Joachim Kuhs

 

Hunger nach Sinn

In der jüngsten JF rechnet Peter Kuntze in einem eindrucksvollen Forum-Beitrag die Apokalypse der Staatsfinanzen vor und zeigt treffend geschichtliche Hintergründe auf. Dem ist nichts hinzuzufügen. Innerhalb der letzten Wochen hatte ich meinen Schülern immer wieder vorgerechnet, auf welche systemischen Schäden die Nettokreditaufnahme hindeutet.

Mehr noch: Die fragwürdige Übereinstimmung einer auf nur quantitatives Wachstum festgelegten Gesellschaft läßt es als zwingend logisch erscheinen, den BWLern und Finanzern eine Blase nach der anderen zu kreditieren, was zu einer latenten Verschiebung des Problems und so mindestens zu einem rechnerischen Kollaps führen muß, von dem nur klar ist, daß er unbedingt später, bloß aber nicht jetzt die Strukturen sprengt. Verzögerungen und neurotische Hoffnungen bestimmen den letzten Konsens.

Die Fixation der Gesellschaft auf den DAX träumt immer wieder von einer Erlösung im ewigen Wachstum, und der „tendenzielle Fall der Profitrate“ (Marx) stellt das Halfter dar, in das die gesamte Gesellschaft eingeschirrt ist. Das, so vermeintliche Pragmatiker, wäre alternativlos und klarsichtig.

Hufschlag der apokalyptischen Reiter

Einen besonderen Glücksfall der redaktionellen Arbeit sehe ich daher darin, daß ein paar Seiten vor Kuntzes Analyse Alain de Benoist den Raum erhält, auf eine mehr und mehr vergessene Kehrseite der Wirtschafts- und Finanzkrise hinzuweisen, die der sogenannte „moderne Konservatismus“ neuerdings vergißt, indem er einfach wirtschaftsliberale Positionen ventiliert.

Der französische Philosoph rechnet nämlich nicht, sondern erkennt die Ursache einer gefühlt nahen Katastrophe in der erschreckenden Sinnentleerung bloßen Wirtschaftens, Machens und Politisierens. Gerade in der ökonomischen Parforcejagd vernimmt de Benoist den Hufschlag der apokalyptischen Reiter. Wo nur noch wilde Wachstumsbewegung herrschen soll, dort verschwinden Sinn und Bedeutung der Gesellschaft: „Indes drängt sich die Erkenntnis auf, daß das Sinndefizit (…), das unsere Zeitgenossen verwirrt wahrnehmen, zuvorderst Folge des Scheiterns sämtlicher kollektiver Projekte ist.“

Wer, außer den Konservativen, traut sich denn überhaupt noch von Sinn, Bedeutung, gar Idee zu sprechen? Wer diese Begriffe benutzt, über das rein Pragmatische und Utilitaristische hinaus, dem wird entweder die Narrenkappe übergezogen, oder er gilt als reaktionär. Es ist jedoch schon nicht mehr wahrnehmbar, woher das politische Deutschland über die sogenannten Renten-, Gesundheits- und Arbeitsmarktrefomen hinaus denn Sinngebung, also Inspiration beziehen sollte. –

Nation, die keine sein wollte

Die alte Bundesrepublik nährte ihr jahrzehntelanges Selbstverständnis aus der Positionierung im Kalten Krieg und mit der Entwicklung eines biederen Wohlstands. Beides kontrastierte mit der DDR, sie ihrerseits auf dem poststalinistischen Ideologieüberhang balancierte, bis sie mit ihm gemeinsam abstürzte und einer Nation in die Arme fiel, die eigentlich keine Nation mehr sein wollte.

Die Neubestimmung von Zielen fiel schwer, weil der Blick von Wachstumsfetischen, der Globalisierung der Märkte und europäischer Gleichschaltung allzu verschwommen war, um mehr anbieten zu können als preiswerte Flachbildschirme und billige Milch. Die erforderliche Lüge der Werbung wucherte hinüber in die „Präsentationen“ der Politik, die nach Wahlen stets davon spricht, ein „Vermittlungsproblem“ zu haben.

Daß eben gerade nichts vermittelt wird, ist jedoch das Problem. Und de Benoist mag recht haben, wenn er meint, daß selbst in seichten Gewässern die Flut droht. Ist nun die Flut selbst der Sinn, oder der Dammbau? Sogar das wilhelminische Reich, das im ersten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts vor Kraft strotzte, hatte unmerklich sein ideelles Zentrum verloren, und es mag eher daran zerbrochen sein als am verlorenen Krieg.

Ist das symptomatische Komasaufen der Jungen ein Ausdruck ungelenken Expressionismus, also einer Weltende-Stimmung, wie sie Jakob van Hoddis lyrisch spiegelte? – Wer als Mensch das Wissen um die Idee seines eigenen Selbst verliert, der krankt an schwindender Hoffnung, so durchtrainiert er auch sei. Dies läßt sich nicht nur als Bonmot oder Aphorismus auf Nationen und Gesellschaften übertragen.

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