Anne Will und „mehr Geld für Bildung“

Wenn es ein Argument gibt, das ich nicht mehr hören kann, dann ist es dieses: Wir müssen mehr für die Bildung tun, ergo mehr Geld ausgeben. Jede Steuererhöhung, jede Eigentumsverletzung läßt sich heute blendend damit begründen, daß es die ach so benachteiligten Kinder aus schwachen Familien gibt, die es in Deutschland so furchtbar schwer haben, weil das diskriminierende Schulsystem Kinder von Beamten und Selbständigen fördert, Kinder aus armen Haushalten aber benachteiligt.

Was für ein Blödsinn. Ok, hier ist die brutale Wahrheit: Dumme Eltern bekommen dumme Kinder. Schlaue Eltern bekommen schlaue Kinder. Durchschnittliche Eltern bekommen durchschnittliche Kinder. Ausnahmen bestätigen die Regel.

An diesen Mechanismen werden auch noch so viele Steuermilliarden, die an Universitäten oder in Gemeinschaftsschulen gepumpt werden, nichts ändern. Das Bildungssystem eines Landes ist kein Zigarettenautomat, wo ich oben fünf Euro einwerfe und unten statt einer Schachtel Kippen kluge Menschen herausbekomme.

Es war klar, daß diese Dinge bei Anne Will anders diskutiert werden würden. In der Sendung „Wa(h)re Bildung“ waren gestern Annette Schavan (CDU), Rudolf Dreßler (SPD) und Bernd Stotz, ein Berliner Student und Aktivist der Linkspartei. Alle drei Politiker waren sich einig: Nach 16 Minuten sagte Dreßler den zentralen Politikersatz: „Wir brauchen mehr Geld.“

„Alles soll kostenlos sein“

Und Annette Schavan nickte zustimmend: „Mehr Geld ist immer gut.“ Stotz hatte es schwer, das noch zu toppen. Also forderte er: „Alles soll kostenlos sein“, und damit meinte er auch „Bildungseinrichtungen“ wie die Kita.

Er sagte „kostenlos“, meinte aber „kostenfrei“, denn eine kostenlose Universität gibt es nicht, nirgendwo auf der Welt. Irgendjemand muß immer zahlen. Doch mit so komplizierten ökonomischen Zusammenhänge können wir einem abgebrochenen Politologiestundenten (jetzt: Lateinamerikanistik und Theologie im achten Semester) natürlich nicht kommen.

Die Sendung begann mit einer verzerrten Zahl, um nicht zu sagen, mit einer Lüge: Anne Will sagte, die Zahl der Studenten aus Familien von Nicht-Akademikern sei von 64 Prozent (1985) auf 49 Prozent (heute) gesunken. Ergo: Die armen, armen Nicht-Akademiker werden ausselektiert. Die Wahrheit aber ist: Die Zahl der Akademiker in Deutschland ist in den Jahren insgesamt stark gestiegen. Also schrumpft natürlich auch die Basis zusammen, aus der Nicht-Akademiker überhaupt noch rekrutiert werden können.

Im Extremfall hätten wir 100 Prozent Akademiker-Haushalte in Deutschland. Dann kämen 0 Prozent aller Studenten aus Nicht-Akademiker-Familien und die soziale Ungerechtigkeit wäre demzufolge am größten – wenn wir diesen Denkansatz von Anne Will zu Ende führen.

Private Institutionen sind meistens besser als private

Die beiden vernünftigen Teilnehmer der Runde waren wie so oft zwei Menschen aus dem richtigen Leben: eine Mutter und der Journalist Harald Martenstein (Tagesspiegel), der in Kreuzberg wohnend, die multikulturelle Realität seit einiger Zeit mit größter Skepsis betrachtet. Er schimpfte: „Wir reden zu viel über Geld, das Geld wird doch nur versickern.“ Und die PR-Beraterin Astrid Nelke sorgt lieber dafür, daß ihre drei Kinder auf Privatschulen gehen statt an staatlichen Schulen zu versauern.

Jeder weiß, daß private Institutionen in den meisten Fällen besser sind als staatliche. So ist es mit Telefongesellschaften, Zeitschriftenverlagen, Arztpraxen – und auch mit Universitäten. Deswegen zeigte die Anne-Will-Redaktion am Anfang auch eine private Uni mit einem zufriedenen Studenten, der über 5000 Euro Studiengebühren pro Semester dafür berappen muß (kann er hinterher abzahlen).

Auf der anderen Seite: Eine „streikende“ Studentin von der Humboldt-Uni mit Nasenpiercing, die sich, obwohl sie im roten Berlin noch nicht einmal Studiengebühren zu begleichen hat, über schlechte Bedingungen beschwert hat. Damit war eigentlich schon gleich zu Beginn alles gesagt. 

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