Alexander Gauland
AfD-Fraktionschef Alexander Gauland Foto: picture alliance/Revierfoto/Revierfoto/dpa
AfD-Fraktionschef zum Kriegsende

Gauland: Der 8. Mai ist kein Freudentag

Die Reaktionen fielen so heftig wie erwartbar aus. Weil AfD-Fraktionschef Alexander Gauland den 8. Mai als Feiertag für ungeeignet hält und mit der deutschen Kapitulation nicht nur eine Befreiung verbindet, wird ihm eine Relativierung von NS-Verbrechen vorgeworfen und er selbst in die Nähe der Nationalsozialisten gestellt. Im Interview mit der JUNGEN FREIHEIT weist Gauland die Kritik zurück.

Die absolute Niederlage habe zwar befreiende Elemente gehabt, aber auch Elemente des Verlustes und des Leids. Ein Freudentag sei der 8. Mai daher nicht. Er habe sich in seinen Äußerungen auf Richard von Weizsäcker berufen, dessen Rede zum 8. Mai er stets verteidigt habe. Daß er dafür nun als Faschist bezeichnet werde, sei absurd.

Herr Dr. Gauland, Politiker anderer Parteien haben empört auf Ihre Äußerungen zum 8. Mai reagiert. Cem Özdemir von den Grünen wirft Ihnen vor, auf der falschen Seite der Barrikade zu stehen. Bedauern Sie die bedingungslose Kapitulation am 8. Mai?

Alexander Gauland: Das ist völlige Unsinn. Ich bedauere nicht die deutsche Kapitulation. Ich habe nur gesagt, daß der 8. Mai kein Tag zum Feiern und auch kein Freudentag ist. Sicher, für diejenigen, die in den KZs eingesperrt waren, war es eine Befreiung. Aber für viele Millionen Deutsche bedeutete das Kriegsende auch die Vertreibung aus und den Verlust der Heimat. Der Tag ist sehr ambivalent.

 Was meinen Sie damit, die totale Niederlage habe für Deutschland auch den „Verlust von Gestaltungsmöglichkeit“ bedeutet?

Gauland: Daß wir uns für eine gewisse Zeit nicht mehr selbst regieren konnten und ein geteiltes Land und Volk waren.

Kein Verständnis für historische Zusammenhänge 

Wie Sie wissen, steht die AfD beim Thema Nationalsozialismus und Umgang mit der deutschen Vergangenheit stets unter besonderer Beobachtung. Hätten Sie Ihre Worte zum 8. Mai da nicht besser auf die Goldwaage legen müssen?

Gauland: Das sehe ich nicht so. Ich habe mich in meinen Äußerungen auf Richard von Weizsäcker bezogen, der 1985 sagte, der 8. Mai sei für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Und ich sehe beim besten Willen nicht, was daran nun verwerflich sein soll.

Sie meinen von Weizsäckers Rede anläßlich des 40. Jahrestags des Kriegsendes, in der er sagte: „Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern.“ Warum ist eine solche Ansicht heute offenbar nicht mehr vertretbar, was hat sich geändert?

Gauland: Das Verständnis für historische Zusammenhänge ist offensichtlich völlig verlorengegangen. 1985 gab es viele CDU-Politiker, die haben von Weizsäckers Rede scharf kritisiert, um es vorsichtig zu formulieren. Da fielen auch Wörter wie „Verrat“. Ich habe die Rede damals für richtig gehalten und sie stets verteidigt. Und heute wird man für genau diese Aussagen als „Faschist“ bezeichnet. Wer so argumentiert, den kann ich nicht mehr ernst nehmen.

Es ist, wie Boris Palmer kürzlich gesagt hat. Wir können in diesem Land keine intellektuelle Auseinandersetzung auf inhaltlicher Ebene mehr führen. Es wird stets Haltung verlangt. Und wer nicht die richtige Haltung hat, mit dem soll nicht diskutiert werden. Man darf zwar alles sagen, aber wenn man bei bestimmten Fragen nicht die richtige vorgefertigte Meinung hat, wird man ausgegrenzt. So entsteht ein Klima der Intoleranz, bei dem man sich – wie hat es Herr Özdemir gesagt – auf unterschiedlichen Seiten der Barrikade gegenübersteht.

Es gibt kein Volk der Täter

Was verbinden Sie persönlich mit dem 8. Mai?

Gauland: Wir waren in einem kleinen Ort bei Chemnitz. Leider hat eine Abteilung der Wehrmacht mit einem fanatischen Leutnant kurz vor dem 8. Mai versucht, diesen Ort als Festung zu verteidigen. Das führte dazu, daß die Rote Armee, nachdem sie ihn eingenommen hatte, dort ausgiebig plündern durfte. Diese Rache habe ich erlebt. Ich konnte mit ansehen, wie mein Vater sich abmühte, meine Mutter vor der Vergewaltigung zu bewahren, was ihm zum Glück auch gelang. Viele andere Frauen hatten weniger Glück, ich konnte sie schreien hören.

Daß die Sieger des Zweiten Weltkriegs dessen Ende feiern, ist verständlich. Aber sollten Besiegte wirklich ihre Niederlage feiern?

Gauland: Der Sender Sputnik hat mich gerade gefragt, ob ich am 9. Mai in Rußland an einer Parade zum Tag des Sieges teilnehmen würde. Ich habe das verneint, mit der Begründung, daß das für uns Deutsche kein Feiertag ist. Die Russen haben jedes Recht, ihren Sieg zu feiern und dürfen sich natürlich freuen. Aber als Angehöriger des Volkes, das damals besiegt wurde, kann ich da nicht mitfeiern. Das gilt auch für ähnliche Veranstaltungen in der Normandie, wo ja beispielswiese Frau Merkel teilgenommen hat.

Laut der Linken waren die Deutschen in der NS-Zeit Täter und keine Opfer. Aber können Täter denn eigentlich befreit werden?

Gauland: Sie haben völlig recht. Ja, es gab damals deutsche Täter. Es gab aber auch viele Deutsche, die selbst Opfer wurden, ohne jemals zuvor Täter gewesen zu sein, die sogar nie Hitler gewählt hatten. Deswegen gibt es kein Volk der Täter. Und wenn man von Befreiung spricht, dann heißt das ja, daß die Deutschen vorher unfrei waren. Man kann aber schlecht schuldig sein, wenn man unfrei war. Das zeigt, wie falsch und schief das gesamte Bild vom „Tag der Befreiung“ ist.

Verlust der Heimat der Ostdeutschen

Sind die Alliierten Ihrer Ansicht nach als Befreier gekommen?

Gauland: Sie sind natürlich ursprünglich als Besatzer gekommen. Eine Befreiung war gar nicht ihr Ziel, schon gar nicht die der Deutschen. Sie haben sich aber im Laufe der Zeit teilweise auch zu Befreiern entwickelt. Zum Beispiel, indem sie uns die Möglichkeit zur demokratischen Entwicklung gaben. Oder auch mit wirtschaftlichen Hilfen wie dem Marshall-Plan. Und selbst in der Spätphase der DDR waren die dortigen Sowjetsoldaten nicht mehr nur Besatzer, sondern gehörten einfach dazu und haben am Ende die friedliche Revolution möglich gemacht.

Wenn der 8. Mai pauschal als „Tag der Befreiung“ gefeiert wird, verwischen dann nicht auch die Unterschiede, wie sich die einzelne Siegermächte gegenüber den Besiegten verhalten haben?

Gauland: Natürlich haben sich die einzelnen Besatzungsmächte unterschiedlich verhalten. Aber darum geht es bei der heutigen Frage um die Bewertung des 8. Mai nicht. Es geht um uns Deutsche selbst. Und für uns ist dieser Tag höchst ambivalent. Es war eine absolute Niederlage, die sowohl befreiende Elemente hatte, aber auch Elemente des Verlustes. Des Verlustes der Heimat der Ostdeutschen.

Wie sollten die Deutschen Ihrer Ansicht nach den 8. Mai begehen?

Gauland: Als Tag der Erinnerung an das Ende einer Epoche, die für eine begrenzte Zeit zur Daseinsverfehlung der Deutschen geworden ist. Daran sollten wir immer erinnern. Ebenso an das Elend des Kriegs und die Verbrechen der eigenen Führung. Die Erinnerung daran müssen wir wachhalten. Feiern sollten wir das aber nicht. Vielmehr sollten wir bei der Erinnerung nicht vergessen, daß auf diese Zeit eine neue Zeit folgte, in der wir ein anderes Deutschland wurden und auch neue Freunde gewannen.

AfD-Fraktionschef Alexander Gauland Foto: picture alliance/Revierfoto/Revierfoto/dpa

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