Der Fußballprofi Marcus Thuram protestiert mit seinem Kniefall gegen rassistische Polizeigewalt Foto: picture alliance / empics

Politisierung des Sports
 

Besser nicht abweichen

So schnell kann es im modernen Fußball auch jenseits des Spielfeldes zugehen. Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann, im Mai 2020 in den Aufsichtsrat des Bundesligavereins Hertha BSC berufen, ist seinen Job wieder los. Auch beim Fernsehsender Sky Deutschland darf er nicht mehr als Sportkommentator auftreten. Das alles nur Stunden nachdem eine Nachricht an den Sender publik wurde, in der er dessen Verpflichtung des Ex-Linksverteidigers Dennis Aogo flapsig kommentierte.

„Ist Dennis eigentlich euer Quotenschwarzer? :-D“, zog Lehmann seinen ehemaligen Arbeitgeber auf. Der „Quotenschwarze“ mit nigerianischem Vater bekam den Satz zu Gesicht und veröffentlichte ihn ohne Rücksprache. Doch politisch blutgrätschen will gelernt sein. Auch Aogo verstolperte sich ins Karriere-Aus, als er im TV-Studio den Angriff des Spitzenclubs Manchester City mit den Worten lobte: „Es ist einfach unglaublich schwer, sie zu verteidigen. Weil, davon gehe ich aus, sie das trainieren bis zum Vergasen.“

Futter für die Bestie, bei der nur hilft, sich flach hinzuwerfen, wenn sie einmal angelockt wurde. „Dennis Aogo hat sich entschuldigt und ist sich der Tragweite seiner Äußerung, die er sehr bedauert, bewußt“, gab sein – nun ehemaliger – Arbeitgeber Sky Deutschland schmallippig bekannt. Auch Lehmann, noch für lautstarke Rangordnungskämpfe mit Oliver Kahn in Erinnerung, sucht sein Heil in Bodennähe. „Ich bedauere meine Äußerung zutiefst und bitte jeden um Verzeihung, der sich dadurch verletzt gefühlt hat.“

Linker Katechismus frißt sich in den Sport

An solchen Dingen wird deutlich: Wir haben einen Religionskrieg entfesselt – ohne Religion. Kluges und auch Unsinniges ist geschrieben worden über den modernen Sport als säkularen Wiedergänger antiker Mythen. So wie die alten Griechen Athleten zum sinnlichen Vorbild ihrer Götterstatuen nahmen, projiziert unsere postheroische Gesellschaft Übermenschliches in die perfekt optimierten Körper.

Und wie damals das Götterdasein großzügig mit menschlicher Schwäche belebt wurde, haben auch wir hier bisher einen außermoralischen Maßstab angenommen. Die Verfehlungen eines Diego Maradona untermalten letztlich nur seinen Status als Götterkind. Sogar wir selbst konnten in das mystische Kollektiv eintauchen. Endgrenzt folgten wir so unseren Heroen mit fliegenden Fahnen, Geschrei und stampfenden Körpern zu jedwedem Streit – bis zur Halbzeitpause.

Allein die Zeit, da die Götter menschlicher noch waren, ist vergangen und ihren Überresten der Krieg erklärt. Wie das antike Götterspektakel von einer Gesetzesreligion abgeräumt wurde, frißt sich nun ein linker Katechismus voran. Bereits seit Jahren die obligatorischen Bekenntnisse vor jedem Turnier, wo Sporthelden volkspädagogische Floskeln – „gegen Rassismus“, „für Vielfalt“ – ähnlich überzeugend heruntersprechen, wie sie sonst Schokolade, Rasierwasser oder Hautcreme anpreisen.

Tugendhafte Meldepflicht

Doch wir beten einen eifersüchtigen Gott an, der kein Bild neben sich duldet – auch nicht den Athleten. Denn hinter jenem steht „der Mensch des Ressentiments“, der Schwächling, der die Tugend der Stärke unter Verdacht gestellt hat. Aus einer „rachsüchtigen List der Ohnmacht heraus“ hat er in ihr das potentiell „Böse“ gefunden, über die er sein Unvermögen als „Gutes“ setzt. Er ist jetzt nicht Schwächling aus Schwäche, sondern aus Drang zum „Guten“, und er verlangt das auch vom Starken.

Friedrich Nietzsche beschreibt in seiner „Genealogie der Moral“ diese Herrschaftstechnik der Minderwertigen. Eine freudlose „Sklaven-Moral“, die nur Unterwerfung unter ihr Gesetz kennt. „Was sie verlangen, das heißen sie nicht Vergeltung, sondern ‘den Triumph der Gerechtigkeit’; was sie hassen, das ist nicht ihr Feind. Nein! Sie hassen das ‘Unrecht’…“ Unzählige Unfähige in gutbezahlten „Bullshit-Jobs“, die unsere Kultur und Geschichte auf Stärke abhorchen.

Wo sie fündig werden, da beginnt die tugendhafte Meldepflicht. Mal ein Kinderbuch als „rassistisch“, eine Geistesgröße als „Sexist“ enttarnt, mal erinnere eine unbequeme Aussage „an die Sprache der Nazis“. Doch wie umgehen mit dem Sport, wo das Niederwerfen eines Gegners durch Stärke, Überlegenheit und Dominanz Lebens-praxis ist? Indem ein eng umhegter und kontrollierter Bereich freigegeben wird.

Die Massen unterhalten

Privilegiert wie einst DDR-Athleten, dürfen „systemrelevante“ Fußballspieler die Massen unterhalten. Doch wie jene müssen sie Linientreue zeigen, sonst ist es vorbei mit der Freizügigkeit. Im dystopischen Film „Rollerball“ von 1975 sind die Nationen der Menschheit abgeschafft und durch Wirtschaftskooperationen ersetzt worden. Zur Kompensation ergötzt sich die Masse an einem brutalen Mannschaftsspiel, das die Austauschbarkeit des Individuums im Kollektiv aufzeigen soll.

Doch ein Spieler ragt über alle hinaus. „Jonathan E.“ – gespielt von James Caan – gibt durch seine Fähigkeiten, die Überwindung von Widerständen, unbeabsichtigt den ihn zujubelnden Zuschauern den Glauben an die erhöhte, menschliche Individualität zurück. So etwas darf nicht passieren. Der Film spielt im fiktiven Jahr 2018. Im tatsächlichen Jahr 2018 breitete sich ein Phänomen in den Stadien aus: Vor dem Spiel sich hinknieende Spieler, dem antirassistischen Gott huldigend.

Solche Spieler sind tatsächlich austauschbar und bis auf den ansehnlicheren Körper nicht vom Klatsch- und Brüllvieh zu unterscheiden, das sonst die neue Religion durchsetzt. Wer hier auch nur durch Unachtsamkeit abweicht, ist raus. Lehmann und Aogo sind nur die jüngsten warnenden Beispiele, weitere werden folgen.

JF 20/21

Der Fußballprofi Marcus Thuram protestiert mit seinem Kniefall gegen rassistische Polizeigewalt Foto: picture alliance / empics
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