Darnella Frazier (3. v. r.)
Darnella Frazier (3. v. r.) Foto: picture alliance / REUTERS | Handout .

Video von George Floyds Festnahme
 

Ein Pulitzer für Voyeurismus

Es gibt Preise, die erheben den Jubilaren in ganz andere Sphären. So adelt der Gewinn der Oscar-Trophäe den Schauspieler, der sich ob der Überreichung bis in alle Ewigkeiten glücklich schätzen darf. Diesen Triumpf und diesen Ruhm wird ihn niemand nehmen können. Und nicht nur das.

Eine ähnliche Bedeutung wie für die Cineasten der Oscar oder die Golden Globes hat der Pulitzer-Preis für Journalisten. Und das auch lange Zeit völlig zu Recht. Auch Deutsche Top-Journalisten wurden geehrt. So gewann die Ausnahmefotografin Anja Niedringhaus im Jahr 2005 die Medaille, weil ihr während des Irak Krieges Aufnahmen gelang, die ihres Gleichen suchten.

Doch nun ist etwas passiert, was das Renommee der Auszeichnung schmälert. Mehr noch, es besudelt das Ansehen. Ehemalige und kommende Preisträger müssen sich überlegen, inwieweit sie sich mit dem Vorgehen der Jury identifizieren wollen. Was ist passiert?

Zynisches Bildmaterial für Identitätspolitik

Vor wenigen Tagen fanden die diesjährigen Verleihungen der Pulitzer-Medaillen statt. Neben den üblichen Kategorien kreierte die Jury in diesem Jahr einen Sonderpreis, der an Darnella Frazier ging. Die damals 17jährige filmte den gewaltsamen Tod von George Floyd, der sich am 20. Mai dieses Jahres zum ersten Mal jährte. Daraus machten die Juroren auch keinen Hehl und sprachen von einem „Video, das weltweit Proteste gegen Polizeigewalt ausgelöst hat und zeigt, wie wichtig die Rolle von Bürgern bei der journalistischen Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit ist.“

Davon abgesehen, daß eine „Suche nach Gerechtigkeit“ überhaupt nicht in den Aufgabenbereich von Journalisten fällt, ist der Zeitpunkt der Verleihung bemerkenswert. Vor fast genau zwölf Monaten kam George Floyd gewaltsam ums Leben. Vor einem Jahr formierte sich die „Black Lifes Matter“-Bewegung (BLM) neu und weltweit und machte aus einem Einzelschicksal und einer besonderen Situation in den USA eine weltumspannende Bewegung machte.

Der schreckliche Tod einer Person wurde zum Symbol für Protest, der sich immer öfter in Gewaltexzessen entlud. BLM beherrscht seitdem die Debatte um Rassismus, die längst den Raum des Realen verlassen hat und in identätspolitische Ideologien abgedriftet ist, die niemanden mehr „abholt“, geschweige denn „mitnimmt“. BLM ist zur Selbstbeschäftigung neulinker Intellektuellen geworden, die Luftdebatten zum Erhalt ihrer selbst führen. Von diesen Leuten dürfte wenig zu erwarten sein.

Kaum kritische Stimmen

Offenbar wollte die Jury mit dem Zeitgeist gehen. Journalistische Leistung steht bei diesem Preis offenkundig nicht mehr im Vordergrund. Wichtiger scheint die Haltung zu sein, der gute Geist hinter einer guten Absicht. Doch der Pfad zur Hölle ist bekanntermaßen gepflastert mit guten Ideen und tolle Absichten

Es bekommt also eine junge Frau einen Preis, weil sie jemanden filmte, während er qualvoll erstickt. Selten gestaltete sich eine Ehre so unehrenhaft, so unmoralisch und so falsch. Während Rettungssanitäter von unerträglichen Gaffern berichten, die sie an ihrer Arbeit behindern, bekommt Darnela Frazier einen Preis genau für diese Art von Voyeurismus. In Deutschland liegt die Höchststrafe für das Aufnehmen und verbreiten von Filmmaterial an Unfallorten bei bis zu zwei Jahren. Bei den Juroren des Pulitzer-Preises wird man mit 15.000 Dollar belohnt.

Doch es gibt, wenn auch vereinzelnd, kritische Worte innerhalb von Journalisten. So äußerte der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes (DJV), Frank Überall, harsche Kritik. „Journalismus darf nicht derart voyeuristisch sein“, bezog er sich zunächst auf die Live-Berichterstattung des Kollapses von Christian Eriksen, der bei einem Spiel der Fußball-Europameisterschaft am vergangenen Wochenende zusammenbrach und reanimiert werden mußte.

Sodann schwenkte er um: „Das gleiche gilt für die Entscheidung der Jury des Pulitzer-Preises“. Dies sei „ebenso unerträglich minutenlang den Todeskampf eines Menschen im Zuge eines Polizeieinsatzes zu zeigen. Alle deutschen Medien, die dieses Gaffer-Video gezeigt haben, haben eklatant gegen die journalistische Ethik verstoßen.“

Doch damit war er in weiten Teilen allein. Die sonst so großmoralischen Qualitätsmedien schwiegen. Bloß nicht anecken, bloß nicht in Verdacht geraten, das sakrosankte Ableben von George Floyd zu beflecken. Doch der heilige Schein wird schnell zum scheinheiligen Schein, wenn man bedenkt, daß Darnella Frazer vielleicht Hilfe hätte holen können. Denn dafür kann ein Smartphone auch da sein.

15.000 Dollar für Voyeurismus

Der inzwischen volljährigen Hobby-Journalistin muß man zugutehalten, daß sie ihren Fehler eingesehen hat. Bereits im März während des Prozesses im Fall Floyd sagte sie: „Es ist nicht das, was ich hätte tun sollen.“ Sie bedauere, daß sie Floyds Leben nicht habe retten können. Letzteres ist wahrscheinlich zu viel verlangt. Mit dem ersten Punkt aber hat sie recht. Dieser Einsicht kann und sollte man Respekt zollen. Doch ihre Erkenntnis interessierte die verantwortlichen Juroren nicht.

Die Pulitzer-Jury zog es vor, dem gefälligen Zeitgeist zu folgen und „Black Lifes Matter“ ein neues Symbol zu schenken. Das Symbol einer Person, die sich längst von ihrem Tun distanziert hat. Ein Symbol, das auf unterlassene Hilfeleistung und Voyeurismus basiert und den Anreiz gibt, lieber eine Tat zu filmen, statt Hilfe zu holen. Es könnte schließlich eine Jury kommen und demjenigen einen 15.000 Dollar dotierten Preis auszeichnen. Damit ist der Pulitzer-Preis belanglos geworden.

Darnella Frazier (3. v. r.) Foto: picture alliance / REUTERS | Handout .
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