Mutmaßlicher Giftgasangriff in Syrien

Propaganda mit toten Kindern

„Assad mordet weiter: Kinder vergast und die Welt tut nichts.“ Mit Journalismus hat die heutige Titelschlagzeile der Bild-Zeitung nichts zu tun. Es ist ein Appell an verständliche Emotionen mit manipulativer Absicht. Wessen Herz zerbricht nicht bei dem Anblick grausam vergaster Kinder? Wer auch immer für den mutmaßlichen Giftgasangriff in der nordwestlichen Provinz Idlib verantwortlich ist, verdient die Ächtung der internationalen Staatengemeinschaft.

Aber stichhaltige Belege für die Schuld einer Kriegspartei gibt es derzeit keine. Die syrische Regierung und die sogenannten Rebellen präsentieren unterschiedliche Deutungen. Das Auswärtige Amt macht Assad verantwortlich, bleibt aber, ebenso wie die meisten Medien, Belege schuldig. Der an Fakten interessierte Beobachter wird nach der morgendlichen Nachrichtenlektüre mit mehr Fragen als Antworten zurückgelassen.

Cui bono?

Warum soll die Assad-Regierung, die durch die russische Luftunterstützung seit Monaten Territorium von den Rebellen zurückerobert, gerade jetzt ihre militärischen Erfolge aufs Spiel setzen und in Kauf nehmen, vor den Augen der Weltöffentlichkeit als Kinderschlächter gebrandmarkt zu werden?

Welchen militärischen Nutzen sollte sich Assad davon versprechen? Auch der zeitliche Zusammenhang ist bemerkenswert: Der Vorfall ereignete sich wenige Tage, nachdem die US-Regierung mit Blick auf Assad einen Positionswechsel vollzogen hat. Sein Rücktritt soll fortan nicht mehr Bedingung für eine Friedenslösung sein.

Im Krieg stirbt die Wahrheit bekanntlich als erstes. In Syrien ist sie schon seit langem tot. Es wäre nicht das erste Mal, daß eine „False flag“-Aktion Öl ins Feuer eines militärischen Konflikts gießt. Wir erinnern uns: Auch vor dem Beginn der amerikanischen Operation Desert Storm im Irak 1991 mußten tote Kinder als Rechtfertigung herhalten.

Brutkastenlüge in Kuwait

Heute wissen wir: Die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA hat damals die Weltöffentlichkeit belogen, als sie behauptete, irakische Soldaten hätten bei ihrem Einmarsch in dem Golfemirat Babys in Brutkästen ermordet. Dieses Wissen sollte uns zur Skepsis mahnen, wenn Politiker und Medien mit Appellen an unsere Emotionen für militärische Interventionen trommeln.


Nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff in der Idlib-Provinz Foto: picture alliance / AA

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