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Wissenschaftsfreiheit: Wenn eine Bibliothek aus der Öffentlichkeit verbannt wird

Wissenschaftsfreiheit: Wenn eine Bibliothek aus der Öffentlichkeit verbannt wird

Wissenschaftsfreiheit: Wenn eine Bibliothek aus der Öffentlichkeit verbannt wird

Eine Mitarbeiterin der Bibliothek des Konservatismus bei der Arbeit. (Themenbild/Collage)
Eine Mitarbeiterin der Bibliothek des Konservatismus bei der Arbeit. (Themenbild/Collage)
Eine Mitarbeiterin der Bibliothek des Konservatismus bei der Arbeit. Foto: JF
Wissenschaftsfreiheit
 

Wenn eine Bibliothek aus der Öffentlichkeit verbannt wird

Der Rauswurf der Bibliothek des Konservatismus aus ihrem Verbund ist mehr als eine weitere Etappe des linken Kulturkampfs. Vielmehr entlarvt er die endlose geistige Ödnis der Berliner Republik. Ein Kommentar von Till Kinzel.
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Es vergeht kaum ein Tag, ohne daß die Öffentlichkeit mit einer neuen Absurdität konfrontiert wird. Man ist inzwischen ja einiges gewohnt, aber die Unverfrorenheit der tonangebenden Apparatschiks ist immer wieder für Schikanen gut. Diese überraschen zwar niemanden mehr, der die Entwicklungen der letzten Jahre nicht wie die Vampirin Rip van Winkle verschlafen hat. Das ist beunruhigend. Denn mit jedem Tag stirbt die Freiheit ein Stück mehr, wenn die einzelnen Freiheiten nicht mehr geachtet werden.

Der Gemeinsame Bibliotheksverbund hat nun der in Berlin ansässigen Bibliothek des Konservatismus (BdK) ihre Mitgliedschaft begründungslos gekündigt (die JF berichtete). Damit fällt sie auch aus den gemeinsamen Katalogsuchen heraus, ihre Bestände sind nahezu unsichtbar. Das war so erwartbar, wie es schäbig ist. Dabei gehört die BdK zu den erfolgreichen Projekten einer Zivilgesellschaft, die diesen Namen auch verdient. Denn ohne jede staatliche Unterstützung, allein durch private Mittel und Spenden finanziert, leistet diese Bibliothek einen höchst wertvollen Beitrag zu Buntheit und Vielfalt in der ansonsten reichlich eintönigen politischen Kultur Deutschlands.

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Gäbe es die Bibliothek des Konservatismus nicht, gäbe sie nicht Stimmen Raum, die heute selbst an den Universitäten oft kein Gehör finden – es würde etwas fehlen. Das betrifft nicht nur die zahlreichen Veranstaltungen, die dort regelmäßig stattfinden, sondern auch ihr eigentliches Kerngeschäft: Bücher und Zeitschriften. Denn viele Bücher und Zeitschriften aus konservativen Verlagen oder von konservativen Autoren finden oft nur dort eine Heimat; sie sind in anderen Bibliotheken nicht immer zu finden.

Dabei nutzen auch Wissenschaftler, die sich aus kritischer Perspektive mit der Geschichte des Konservatismus und der Rechten beschäftigten, selbstverständlich die BdK ohne Einschränkungen, denn sie ist längst zu einer unentbehrlichen Spezialsammlung geworden.

Karolinger-Verlag steht für Uni Würzburg auf dem Index

Das traurige Bild, das die von einem informellen Wächterrat geistig bevormundete Wissenschafts- und Kulturlandschaft hierzulande abgibt, setzt sich aus vielen Einzelfällen zusammen. Nicht nur die Bibliothek des Konservatismus soll gleichsam ins Geheime abgedrängt werden. Und auch Universitätsbibliotheken, die eigentlich Horte der akademischen Freiheit sein sollten, lehnen die Anschaffung bestimmter Bestände, die Zeichen der Freiheit wären, ab.

An der Universität Würzburg wurde erst jüngst wieder ein Buch sekretiert und wird nur unter besonderer Aufsicht in den Lesesaal ausgeliehen, damit sich die armen Studenten nicht aus Versehen mit Gedanken infizieren, die von der Obrigkeit unerwünscht sind. Vorwand ist auch hier der Kampf gegen den Rechts-, angeblich auch den Linksextremismus. Aber um diese geht es hier offensichtlich nicht. Denn es handelt sich bei dem inkriminierten Buch um Alexander Eibers solide Biographie über den Konservativen Caspar von Schrenck-Notzing aus dem Wiener Karolinger Verlag, dessen Publikationen auch selbstverständlich allesamt in der Bibliothek des Konservatismus zu finden sind.

Nun meint aber die Universität Würzburg, sie könne sich bei der Beurteilung dieses Verlags auf einen von österreichischen Antifaschisten erstellten Rechtsextremismus-Bericht berufen, der ohne Sachkenntnis mit Stigmatisierungen um sich wirft und sich nicht einmal entblödete, die niedrige Frauenquote des Verlags ins Feld gegen ihn zu führen.

Bibliotheken zu verbannen ist anstandslos und illiberal

Die Würzburger Universität würde natürlich abstreiten, daß eine Beschränkung der Ausleihe auf den Lesesaal, mithin die anonyme Nutzung – es könnte ja sonst jeder das Buch aus dem Regal nehmen und einfach lesen – auch eine Behinderung der Forschungsfreiheit ist. Denn der Schutz vor angeblichen extremen Inhalten dient ja dem übergeordneten Ziel des modernen Gesinnungsstaates, der dabei ist, den 1949 gegründeten Verfassungsstaat abzulösen.

Es ist aber ein entschieden perfider Zug dieser Entwicklung, daß dabei eine umfassende Heuchelei praktiziert und etabliert wird: Die Einschränkung der akademischen Freiheit, die auch den Studenten zusteht, soll keine sein. Und andersherum betrachtet soll es die Politische Korrektheit, die von den Protagonisten dieser Einschränkungen praktiziert wird, überhaupt nicht geben.

Daß nun eine ganze Bibliothek in die Unsichtbarkeit gedrängt werden soll, widerspricht nicht nur dem klassisch-liberalen Geist, sondern schon dem bloßen Anstand. Aber seit dem „Aufstand der Anständigen“ der sich selbst als Gutmenschen verstehenden Gesinnungskontrolleure hat sich deren Chuzpe immer neue Betätigungsfelder gesucht. Liberalität ist heute nicht mehr selbstverständlich – und, was besonders beunruhigend ist, auch keine Tugend, die ihren Ort an den Universitäten hätte.

Die geistige Ödnis der Bundesrepublik hat Verbündete

Gewiß: Auch früher wurden immer wieder unliebsame Vortragende an deutschen Universitäten schikaniert. Aber heute gibt es einen deutlichen Trend nicht zuletzt unter Studenten, von ihnen nicht geteilte Meinungen dürften ruhig unterdrückt werden. Das zeigt: Liberalität ist nicht naturwüchsig, sondern bedarf der Anstrengung, weil sie gegen den eigenen Impuls zur Zensur „falscher“ Meinungen errungen werden muß. Unter dem Vorwand, es müsse die bunte Vielfalt der multikulturellen Gesellschaft vor dem zu einem beliebigen Schimpfwort gewordenen „Faschismus“ geschützt werden, hat sich eine neue Unduldsamkeit festgesetzt. Und sie verletzt elementare Errungenschaften der freiheitlichen Moderne.

Öffentlichkeit ist ein grundlegendes Prinzip für eine Republik. Und dazu gehört auch der ungehinderte Zugang zu Informationen – das heißt: nicht durch staatliche oder quasi-staatliche Organisationen nach Gutdünken eingeschränkt. Das entspricht auch der Leitidee eines Staates, der sich der Freiheit und dem Recht verpflichtet sieht. Was nun aber mehr und mehr die Verfassungswirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland prägt, steht dazu in krassem Widerspruch. Das Prinzip der Öffentlichkeit schließt das Recht ein, für Verwaltungsmaßnahmen eine angemessene Begründung zu erhalten. Wer ohne Gründe agiert, weiß genau, daß seine Handlungen das Tageslicht scheuen müssen.

Die geistige Ödnis im heutigen Deutschland hat mächtige Verbündete: Wer tatkräftig an dieser Ödnis mitwirkt, indem mißliebige Akteure gecancelt, unerwünschte Bücher sekretiert oder ganze Bibliotheken unsichtbar gemacht werden, versündigt sich an der Freiheit. Und zu allem Überfluß dürfen sie sich dabei durch die moralinsauren und selbstgefälligen Brandmauerreden von obersten Repräsentanten des Staates ermutigt fühlen.

Aus der JF-Ausgabe 49/24.

Eine Mitarbeiterin der Bibliothek des Konservatismus bei der Arbeit. Foto: JF
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