Zeitungsständer
Zeitungsständer: Parteilichkeit ist schon längt kein Vorwurf mehr Foto: picture alliance / dpa

Zeitungskrise
 

Hochmut kommt vor dem Fall

Die Presse leidet. Sie leidet, weil sie schrumpft. Im Vierteljahresrhythmus berichten die großen, ehemals meinungsbildenden Zeitungen über sinkende Auflagen und schwindende Gewinne; und nichts deutet auf ein Ende dieses ewigen Sinkfluges hin. Etliche Blätter haben den Boden schon erreicht, weitere werden folgen.

Unter den Gründen steht das Internet an erster Stelle. Die meisten Verlage haben das Aufkommen dieses gefährlichen Konkurrenten verschlafen oder verkannt. Wenn überhaupt haben sie zu spät reagiert – und sind dafür vom Leben hart bestraft worden. Verloren haben sie gleich doppelt: zunächst das Anzeigengeschäft, von dem sie früher einmal so gut gelebt hatten. Und dann die Leser – die jungen Leser, die schnell gemerkt haben, daß ihr Hunger auf grenzenlose Information und anspruchslose Unterhaltung vom Internet verläßlicher gestillt wird als von der Presse. Nichts sei älter als die Zeitung von gestern, hieß es bis vor kurzem. Nichts ist älter die Zeitung von heute, heißt es jetzt.

Verlorengegangen ist eine ganze Menge, allem voran die Unabhängigkeit

Die meisten Blätter haben einiges unternommen, um die Verluste aufzufangen oder wettzumachen. Sie taten das, indem sie der Konkurrenz nacheiferten: Die Buchstaben wurden fetter, die Farben greller, Bilder bunter, die Thesen fetziger, der Tonfall simpler und brutaler. Wenn sie schon nicht mehr viel zu sagen hatten, so sollte doch der Auftritt stimmen. Inszenieren statt informieren hieß das gar nicht einmal heimliche Rezept, nach dem gearbeitet und angerichtet wurde. Gebracht hat es nichts, weil man die schnelle Konkurrenz nicht dadurch einholt, daß man ihr nachläuft. Neue Leser sind kaum gewonnen worden, und alte kamen nicht zurück.

Verlorengegangen ist dagegen eine ganze Menge, allem voran die Unabhängigkeit. Um die Einnahmen zu erhöhen, werde er das Anzeigengeschäft „näher an die Redaktion heranführen“, verkündete ein Zeitungsverleger – einer von vielen. Er sprach von Synergieeffekten: die übliche Ausrede von allen, die das Redaktionsgeschehen der Anzeigenakquise dienstbar machen wollen. Die Folgen lassen sich dort besichtigen, wo die Kreuzfahrt in die Karibik auf ein und derselben Seite von der Redaktion beschrieben und vom Veranstalter beworben wird. Oder wo die wohlwollende Rezension des neuen Bestsellers gleich über der Verlagsannonce steht.

„Embedded journalism“ ist eher Regel als Ausnahme

Abhängig geworden ist die Presse aber nicht nur von den Erwartungen der Wirtschaft, sondern auch von den Ansprüchen und den Zumutungen der Macht. Das Wort vom „embedded journalism“, das im Irak-Krieg zum erstenmal die Runde machte, hat immer weitere Kreise gezogen und dürfte mittlerweile eher Regel als Ausnahme sein. Man lockt die Journalisten mit der Aussicht auf ein Tauschgeschäft, bei dem beide Seiten gewinnen. Getauscht werden Informationen, möglichst „exklusiv“ natürlich, gegen das Versprechen, den Informanten gut aussehen zu lassen. Eine Hand wäscht die andere; was übrigbleibt, ist für die Leser, Hörer und Verbraucher da.

Neu ist diese Art von Tauschhandel nicht, wahrscheinlich allerdings noch nie mit besserem Gewissen abgewickelt worden als heute. Es ist noch gar nicht lange her, daß ein bekannter Fernsehpreis unter dem Motto vergeben wurde: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, daß er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache.“ Dem hatte schon Klaus Bölling, Vertrauter von Helmut Schmidt, ausdrücklich widersprochen und damit einem ganzen Berufsstand die Richtung gewiesen. Mit einer guten Sache dürfe, ja müsse sich der Journalist gemein machen, meinte Bölling. Für den Doppelsinn des Wortes, das neben der Gemeinsamkeit auch die Niedertracht, ja den Verrat bezeichnet, hatte er kein Verständnis, seine Nachfolger erst recht nicht.

Parteilichkeit ist längst nicht mehr ein Vorwurf

Parteilichkeit wird längst nicht mehr als Vorwurf betrachtet. Im Gegenteil sind viele Journalisten stolz darauf, Partei zu sein; sie nennen es nur anders, machen es wie Bölling und sprechen statt von Parteilichkeit vom Einsatz für die gute Sache. Fragt man sie, was an der guten Sache denn so gut sei, woran man sie erkennt und wer das definiert, erfährt man nicht viel mehr als das, was in der Zeitung steht. Damit schließt sich der Kreis: Der Journalist wird zum Parteiarbeiter und lebt von der Wiederholung dessen, was er selbst in die Welt gesetzt hat.

Verloren geht damit das Wichtigste, der Abstand. Distanzlosigkeit „rein als solche“, sagt Max Weber, sei eine der Todsünden des Politikers und eine jener Qualitäten, deren Züchtung den intellektuellen Nachwuchs zur politischen Unfähigkeit verurteilen werde. Diese Sünde wird nicht nur von Politikern begangen, sondern auch von all den Journalisten, die ihnen aus der Hand fressen. Mit einem großen Unterschied jedoch: Dem Politiker kann es egal sein, ist es ja auch egal, wie viele Bürger noch zur Wahl gehen oder nicht. Denn der Umfang der Beute, auf die er es abgesehen hat, die Zahl der Ämter und Mandate, bleibt immer gleich. Sie ist unabhängig von der Teilnahme und der Mitwirkung der Bürger.

Anders die Presse. Sie lebt davon, daß sie gelesen, jedenfalls gekauft wird. Wenn ihr die Leser davonlaufen, macht sie etwas falsch. Um es besser zu machen, sollte sie sich daran erinnern, daß Leser unterrichtet statt bevormundet, daß sie belehrt, aber nicht erzogen werden wollen; geschurigelt schon gar nicht. Sie mögen es nicht, wenn man ihnen nur deshalb aufs Maul schaut, um es ihnen gründlich zu stopfen. Kommt man ihnen so, dann wandern sie dorthin ab, wo sie den Mund noch auftun können. Zur Konkurrenz also, ins Internet.

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Dr. Konrad Adam, Publizist, war Feuilletonredakteur der FAZ und bis 2007 Chefkorrespondent der Welt. Er ist Mitbegründer und seit 2013 einer der Sprecher der AfD.

Zeitungsständer: Parteilichkeit ist schon längt kein Vorwurf mehr Foto: picture alliance / dpa
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