Leopard 2A6 der vierten Kompanie des Panzerlehrbataillons 93 Foto: dpa
Kampfpanzer

Dieses System soll den Leopard wieder wettbewerbsfähig machen

Die Bundeswehr hat nicht mehr viele einsatzfähige Kampfpanzer des Typs Leopard 2. Immerhin sollen die aktuell etwas mehr als 200 Exemplare jetzt auf den neusten bekannten Stand der Abwehrtechnik aufgerüstet werden. Dazu erhalten die Leoparden ein sogenanntes Hardkillsystem des israelischen Herstellers Rafael. Der Schritt ist längst überfällig. Andere Armeen haben solche Systeme bereits erfolgreich beschafft.

Das in Rede stehende aktive Schutzsystem Trophy HV verfügt über Sensoren, die anfliegende Panzerhohlladungsgeschosse, Panzerabwehrlenkflugkörper und Geschosse von Panzerabwehrhandwaffen detektieren können. Unmittelbar vor Einschlag vernichtet eine aus Projektilen bestehende Wirkladung das gegnerische Geschoß.

Es ist Konkurrenzsystemen vor allem darin überlegen, daß es gleichzeitig mehrere Bedrohungen erkennen und Gegenmaßnahmen einleiten kann. Ein weiterer Vorteil besteht in der Kombination mit Gefechtsfeldinformationssystemen darin, daß Trophy eigenen oder verbündeten Kräften, die ebenfalls mit kompatiblen Gefechtsfeldinformationssystemen ausgerüstet sind, Informationen über die Position von Gegnern zur Verfügung stellt.

Das System kann hingegen keine flügelstabilisierten Unterkalibergeschosse abwehren, die extreme Geschwindigkeiten erreichen und ausschließlich durch kinetische Energie wirken. Ebenso wird das System, trotz hohem vertikalen Schutz, keinen wirksamen Mehrwert gegen Top-Attack-Flugkörper (wie etwa Javelin-Waffen) sowie gegen Artilleriegeschosse mit Bombletsubmunition oder Suchzündersubmunition bieten.

Der aktuelle Leopard kam in keinem klassischen Gefechtsszenario zum Einsatz

Der aktuelle Leopard kam seit seiner Indienststellung in keinem klassischen Gefechtsszenario zum Einsatz, sondern wurde lediglich in asymmetrischen Konflikten oder sogenannten Friedensmissionen eingesetzt. Die türkische Armee verlor mehrere Leopard 2 des Rüststandes A4 im Syrienkonflikt durch Beschuß mit teils modernen Panzerabwehrlenkraketen mit Tandemhohlladungen oder durch Attacken mit Panzerabwehrhandwaffen aus hauptsächlich panzerungünstigen Positionen in Nahdistanzen.

Die aktuell in der Bundeswehr eingesetzten Generationen 2A5 und A6/A6M sowie wenige ausgelieferte A7 – die Umrüstung einiger Panzer auf A7V dauert noch an – sind zwar am Turm und der Wanne sowie in Teilen des Laufwerks deutlich besser geschützt, hätten aber vergleichbaren Angriffen, insbesondere aus der Flanke, aus dem Rücken oder auf das Turmdach aus stark überhöhten Stellungen ebenfalls wohl nicht ohne schwere Beschädigung standgehalten oder gar Totalausfall erlitten.

Trophy wird die Fähigkeitslücke nicht schließen können

Trophy wird die Fähigkeitslücke, die durch jahrelanges Mißmanagement der Bundeswehr entstanden ist, nicht schließen können. Die deutschen Panzer schneiden zwar bei den Panzerungswerten (rolled homogenous armor) vergleichsweise gut ab. Ihnen mangelt es aber auch an Softkillsystemen, wie sie in der russischen Wehrtechnik etwa mit elektrooptischen Systemen seit Jahren erfolgreich eingesetzt werden. Das System Shtora (Vorhang) beispielsweise kann mit Störnebel und Störstrahlern Gegnern die Zielauffassung erschweren und Steuerungssysteme von Lenkflugkörpern irritieren.

Der Nutzen des neuen Systems steht indes außer Frage. Funktionen wie die unterstützte Ausrichtung der Turmfront auf anfliegende Geschosse machen den Leo zweifelsohne wettbewerbsfähiger. Allerdings: Das beste System bringt nichts, wenn die Panzertruppe dessen Mehrwert nicht durch gute Ausbildung nutzbar machen kann.

Mit den technischen Entwicklungen wachsen auch die Anforderungen an Soldaten und Ausbilder. Aktuell bestehen katastrophale Mängel in der Panzertruppe. Diese sind dem beispiellosen Abbau von Verbänden, Personalmangel sowie dem anhaltend desolaten Verfügbarkeitsmanagement aus der „Leyenzeit“ geschuldet.

Die Masse der erfahrenen Panzermänner, Portepeeträger und Offiziere, hat die Truppengattung im Zuge von Infanterisierungswellen wechseln müssen, wurde entlassen oder ist bereits aus dem Dienst ausgeschieden. Der kleine Stamm der verbliebenen Fachleute wird Dekaden brauchen, um das Ruder herumzureißen.

Wann das System eingesetzt werden kann, ist ungewiß

Zudem stellt das System trotz definierbarer Schutzzonen eine Gefahr für im Verbund kämpfende Infanterie, etwa abgesessen kämpfende Panzergrenadiere oder Jäger, dar. Die Ausrüstung der Panzertruppe stellt also auch andere Waffengattungen vor kleinere Herausforderungen in der Anpassung der Ausbildung.

Perspektivisch soll das Heer samt Schulfahrzeugen über 400 Kampfpanzer verfügen. Eine Menge, die trotz Aufrüstung mit Trophy dennoch nicht im Ansatz geeignet ist, konventionelle Operationen in der Landesverteidigung sicherzustellen. Daran können dann auch Modellprojekte wie das deutsch-französische Hauptbodenkampfsystem MGCS, inoffiziell als Leopard 3 bezeichnet, nichts ändern.

Und hinzu kommt: Es ist ungewiß, bis wann das Trophy-System beschafft und in den Truppenbetrieb überführt wird. Wie mehrere Beschaffungsvorhaben – ob Funkgeräte oder Fahrzeuge – aus der jüngeren Vergangenheit zeigen, verzögerten sich die Pläne aufgrund von desolatem Management teils um Jahre.

Leopard 2A6 der vierten Kompanie des Panzerlehrbataillons 93 Foto: dpa

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