Wer lügt, Mr. Lincoln?

Zu den auch in Deutschland meistzitierten Aussprüchen des legendären amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln zählt der Satz: „You can’t fool all the people all the time!“ Das wird immer wieder gern wiederholt, meist mit der vage-wohlfühligen Deutung, hier hätte jemand darauf hingewiesen, daß sich trotz aller Lügen – der notwendigen Begleiterscheinung des Versuchs, die Leute bewußt zum Narren zu halten – in jedem Fall doch irgendwann die Wahrheit herausstellen würde, ganz gleich, welche Anstrengungen zu ihrer Unterdrückung unternommen werden würden.

Nun ist die Wahrheit trotz solcher Behauptungen allerdings kein Selbstläufer und Lincolns Satz nur auf einer banalen Ebene richtig. Natürlich kann auch die bestorganisierte Lüge eigentlich zu keinem Zeitpunkt jemals alle Leute zum Narren halten. Das gilt schon wegen der begrenzten Reichweite, denn es wird immer Personen geben, die von der Lüge nichts gehört haben. Dann wird es immer solche geben, die die Lüge zwar als Wahrheit zur Kenntnis genommen haben, ihr aber nicht die Bedeutung zuschreiben, die der Lügner gern gesehen hätte. Schließlich wird es auch immer ein paar Personen geben, die die Lüge als Lüge durchschaut haben. Ob das dann irgendwelche größeren Folgen hat, muß man jeweils sehen.

Bedeutender scheinen uns deshalb die unmittelbar vorausgegangen Sätze Lincolns zu sein. Er hielt nämlich fest, es sei durchaus möglich, eine begrenzte Anzahl von Menschen dauerhaft zum Narren zu halten, und ja: es sei sogar möglich, alle Menschen wenigstens für eine begrenzte Zeit zum Narren zu halten: „You can fool all the people some of the time, and some of the people all the time.“

Spiegel der eigenen Wirklichkeit

Das ist eine starke Auffassung, die sogar unseren obigen Überlegungen vom notwendig begrenzten Erfolg der Lüge widerspricht und der Lüge also sehr viel zutraut. Es erhebt sich die Frage, was der Redner damit eigentlich sagen wollte und wieso er es für notwendig hielt, diese Feststellungen zu tätigen. War eine spezielle Lüge gemeint, und wer hatte diese Lüge in die Welt gesetzt? Oder darf man in diesem griffigen Syllogismus den unfreiwillig offengelegten Ertrag von Lincolns eigenen Überlegungen darüber erblicken, wie weit man als Politiker die Leute zum Narren halten kann?

Gefallen sind diese Worte bei einer Rede, die Lincoln 1858 in Clinton/Illinois gehalten hat, einem damals kaum zwanzig Jahre alten Nest, das auch heute noch keine 10.000 Einwohner aufweisen kann. Jedenfalls soll das so gewesen sein, denn wie bei so vielen berühmten Politikerzitaten ist auch bei diesem nicht völlig sicher, ob es tatsächlich so gefallen ist. Populär scheint es außerdem erst Jahrzehnte später geworden zu sein, etwa um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Wahrscheinlich wird man also auch hier in der neuen Popularität dieser Wortwahl nichts anderes erkennen können als das gewandelte Lebensgefühl der Allgemeinheit. Es sind weniger die Politiker, die etwas zum griffigen Zitat machen können, als das Publikum, das in manchen ihrer Worte die eigene Wirklichkeit wiederfindet. Phänomene wie der Ausbau der Massenmedien, ihr Einsatz in der Politik und etwa der explodierenden Werbewirtschaft haben vor deutlich mehr als hundert Jahren den Verdacht alltäglich und allumfassend bereitstehender Lügen und Halbwahrheiten entstehen lassen. Die steten Wandlungen von „Bildungs“- und „Geschichts“-Politik ergänzen diesen Eindruck der Verschiebbarkeit von Wahrheit.

Kaum Anlaß für behagliches Zurücklehnen

Viele Philosophen haben zuvor über Probleme objektiver Erkenntnis nachgedacht. Daß zumindest Teile der Wirklichkeit aber ein allzu menschlicher Universalbetrug sein könnten, haben sie zumeist nicht vermutet. Das ist ein „moderner“ Gedanke, den Lincoln laut ins Spiel gebracht hat. (Wir verzichten an dieser Stelle einmal auf die genaue Analyse, ob und gegebenenfalls warum dieser Gedanke zuerst in den USA ausgesprochen wurde.) Dazu kommt unweigerlich die Erkenntnis, daß die Kreativen mit ihrem verlogenen Narrenspiel recht oft durchkommen. Lincolns Hinweis darauf, daß dies nicht immer und nicht umfassend gelingen kann, gibt denn auch zum Wohlfühlen eigentlich wenig Anlaß.

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