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Mehr als ein Vorzeigeliberaler

Wenn innerhalb der so dramatischen wie kurzen Geschichte der Weimarer Republik überhaupt von einer „Ära“ die Rede sein kann, so ist es jene Gustav Stresemanns. Der Reichskanzler von Sommer bis Spätherbst des turbulenten Jahres 1923 steht in ebensolcher Weise für die innere Stabilisierung, wie der langjährige Außenminister die nationale Wiederaufrichtung Deutschlands in Europa geradezu personifiziert.

Geschichtsbücher würdigen Gustav Stresemann als Verhandler des Dawes-Planes, als Architekten der Locarno-Konferenz und als Friedensnobelpreisträger an der Seite Aristide Brians. Der Redner vor dem Völkerbund steht in seiner eindringlichen Geste von aufrechter Haltung und geöffneten Händen fest in der photographischen Erinnerung des vergangenen Jahrhunderts.

Die Impression dieses starken Moments, in dem Deutschland aus der Rolle des geschmähten Kriegsschuldigen und Kriegsschuldners herauszutreten beginnt, ist so eindrucksvoll, daß sie den Politiker gelegentlich auf die Karikatur des Friedensengels verkürzt, der den deutschen Michel auf einem gefährlichen Drahtseilakt schützend begleitet.

Hart kalkulierender Realpolitiker

Stresemann ist mehr als ein Vorzeigeliberaler demokratischer Traditionspflege. In seinem berühmten „Kronprinzenbrief“ vom Sommer 1925 erweist er sich als hart kalkulierender Realpolitiker, aber ebenso als außenpolitischer Visionär mit patriotischer Haltung. Er war zweifellos ein diplomatischer Internationalist, aber dies aus leidenschaftlichem Nationalismus heraus.

Noch vor der Gründung der Republik analysiert er als maßgeblicher Politiker der nationalliberalen Deutschen Volkspartei (DVP) die Gründe für den Untergang des alten Deutschland, indem er nach der Schuld an der Niederlage des Kaiserreiches und damit nach den Ursachen für ein Desaster fragte, das zunächst in die Revolution und von dort in eine ungeliebte Republik führt, deren Krise der Diktatur den Boden bereitet. Seine Analyse der „Lage der Nation“, gehalten am 13. April 1919, dürfte gegenwärtige Konservative anregen, Vergleiche zu ziehen.

„Die Schuld liegt an dem gesamten Liberalismus, und sie liegt, wenn sie weiter sehen und sich einmal die Vergangenheit unter größeren Gesichtspunkten ansehen, darin, daß wir in der Tat in der Zeit, in der Deutschland groß und mächtig wurde, ein materielles Bürgertum gehabt haben, saturiert, seine politischen und seine kulturellen Ideale vergessend. So, wie wir früher in zu weitgehendem Maße lediglich das Volk der Dichter und Denker waren, so wurden wir in zu weitgehendem Maße lediglich das Volk der wirtschaftlich schöpferischen und rechnenden Akademiker. Die große Anziehungskraft der Sozialdemokratie gegenüber den bürgerlichen Parteien lag nicht nur im Klassenkampfcharakter, lag nicht nur im Neid, sie lag auch daran, daß im Sozialismus eine Idee lebendig war, während die bürgerlichen Parteien vielfach Zweckmäßigkeitspolitik trieben, und man überhaupt nicht mehr sah, daß die Oriflamme einer Idee ihnen voranleuchtete. Lernen wir aus dem, was die Vergangenheit in dieser Beziehung zeigt, für die Zukunft.“

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