Aktion der Identitären Bewegung

Haltungsritter im Antlitz des Schreckens

Von einem Angriff auf die „grundlegenden Werte“ aller „Demokratinnen und Demokraten“ spricht der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD). Berlins SPD-Fraktionschef sieht eine „rote Linie überschritten“ und beklagt die kriminelle Aktion einer „rechtsextremen Clique“.

Der deutsche Journalistenverband beeilt sich, das Vorgehen der Rechtsextremen aufs Schärfste zu verurteilen und Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) mahnt, wer versuche, die „mutige und freie Presse“ einzuschüchtern, stelle sich „gegen unsere Demokratie. Pressefreiheit ist eine Basis für jede demokratische Kultur“.

Kleinlautes Zurückrudern

Fast könnte man meinen, im Berliner Zeitungsviertel tobe wie vor hundert Jahren ein erbitterter Kampf und der Fortbestand der deutschen Demokratie stehe auf der Kippe. Doch anders als im Januar 1919 wurde am gestrigen Montag nicht geschossen. Kein Verlagsgebäude wurde besetzt und niemand versuchte, irgendwelche Publikationen am Erscheinen zu hindern. Anders als vor zehn Jahren stürmten auch keine vermummten Linksextremisten in die Redaktion einer Berliner Boulevard-Zeitung und verwüsteten dort die Büroräume.

Sie zündeten auch nicht wie im März 2014 das Auto eines prominennten Berliner Journalisten an. Die Identitäre Bewegung Deutschland protestierte lediglich mit ein paar Plakaten gegen die ihrer Meinung nach durch einige Medien verharmloste linke Gewalt. Daß es dabei zu einer leichten Rangelei vor dem Verlagsgebäude der taz kam, mag kein Ruhmesblatt für die beteiligten Identitären sein, doch noch vor einigen Jahren hätte sich die Zeitung hierfür eher ihrer antifaschistischen „Streetability“ gerühmt, anstatt eine dramatische Attacke gegen den Hals einer Mitarbeiterin herbeizufanatasieren, von der man dann später kleinlaut zurückrudern muß.

Gefahrensucher Journalist

Apropos peinlich: Den Vogel schoß am Montag ein Journalist der Frankfurter Rundschau ab, gegen die ebenfalls friedlich mit Plakaten protestiert worden war. Wie der helle Ritter der guten Sache schilderte Hanning Voigts das gefährliche Leben deutscher Haltungsjournalisten im Jahr 2019.


Während Nazis deren Namen auf Feindeslisten veröffentlichten, beschmierten Faschisten ihre Büros und bepöbelten sie auf Twitter. Doch davon werde man sich nicht einschüchtern lassen, versicherte der „Lokaljorunalist aus Frankfurt“. Vielmehr würden er und seine Zunft unbeirrt weiter für die richtige Seite kämpfen: den Journalismus – und zwar Hashtag-geprüft.

Man weiß nicht, ob Voigts beim Tippen seines Tweets eine Träne der Rührung im Auge hatte oder mit einem wohligen Schauer bereits vom Wächterpreis der deutschen Tagespresse träumte, aber man möchte ihm und all den anderen Raunern vom Untergang der Demokratie zurufen: Geht’s vielleicht auch eine Nummer kleiner?

Kämpfe im Berliner Zeitungsviertel während des Spartakusaufstandes 1919 Foto: Wikimedia / JF-Montage

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