und Standards der in der Bundesrepublik etablierten Politikwissenschaft und ihrer etablierten Kritik ist, beschränken wir uns im wesentlichen auf die Deutschen der Bundesrepublik.“

Insofern blieb Arndt im Bewußtsein, daß die Beschränkung der Politikwissenschaft auf die Bundesrepublik und deren Grundgesetz in der Tat wesentliche Einschränkungen bedeutete. Die allgemeine Definition der Deutschen geriet ihm unter diesen Umständen zu einem Problem, das er mittels „Mitgliedschaftsstatus, Zugehörigkeitsmerkmale, kategoriale Behandlung durch andere“ bewußt befehlsmäßig zu lösen versuchte, aber wenigstens ansprach, als sich bedeutende Teile von Politik und Wissenschaft längst davon verabschiedet hatten.

Verweis auf Politikwissenschaftler und Historiker

Die weitere Frage nach der Weiterexistenz des Deutschen Reichs handelte er an dieser Stelle mit dem Verweis auf Politikwissenschaftler und Historiker ab, die seiner Ansicht dieses Reich als Staat mehrheitlich für untergegangen erklärt hätten und zugleich auf die Juristen, die es im Gegensatz dazu mehrheitlich für weiter existent erklärt hätten. Eine eigene Entscheidung zu dieser Frage traf Arndt nicht, stellte aber zutreffend fest:

„Hier sei nur vermerkt, daß, hätte die Politikwissenschaft in der Bundesrepublik ihre Aufgabe als konkrete Lagewissenschaft sehr ernst genommen, sie allein schon hierdurch in ein ernstes Dilemma hätte geraten müssen.“

Tatsächlich offenbart sich auch an dieser Frage der Charakter der Politikwissenschaft als einer Legitimationswissenschaft alliierter Nachkriegsentscheidungen. Ein echtes Dilemma der Politikwissenschaft ergab sich daraus insofern, als die konsequente wissenschaftliche Ausrichtung auf die historische „Lage“ zu einem Widerspruch gegen diese Vorgaben hätte führen müssen. Dazu zeigten sich die bundesdeutschen Politikwissenschaftler nicht bereit oder nicht imstande, und damit standen und stehen sie nicht allein.

Zur deutschen Lage hört man aus den Universitäten auch derzeit nur wenig, man ist mal wieder zu sehr damit beschäftigt, den Leitvorgaben von anderswo nachzuarbeiten. Sie kommen inzwischen aus Brüssel.

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