Joachim Kuhs

 

Die Konsequenzen „freier Erziehung“

Wer kennt sie nicht: Kinder, die sich, weil Eltern der Meinung sind, ihre Kinder müßten sich „frei entfalten“ können, zu wahren Quälgeistern entwickelt haben. Der ein oder andere wird nach dem zurückliegenden Weihnachtsfest, dem Familienfest schlechthin, davon möglicherweise ein Lied singen können.

Daß so manche Eltern aufgrund falscher Erziehung den Zumutungen ihrer Kinder mehr oder weniger hilflos gegenüberstehen, bestätigen mittlerweile immer mehr Psychiater und Pädagogen. Vor einigen Tagen las ich ein aufschlußreiches Interview mit einer Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, die ohne viel Umschweife erklärte:

„Mütter und Väter sind mit der Erziehung ihrer Kinder vermehrt heillos überfordert, völlig ratlos, wie sie ihren Nachwuchs in den Griff bekommen sollen – und glauben, mit freier Erziehung das Bestmögliche für die Kinder zu tun.“ „Freie Erziehung“, heute auch gerne „emanzipatorische Erziehung“ genannt, das war Ende der 1960er Jahre die „antiautoritäre Erziehung“, mittels derer Kinder zu „selbstbewußten“ beziehungsweise „gemeinschafts- und konfliktfähigen Persönlichkeiten“ entwickelt werden sollten.

Aus Selbstbewußtsein wurde bei vielen leider hemmungsloser Egoismus, gepaart mit einem asozialen Verhalten. Welche heillose Verwirrung der Geister diese „antiautoritäre Erziehung“ mit sich gebracht hat, zeigt ein weiterer, bezeichnender Befund der oben genannten Fachärztin: „Es kommen jeden Tag Eltern zu mir, die total verunsichert sind, die völlig ihre Erziehungskompetenzen verloren haben. Sie sehen Strenge als regelrechte Mißhandlung, die Erziehung zu gutem Benehmen als Dressur an.“

Kinder als Bündel ihrer Affekte

Was das für Konsequenzen hat, beschreibt die Psychiatrie so: Wenn es keine Konsequenzen bei Regelverletzungen gibt, sind nicht selten „Verhaltensauffälligkeiten“ die Folge. Kinder werden dann zum Bündel ihrer „Affekte“, sind „überimpulsiv“ und haben eine sehr geringe Frustrationsgrenze. In der Pubertät bedeutet das nicht selten Anfälligkeit für Suchtmittelgebrauch (Drogen und/oder Alkohol) oder Aggression.

Beides Phänomene, denen wir tagtäglich immer wieder begegnen. Deren Ursachen dürften inzwischen als wissenschaftlich verifiziert gelten; so zum Beispiel durch Bernhard Hassenstein, einem namhaften Forscher auf dem Gebiet der Verhaltensbiologie und biologischen Kybernetik, der als Folge „antiautoritärer Erziehung“ bei Kindern nicht nur eine Verstärkung aggressiven Verhaltens festgestellt hat, sondern auch nachweisbare Frustrationen.

Mit der Folge, daß diese Kinder immer wieder versuchten, die Grenzen der „Toleranz“ weiter zu verschieben. Werden ihnen keine Grenzen aufgezeigt, wird die Schraube immer weiter gedreht, bis sich schließlich ein veritabler „Haustyrann“ entwickelt hat, der überhaupt nicht mehr zu bändigen ist.

Überforderte Kinder und hilflose Eltern

Die Erziehungswissenschaft hat hierfür ein einfaches Erklärungsmuster: „Antiautoritär“ erzogene Kinder müssen die vielfältigen sozialen Regeln mehr oder weniger allein herausfinden, was sie schlicht überfordert.

So stehen sich überforderte Kinder und Eltern gegenüber, denen überhaupt erst wieder vermittelt werden muß, was Erziehung bedeutet, nämlich das Vorgeben von Regeln, die einzuhalten sind, und zwar von Eltern wie Kindern, sowie das Vorleben von Verhalten in der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft.

Im Grunde Selbstverständlichkeiten, die nach der großen  „Selbstbefreiung“ im Zuge von 1968 ff. mit gravierenden Konsequenzen für „die Gesellschaft“ kein Konsens mehr sind.

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