Helge Lindh (SPD) und Sawsan Chebli
Helge Lindh (SPD) und Sawsan Chebli: Fotos: imago images / Christian Spicker / Metodi Popow / JF-Montage
Anschlag auf SPD-Büro

„Culpa mea!“ Wenn der Anti-Rechtsdreh verloren geht

Schuldzuweisungen gegenüber der politischen Rechten scheinen für viele, die sich selbst zur politischen Mitte zählen, mittlerweile ein fast schon physischer Reflex zu sein. Daß diese nervöse ideologische Zuckung manchmal auch ganz schön nach hinten los und auf Kosten der eigenen Glaubwürdigkeit gehen kann, zeigt aktuell der Fall von Helge Lindh.

Auf das Wahlkreisbüro des Wuppertaler SPD-Bundestagsabgeordneten wurde vergangene Woche ein Anschlag verübt. Die Täter warfen mehrere Pflastersteine sowie zwei Farbflaschen gegen die Eingangstür und in die Innenräume. Sofort war klar: Schuld können nur die üblichen Verdächtigen von rechts sein. Zumindest den üblichen Verdächtigern von links beziehungsweise der selbstdefinierten Mitte war das klar.

Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken twitterte noch bevor nähere Details zur Tat bekannt waren: „Lieber Helge, wir stehen solidarisch an Deiner Seite, und wir lassen es nicht zu, daß unsere Abgeordneten und andere aktive Kämpfer für die #Menschlichkeit durch #RechteGewalt eingeschüchtert werden.“

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Lindh selbst plante daraufhin sogar einen eigenen Podcast zum Thema, mit dem er gemeinsam mit der SPD-Haßexpertin und selbsternannten Opferbeauftragten Sawsan Chebli „live gehen“ wollte, um sich mit ihr über den Anschlag zu unterhalten.

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Zwischenzeitlich war allerdings etwas passiert, womit wohl keiner der beteiligten politisch motivierten Ankläger gerechnet hatte. Es tauchte tatsächlich ein Bekennerschreiben auf, in dem die mutmaßlichen Täter sich zu ihren Motiven äußersten. Das Statement erschien allerdings nicht in irgendeinem rechtsextremen Internetforum oder auf einer noch nicht gesperrten rechtspopulistischen Facebook-Seite, sondern auf dem linksextremistischen Internetportal Indymedia. Auch war der Grund für den Anschlag auf das Abgeordneten-Büro laut dem Internet-Bekenntnis nicht etwa wie von vielen vermutet Lindhs „humanitäre Haltung in der Asylpolitik“.

Im Gegenteil: Die nach aktuellem Ermittlungsstand linksextremen Täter werfen dem Politiker vor, daß er eine „Schande für jede antirassistische und antifaschistische Bewegung“ sei. „Wer von einem harten Kampf gegen Seehofer für 50(!) Geflüchtete spricht, während Tausende weiter darben, sollte sich nicht brüsten, sondern wenigstens aus Scham sein viel zu großes Maul halten“, heißt es in dem Bekennerschreiben. Und weiter: „Die SPD ist genauso verantwortlich für das Verbrechen, was an den Menschen auf den griechischen Inseln und an der EU-Außengrenze begangen wird, wie die CDU.“

Der angekündigte Live-Podcast, in dem Helge Lindh und Sawsan Chebli „ein wenig über #Corona“, vor allem aber über den Anschlag und, wie anzunehmen ist, auch über die Motive dahinter sprechen wollten, wurde kurzerhand abgesagt.

Linke Gewalt kein Thema?

Obwohl doch weder das Thema Corona noch die Themen politische Gewalt und Haß gegen Andersdenkende an Aktualität verloren hätten. Auch schienen die beiden sozialdemokratischen Protagonisten des Netzgesprächs doch bei der Ankündigung, nur etwa zwei Stunden vor dessen Absage, noch hoch motiviert und ausgesprochen kämpferisch.

Warum also die Absage? Hatte man inzwischen erkannt, daß Tat, Täter und eben auch der Inhalt des Bekennerschreibens in so vielerlei Hinsicht nicht in das angepeilte Narrativ paßten? Hatte man etwa keine Lust, über linke Gewalt zu sprechen, weil man dann am Ende vielleicht auch noch ausführlich über die Gewalt gegen die verhaßte AfD hätte sprechen müssen? Schließlich ist diese so häufig wie keine andere Partei Opfer solcher Straftaten. Wollte man vielleicht auch einfach keine schlafenden Hunde wecken, indem man den auch in der eigenen Partei und im gesamten linken Lager schon lange brodelnde Konflikt in der Asylpolitik öffentlich thematisiert?

Offiziell war all das nicht der Grund für das Canceln des Podcasts, den man kurz zuvor selbst angekündigt hatte. „Aufgrund kurzfristiger Verpflichtungen“ müsse man das Gespräch leider absagen, hieß es in dem „Update“, in dem Lindh seine Twitter-Follower über die Absage beziehungsweise „Verschiebung“ informierte. So richtig Verständnis hatte da allerdings kaum jemand für.

Mit Ausnahme von Sawsan Chebli. Diese zeigte in der Situation gar, was für eine brillante politische Taktikerin sie doch ist, als sie den Tweet ihres Genossen zitierte und ihn mit den Worten „Culpa mea!“ kommentierte. Schnurstracks leitete sie die Debatte damit von der peinlichen Absage des Podcasts, dem der Antirechtsdreh abhanden gekommen war, um, auf eine politisch deutlich weniger brisante bildungsbürgerliche Diskussion darüber, ob es – wie viele meinten „klugscheißern“ zu müssen – nicht korrekterweise „Mea culpa“ heißen müßte, oder ob das italienische „colpa mia“, das die vielsprachige Staatssekretärin im Kopf hatte, nicht auch „geht“.

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Dafür, daß sie den Shitstorm so heldenhaft auf sich gelenkt hat, dürfte Chebli beim Genossen Lindh und der Parteiführung in Berlin auf jeden Fall was gut haben.

Helge Lindh (SPD) und Sawsan Chebli: Fotos: imago images / Christian Spicker / Metodi Popow / JF-Montage

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