Die Unerträglichkeit des Seins

„Unerträglich“ – da war das Wort wieder. „Unerträglich“ fand es der Würzburger SPD-Bürgermeister Georg Rosenthal, wenn man den „staatlich organisierten und komplett durchbürokratisierten Völkermord“ an den Juden mit anderen Ereignissen in irgendeiner Weise vergleiche.

Ein Modewort macht die Runde. Irgend etwas „unerträglich“ zu finden, ist heute schick. „Ich finde sie erbärmlich und unerträglich“, keifte der Dresdner Oberstaatsanwalt Frank Heinrich den Mörder von Marwa an. „Unerträglich“ findet es auch der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, wenn deutsche Behörden illegale Ausländer erfassen und abschieben. Derartiges gehört wohl zu unserer bundesrepublikanischen „Empörungskultur“.

Der Wunsch hinter dieser öffentlich ausgelebten Entrüstung ist nicht schwer zu verstehen: Zum einen möchte man zeigen, was für ein moralisch empfindsames und sensibles Wesen man doch ist. Zum anderen erinnert man das Publikum an die eigene Wichtigkeit, da es wohl von öffentlichen Interesse sei, wenn der Betreffende irgendetwas „unerträglich“ findet. Eine Tugend, die in bigotten Zeiten wie diesen überlebensnotwendig scheint.

Infantilisierte Gesellschaft

Bei solchen Sätzen stelle ich mir gerne vor, was passiert, wenn man diese Befindlichkeiten ganz einfach ignoriert. Was würde Wiefelspütz wohl machen, wenn ich seine Meinung nicht teile, daß die Verfolgung von illegalen Ausländern „auf Kosten elementarer Menschenrechte geht“, sondern rigoros jeden Ausländer abschiebe, der auf Kosten der Deutschen lebt? Würde er sich einnässen? Würde er ohnmächtig werden? Sich wütend auf dem Boden wälzen? In der Reihenfolge?

Jeder kennt das Phänomen, namentlich vor der Spielzeugabteilung: ein schreiendes, heulendes Bündel, das strampelnd auf dem Boden liegt. Eine sichtlich genervte Mutter oder ein Vater, der schließlich etwas in den Einkaufswagen legt. Oder aber standhaft bleibt. Dann ist manchmal dasjenige, was nach dem Ende aller Zeiten aussah, ein paar Schniefer später wie weggeblasen.

Ein Verhalten, das bei Kindern aber natürlich und auch verständlich ist, wird in unserer infantilisierten Gesellschaft zu etwas in der Tat moralisch Unerträglichem. Denn es ist im wesentlichen durch Lügen und Heuchelei bestimmt. „Erbärmlich und unerträglich“ sind vor allem diejenigen, die den Mord an einer Ägypterin für ihre eigenen Interessen ausschlachten, während sie die viel zahlreicheren, politisch unbequemen Opfer auf Deutschlands Straßen ignorieren.

Divergente „Empörungskultur“

Und warum soll man den Völkermord an den Juden nicht mit irgendeinem anderen Genozid vergleichen dürfen? Beispielsweise mit denen des Sozialismus oder dem „staatlich organisierten und komplett durchbürokratisierten“ Völkermord der Armenier durch die Jungtürken. Vielleicht, weil Rosenthal nicht möchte, daß ihm die heutigen jungen Türken in Würzburg einen Besuch abstatten? Mit ihrer doch etwas divergenten „Empörungskultur“?

Die Zahl der Politiker, welche Thilo Sarrazins Äußerungen über Integrationsprobleme muslimischer Einwanderer „unerträglich“ finden, würde Seiten füllen. Da aber Sarrazin lediglich die faktische Wahrheit aussprach, läßt dies nur den Schluß zu, daß der allgemeine Realitätsverlust der herrschenden Klasse von dieser als andauernder Zustand herbeigewünscht wird. „Unerträglich“ wird dann freilich alles, was das Ancien Régime an die Wirklichkeit erinnert.

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