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Streiflicht
 

Die Sache mit der Fahne

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Fußball-Patriotismus in Schawarz-Rot-Gold Foto: Pixelio/Jens Zehnder

Die JUNGE FREIHEIT berichtete in der letzten Woche, wie sich die Jugendorganisation der Grünen mit einem Aufkleber „Patriotismus? Nein danke!“ angesichts der patriotischen Fußballbegeisterung sagenhaft doof ins Abseits stellte. Inzwischen hat sich überraschend sogar ein Landesverband der Junggrünen distanziert und in einem offenen Brief den Bundesverband gewarnt, „Fan-Bashing-Forderungen linksextremistischer Gruppierungen nachzulaufen“.

Der Fußball-Patriotismus produziert Stilblüten in einem nach wie vor neurotisierten Land, in dem es nicht selbstverständlich ist, sich zur eigenen Nation zu bekennen. Nicht nur „Antifa“-Jugendliche, die Deutschlandfahnen an Autos abknicken, versuchen deshalb dem Volk die Freude am Gemeinschaftsgefühl zu verderben, auch der Amtsschimmel wiehert unpatriotisch: So nötigte in Berlin das Ordnungsamt den türkischstämmigen Neuköllner Kneipenwirt Abdul Güzel, seine 240 Quadratmeter große und quer über die Straße gespannte Deutschlandfahne aus „Sicherheitsgründen“ wieder abzunehmen.

„Party-Hedonismus“

Diese Reaktion paßt zur Lieblosigkeit, mit der viele Ämter die Einbürgerungen von Neudeutschen absolvieren: Genauso verdruckst und peinlich, wie der glücklose Verlegersohn Jakob Augstein die Quote seiner Talkshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehsender Phoenix damit aus dem Keller zu holen versucht, indem er sich eine Pickelhaube aufsetzt und in die deutsche Flagge schneuzt.

Eifrig bemühen sich Politiker und Publizisten, den politischen Gehalt, den das öffentlich demonstrierte Nationalgefühl hat, aufzulösen oder ins Beliebige umzudeuten.

So prangert der Boulevard-Journalist Ulf Poschardt in der Welt zwar den linken Fahnenklau an, freut sich jedoch eilfertig über die „Enttabuisierung der Nationalfarben“ durch einen harmlosen „Party-Hedonismus“ und jubelt darüber, daß der schwarzrotgoldenen Begeisterung zum Glück „kein nationales Bedürfnis“ entspreche – weshalb das Ganze anschlußfähig ist für Blätter seines Hauses, die gerne vulgär „Schwarz-Rot-Geil“ titeln, wenn sich Fan-Meilen füllen.

Vernünftiges Eigeninteresse setzt intaktes Nationalbewußtsein voraus

Solange sich Patriotismus unpolitisch und als Partylaune entlädt, kann sich die politische Klasse in Ruhe wiegen. Insbesondere in einem Moment, wo im Zuge einer heillosen Euro-Rettungspolitik nationale Widerstände dagegen ausgeschaltet werden sollen.

Unbelehrbar hat doch Thilo Sarrazin gerade erst in der FAS gefordert, daß „70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg“ die Deutschen „das Recht (und die Pflicht)“ hätten, „sich in der internationalen Zusammenarbeit bei finanziellen Fragen von ihrem vernünftigen Eigeninteresse leiten zu lassen, ohne ständig die Moralkeule fürchten zu müssen“. Ein solches „vernünftiges Eigeninteresse“ setzt jedoch ein intaktes Nationalbewußtsein voraus. Und das ist manchen ein Dorn im Auge.

JF 26/12

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