Fassade der Alice-Salomon-Hochschule Foto: dpa
Alice-Salomon-Hochschule

Poesie-Zensur – Wie eine Hochschule für Sozialarbeit versagt

Die Alice-Salomon-Hochschule (ASH) sorgt aktuell für überregionale Schlagzeilen. Für sich genommen könnte dies ein Grund zur Freude sein, denn immerhin ist die in der Hautstadt ansässige öffentliche Bildungseinrichtung mit ihren 3.700 Studenten nicht nur die größte, sondern auch eine der renommiertesten Lehranstalten für Sozialarbeit in Deutschland. Zudem erfreut sich die Disziplin spätestens seit Ausbruch der Flüchtlingskrise eines gesteigerten Interesses. Plötzlich werden überall Sozialarbeiter gebraucht.

Selbst in politischen Talkshows nehmen sie immer häufiger Platz: Von ihnen erhoffen wir uns Antworten auf die drängenden sozialen Problemstellungen unserer Zeit. Doch, welch ein Dilemma, keine probaten Löschansätze zur zunehmenden Eskalation in sozialen Brennpunkten bestimmen die Themen überregionaler Leitmedien, sondern das Entfernen eines mißliebigen Gedichts auf einem Gebäude ebenjener Hochschule.

Der Urheber der betroffenen Poesie, Eugen Gomringer, war 2011 mit dem Poetikpreis der ASH geehrt. Dafür bedankte sich der 1925 geborene Poet mit einem Gedicht, daß seitdem die Außenfassade der Lehranstalt ziert. Das Gedicht trägt den Namen „Avenidas“ und lautet übersetzt:

„Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer“

Neo-puritanische Tugendwächter

Doch was 2011 noch als lebensfrohes Poem geehrt wurde, kann schon 2018 von neo-puritanischen Tugendwächtern als „sexistisch“ verurteilt werden. Der Allgemeine Studentenausschuß (AStA) der ASH ließ seinem Rektorat in einem offenen Brief mitteilen, daß Gomringers Blumenmetapher als „sexistisch“ zu verurteilen sei. Das Gedicht reproduziere nicht nur „klassische patriarchale Kunsttradition“, sondern, schlimmer noch, erinnere sogar „unangenehm an sexuelle Belästigung der Frauen“.

Darum wird das Gedicht nun also, nachdem die Hochschulleitung nicht den Mut fand, das Weltbild ihrer AStA-Aktivisten umgehend geradezurücken und sich statt dessen einem recht fragwürdig erscheinenden Meinungsfindungs-Prozedere ergab, übertüncht. In Bälde soll politisch korrekte Dichtkunst von Barbara Köhler die Außenfassade der Einrichtung zieren. Diese hatte ihre Chance gewittert, sich der ASH umgehend als Kollaborateuren in Sachen Kunstlöschung anzudienen.

Seitdem tobt eine ausufernde mediale Debatte über Kunstfreiheit durch die Feuilletons. Jedoch, das wesentliche Problem ist hier nicht, daß sich ein paar Gender-Gagas autoritär über die Kunstfreiheit stellen, sondern daß es sich dabei um angehende staatlich verbriefte Sozialarbeiter handelt. An der ASH werden diejenigen für die tagtägliche Praxis ausgebildet, die später mitunter in sozialen Brennpunkten unserer Gesellschaft dafür sorgen müssen, daß diese nicht völlig aus den Fugen gerät.

Streßresistent in soziale Brennpunkte

Und genau dort sind charakterfeste wie streßresistente Persönlichkeiten gefordert, die es verstehen, Werte und Normen unserer Gesellschaft nicht nach eigenem Gutdünken auszuhandeln, sondern ihrem Klientel gegenüber – wenn nötig mit entsprechendem Nachdruck – den Status quo zu vermitteln.

Aktuell schlägt der Cottbuser Oberbürgermeister Alarm. Einzelne Asylbewerberfamilien würden den Kontakt mit Sozialarbeitern verweigern. „Angestellte der Stadtverwaltung werden nur noch respektiert, wenn sie mit Uniform in die Familie gehen.“ Die Welt schreibt: „Sozialarbeiterinnen würden generell nicht ernst genommen.“ Ganz ähnlich äußerte sich der ehemalige Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) in Bezug auf dort ansässige moslemische Migranten-Milieus bereits vor Jahren.

Vor dem Hintergrund dieser ganz aktuellen gesellschaftlichen Probleme stellt sich nun die Frage, ob es nicht viel eher die Aufgabe der ASH gewesen wäre, ihren Sexismus-hypersensiblen AStA-Mitgliedern folgenden, gut gemeinten, Rat zu erteilen:

„Wechseln Sie bitte als Studierende an einer Hochschule für Sozialarbeit in eine sozialarbeiterisch betreute Seelsorgegruppe.“

Fassade der Alice-Salomon-Hochschule Foto: dpa

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