Herbert Grönemeyer bei einem „Konzert gegen Rassismus“ in Chemnitz Foto: picture alliance/POP-EYE
Kampagnen vor den Landtagswahlen

Staatskünstler mit einer Mission

Es gibt einen weiteren Hashtag gegen Rechts. Von denen gibt es „im digitalen Orbit“, um mit Ralf Stegner zu sprechen, mittlerweile ja fast mehr als Rechte. Zumal Nutzer, die eine nicht linke Meinung vertreten, ja immer häufiger von den vermeintlich offenen Internetplattformen verbannt werden.

Nach so „kreativen“ Schlagwortschöpfungen, wie #unteilbar, #wirsindmehr oder #fckAfD hat nun mal wieder ein Mann die Bühne der Tugendprotzerei betreten, der schon seit einer gefühlten Ewigkeit zu den Lieblingskünstlern der Obrigkeit zählt.

#KeinenMillimeterNachRechts

Herbert Grönemeyer hat sich den Hashtag „KeinenMillimeterNachRechts“ auf die Fahnen und die Facebook-Fotos geschrieben. Seine Fans ruft der Sänger dazu auf, es ihm gleichzutun und „Flagge zu zeigen“ für eine „solidarische, bunte Gesellschaft ohne Haß und Hetze“.

Auf seiner eigenen Homepage haben Grönemeyer und sein PR-Team, das sich jetzt das „#keinmillimeternachrechts-Team nennt, dafür extra eine eigene Seite eingerichtet, auf der es alles gibt, was das im eingängigen Einheitsklang des popkulturellen Gratismutes schlagende Herz begehrt. Bilder, animierte Gifs, Videos. Alles zum Umsonst-Herunterladen und zur freien Verbreitung.

Auch eine Liste mit vom Meister erlaubten Hashtag-Alternativen für mehr Abwechslung innerhalb des Rahmens der politischen Einfalt gibt es dort.

Diese Hashtags können verwendet werden:

#keinmillimeternachrechts

#keinenmillimeternachrechts

#ltw19

#ltwbb19

#sltw19

#fallderfaelle

#tumult

#unteilbar

#wirsindmehr

#keinmenschistillegal

#wannwennnichtjetzt

#herbertgrönemeyer

#grönemeyer

#herbertgroenemeyer

Grönemeyer geht es vor allem um Grönemeyer

Die Hashtags zeigen deutlich, worum es Grönemeyer in seinem so öffentlichen Eintreten für die „bunte Gesellschaft“ vor allem geht. Nämlich in erster Linie um Herbert Grönemeyer. Kurz vor den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg, bei denen die AfD laut aktuellen Umfragen Ergebnisse von über 20 Prozent erreichen könnte, machen immer mehr staatstragende Künstler den allseits beliebten „Kampf gegen Rechts“ zu ihrer persönlichen Sache.

Kraftklub-Sänger Felix Kummer hat angekündigt, im Falle einer Regierungsbeteiligung der AfD in seinem Heimatland Sachsen nach Berlin zu ziehen. Dorthin sind sehr viele seiner Künstlerkollegen schon lange gezogen. Ganz ohne, daß in ihrem alten Zuhause die AfD regieren würde.

Auch Herbert Grönemeyer gibt Berlin gerne als seine Heimat an. Obwohl bekannt ist, daß er große Teile des Jahres in London verbringt. Berlin ist für selbsternannte Kreative das, was für den Tiger und den kleine Bären in der Kinderbuchgeschichte von Janosch einst das schöne Panama war. Nur, daß es leichter zu erreichen ist.

Lokalpatriot mit Umzugsgedanken

Die Hauptstadt ist pseudo-hipper Hotspot der linksgrünen Vielfalts-Hegemonie. Ein Möchtegern-Rebell wie Kummer bräuchte also eigentlich wirklich nicht die AfD als Begründung, um dort hinzuziehen, wo die meisten Anderen, die so denken, reden und leben wie er, schon lange wohnen. Der Punkrocker mit der Vorliebe für Hosenträger im Stile der Skinheads der 80er Jahre, hat allerdings ein Problem. Er hat sich in der Vergangenheit ein bißchen zu häufig der einzigen, auch in noch so linksradikalen Kreisen als legitim geltenden Variante des Nationalstolzes, dem Lokalpatriotismus, hingegeben.

Immer wieder betonte der Chemnitzer öffentlich, wie sehr sein Herz für seine Heimatstadt schlage. In die Hipster-Metropole an der Spree zog es den Frontmann der Band, die im vergangen Jahr zu den Top-Stars des Gratis-Konzert #wirsindmehr in Chemnitz gehörte, nach eigenen Angaben bisher nicht. „Ich will nicht nach Berlin“, heißt gar einer der Songs, der „Indy“-Gruppe, die im Mainstream wohl mindestens so viele Fans haben dürfte wie „Feine Sahne Fischfilet“.

Wer so große lokalpatriotische Töne spuckt, scheint für einen Umzug aus dem stolzen Herzen Ostdeutschlands in die trendige Bundeshauptstadt offenbar gute Gründe zu brauchen. In der AfD glaubt der Musiker, die offenbar gefunden zu haben. „Wenn die AfD hier wirklich in die Landesregierung kommt, dann bin ich wahrscheinlich weg von hier. Dann schmeiß ich all meinen Chemnitz-Lokalpatriotismus über Bord, geh nach Berlin und gentrifiziere schön was weg“, sagte Kummer dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“. Ein alter Heuchler wie sein Vater im Geiste, der einstige „Mister Bochum“ Herbert Grönemeyer, wird über solcherlei regionalverbundene Gewissensbisse wohl nur müde lächeln können. Da man als guter Mensch auch Gutmenschen immer nur das Beste wünschen sollte, stellt die moralische Zwickmühle des Wahl-Berliners in spe unsereins jedoch vor die große Frage: Wie viel Prozent für die AfD sollen wir dem trällernden „Lokalpatrioten“ aus Chemnitz wünschen?

Herbert Grönemeyer bei einem „Konzert gegen Rassismus“ in Chemnitz Foto: picture alliance/POP-EYE

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