Wenn „Ehemalige“ über ein „Damals“ sprechen, darf man zweierlei voraussetzen: Verklärung angesichts dessen, was war, und Gereiztheit, wenn Nicht-dabei-Gewesene kritische Nachfragen stellen. Was die Gereiztheit angeht, so ist die auch Götz Aly anzumerken, der in einem Interview mit dem Deutschlandfunk auf seine Erfahrungen als Veteran von `68 angesprochen wurde und erkennbar ungehalten reagierte, als der nachgeborene Journalist hinter ein paar Details ein dezentes Fragezeichen setzen wollte.
Was die Verklärung angeht, muß man zugeben, daß Aly anders als viele seiner Altersgenossen von solcher Neigung frei ist. Sein Blick auf `68 ist ausgesprochen kritisch. Dabei geht es ihm nicht bloß um die üblen Begleiterscheinungen – die Naivität im Hinblick auf linke Ideologien jedweder Art, den Führerkult um Mao, Ho und Castro, die Tendenz ins Totalitäre, das Liebäugeln mit und dann die brutale Anwendung von Gewalt -, sondern auch um die Frage der historischen Wirksamkeit.
Die genau zieht Aly in Zweifel. Er gesteht den Achtundsechzigern weder den Durchbruch im Hinblick auf die „sexuelle Befreiung“ zu, noch entscheidende Verdienste bei der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, noch eine katalytische Funktion für die Entstehung der Ökologiebewegung.
Es bleibt ein Störgefühl
Was die Entkrampfung im Verhältnis der Geschlechter betreffe, sei das Wichtigste schon in den fünfziger Jahren gelaufen, und ohne die Segnungen der modernen Pharmakologie in Gestalt „der Pille“ hätte der Satz „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ nie Plausibilität gewonnen; die entscheidende Phase der Vergangenheitsbewältigung habe ihren Ursprung in der Aufklärungsarbeit amtlicher Stellen – nicht zuletzt der Schulen – gehabt; man selbst habe sich eigentlich nur dafür interessiert, Gegner als „Nazis“ zu diskreditieren; die „Grünen“ schließlich wurzelten in einem ganz anderen Ideenbestand als dem der großen Emanzipation.
Solche Feststellungen berühren so sympathisch wie Alys Demontage der Schwarzen Legende von der „restaurativen“ Bundesrepublik. Trotzdem bleibt ein Störgefühl. Das hat zuerst mit dem Subtext seiner Deutung zu tun, der auch schon in seinem Buch Unser Kampf festzustellen war, und darauf abzielt, die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in toto einzubräunen.
Denn so entschieden man der These zustimmen mag, daß der Antifaschismus der Achtundsechziger ein rein instrumenteller war, so wenig ist der Behauptung abzugewinnen, daß man deren Revolte damit erklären kann, daß sich „in dieser ‘68er Generation … sehr ungünstig beide Kriegsniederlagen“ spiegelten oder daß es um einen Akt der Verdrängung ging, bei dem das letzte Ziel „Schuldverschiebung“ war.
Es wurde mehr als eine Weiche falsch gestellt
Solche Argumentation setzt faktisch nicht nur eine Kollektivschuld aller Deutschen, sondern auch deren Vererbung voraus. Aly würde das zwar sicher bestreiten, womit er aber nur einem typischen Reflex eines Achtundsechzigers nachgeben würde, ohne daß das in der Sache irgendeine Bedeutung hätte.
Zuletzt liegt das entscheidende Problem darin, daß Alys Deutung – ganz gleich, ob sie „`68“ als Beschleunigung oder als Verzögerung der „Fundamentalliberalisierung“ (Habermas dixit) betrachtet –, diesen Prozeß selbst nicht als das eigentliche Problem begreifen kann.
Wenn es anders wäre, müßte er auch zugeben, daß in den sechziger Jahren mehr als eine Weiche falsch gestellt wurde. Falsch gestellt insofern, als, ganz gleich, ob im linken Rausch oder in Folge technokratischer Selbstüberschätzung oder als Konsequenz der Durchschnittsfeigheit, Entwicklungen vorangetrieben, scheingesteuert oder ängstlich hingenommen wurden, die jene Formschwäche nach sich zogen, unter der das Gemeinwesen heute nicht nur leidet, sondern zu Grunde zu gehen droht.
In dieser Perspektive wären Kulturrevolution und Massenkonsum und Laissez-faire nur verschiedene Aspekte einer selbstmörderischen Tendenz, die Gesellschaften offenbar immer wieder erfaßt, wenn sie ein gewisses Niveau des Wohlstands und der Sekurität gewonnen haben: „Es endet immer auf dieselbe Weise: Die Zivilisation erreicht eine Reifestufe, auf der sie nicht nur unfähig ist, sich zu verteidigen, sondern auf der sie in scheinbar unverständlicher Weise ihren eigenen Feind anbetet.“ (Imre Kertész)