Wem die öffentlichen Verkehrsmittel in der Corona-Pandemie zu voll sind, soll halt Fahrrad fahren, rät die Regierung (Symbolbild) Foto: picture alliance / Global Travel Images | Global Travel Images
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Corona-Ratschläge der Regierung
 

Elite-Tips fürs dumme Volk

Weihnachten ist das Fest der Liebe. So zumindest ist die Idealvorstellung. Daß diese regelmäßig an der harten Realität unter dem Christbaum zerplatzt, ist allgemein bekannt. Auch wenn sie in diesem Jahr auf Grund von Corona-Angst und Kontakteinschränkungen noch aus anderen Gründen scheitern dürfte.

Die derzeitige Adventszeit soll offenbar die Zeit der liebevoll gemeinten Politiker-Ratschläge sein. Aber auch hier klaffen Anspruch und Wirklichkeit meilenweit auseinander. Wie es die Ratgeber gemäß der eigenen Definition und Berufssprache vermutlich selbst formulieren könnten: Anspruch und Wirklichkeit halten alle gebotenen Abstandsregeln vorbildlich ein.

Die Bundeskanzlerin hat Schülern, denen es beim ständigen Corona-Stoßlüften im Klassenzimmer kalt wird, geraten, doch zwischendurch einfach mal eine Kniebeuge zu machen oder zum Aufwärmen in die Hände zu klatschen. Da kommt endlich Stimmung während des Unterrichts auf!

Kniebeugen und rechtzeitiges Pulli-Kaufen

Merkel, der man anzusehen glaubt, ihre letzte Kniebeuge zu FDJ-Zeiten gemacht zu haben, hat ihre heißen Tips gegen die Kälte übrigens über „Radyo Metropol FM“ verbreitet. Das 1999 als „Bizim Dalga“ („Unsere Welle“) in Berlin gegründete Funkhaus ist der erste türkischsprachige Radiosender Deutschlands. Die Bundeskanzlerin durfte ihr Interview aber immerhin auf Deutsch geben. Aktuell hofft man offenbar, in der noch offiziellen Amtssprache ein paar Leute mehr im Land erreichen zu können.

Diese konnten dann auch noch weitere warme Ratschläge von Merkel empfangen. Die Kinder und Jugendlichen müßten „sich vielleicht wirklich noch etwas Wärmeres zum Anziehen mitbringen“, ließ die Eiskönigin aus der Uckermark die frierenden kleinen Untertanen wissen.

Fast könnte man glauben, Merkel hätte einen Crash-Kurs von Thilo Sarrazin zum Thema „Was tun, wenn’s friert?“ besucht. Hatte der in den Augen der Kanzlerin ansonsten ja nicht sonderlich „hilfreiche“ Autor doch einst Hartz-IV-Empfängern dazu geraten, sich einen dicken Pulli anzuziehen, um Heizkosten zu sparen. Die Empörung in der deutschen Öffentlichkeit war damals übrigens deutlich größer als heute.

Wer noch nicht ausreichend mit dicken Pullis eingedeckt ist, der sollte das möglichst schnell machen, sofern er nicht hundertprozentig sicher ist, an Heiligabend wieder reich mit solchen beschenkt zu werden. Am ersten Werktag nach den Feiertagen gibt es jedenfalls „keinen Grund, sich einen Pullover zu kaufen“, findet zumindest Berlins Regierender Bürgermeister, Michael Müller. Deshalb könne man ab dem 28. Dezember dann auch gleich alle Läden dicht machen, folgert der Sozialdemokrat.

Mit dem Fahrrad zur Arbeit

Auch für all jene im Land, die sich die ganze Zeit schon fragen, warum sie zwar nach Feierabend kein Bier in der Kneipe oder Glühwein im Freien trinken dürfen, aber jeden Tag in vollgestopften öffentlichen Verkehrsmitteln ihre Arbeitswege bestreiten sollen, hat die Politik endlich eine Antwort parat. Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) rät: Wer die Corona-Gefahr in überfüllten Bussen und Bahnen meiden wolle, müsse eben auf „alternative Verkehrsmittel“ umsteigen.

Die Bundesregierung könne nun mal „nicht alles regeln“, sagt die rechte Hand der Frau, die den Bürgern sogar noch die Gästeliste für das familiäre Weihnachtsfest diktieren will. Auf dem Weg zur Arbeit müssen die funktionierenden Massen eben „selber ein wenig aufpassen“, findet der nicht gerade schlanke Dienstwagen-Nutzer (Audi A8 mit Fahrer) und nennt als alternatives Fortbewegungsmittel für den winterlichen Arbeitsweg ausgerechnet das Fahrrad.

Politiker, die dem Volk so tolle Ratschläge geben, würden wohl auch zu Kuchen statt Brot raten, hätten sie die Cafés nicht längst schon dicht gemacht. So sieht maximales Social Distancing zur eigenen Bevölkerung aus. Menschliche Nähe wird sowieso überbewertet. Findet auch Brauns Chefin. Es sei zwar „ein bißchen unmenschlich“, zu anderen Menschen auf Distanz zu gehen, sagte die Bundeskanzlerin am Mittwoch im Bundestag. Es sei aber nichts, „was unser Leben total zerstört“.

Wem die öffentlichen Verkehrsmittel in der Corona-Pandemie zu voll sind, soll halt Fahrrad fahren, rät die Regierung (Symbolbild) Foto: picture alliance / Global Travel Images | Global Travel Images
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