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Gerhard-Löwenthal-Preis
 

Spaemann: Die Vorwürfe gegen Helmut Matthies sind empörend

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Robert Spaemann Foto: Privat

BERLIN. Der Philosoph Robert Spaemann hat den Chef der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, Helmut Matthies, gegen Angriffe aus der Kirche wegen der Annahme des Gerhard-Löwenthal-Preises in Schutz genommen

Unterdessen ist es zwischen der Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Ilse Junkermann, Oberkirchenrat Christhard Wagner, dem idea-Vorsitzenden, Pastor Horst Marquardt, und Helmut Matthies am Mittwoch zu einem Gespräch im Augustinerkloster in Erfurt gekommen. Anlaß war die Pressemitteilung der EKM vom 28. Dezember 2009, in der die Annahme des Gerhard-Löwenthal-Ehrenpreises für Publizistik 2009 durch Helmut Matthies kritisiert wurde.

Über diese Annahme und die damit verbundene Außenwirkung besteht nach Angaben der Teilnehmer weiterhin eine unterschiedliche Einschätzung. Bei der Begegnung sei aber darin Übereinstimmung erzielt worden, daß christlicher Glaube unvereinbar mit Rechtsextremismus ist. Der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland liege es fern, idea und Pfarrer Matthies mit Rechtsextremismus zu identifizieren.

Helmut Matthies hat es abgelehnt, den Preis zurückzugeben oder sich von der JF zu distanzieren.

JF-Interview mit Robert Spaemann:

Herr Professor Spaemann, zuletzt hat der ehemalige Direktor des Instituts für Kirchenrecht der EKD, Axel von Campenhausen, die Angriffe der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM), gegen Idea-Leiter Helmut Matthies kritisiert. Nun tun das auch Sie, warum?

Spaemann:  Weil ich die Vorwürfe, von denen ich erst am Montag Kenntnis bekommen habe, empörend finde. Um so mehr, weil sie Teil eines Prozesses der zunehmenden Einschränkung der Meinungsfreiheit sind. Denn inzwischen ist diese bei uns eingeschränkter als in der oft geschmähten Adenauer-Zeit.

Auch damals war natürlich viel böse Polemik im Spiel, aber es gab doch eine sehr viel stärkere Auseinandersetzung in der Sache: Trotz allem ist man auf die Argumente der Gegenseite eingegangen – und sei es nur, um zu zeigen, daß sie falsch sind. Heute ist der Tenor dagegen nicht: „Das ist in der Sache falsch“, sondern: „Das darf man doch nicht offen sagen“. Das ist beängstigend.

Helmut Matthies wird von der EKM die Annahme des Gerhard-Löwenthal-Preises für Publizisten im Dezember vorgeworfen, weil dieser neben der Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung (FKBF) auch von der JUNGEN FREIHEIT ausgelobt wird.

Spaemann: In den fünfziger Jahren war es sogar möglich, in der Debatte den Stalinismus zu verteidigen! Allerdings kann man das nicht mit dem Fall Matthies vergleichen, denn dieser hat ja noch nicht einmal ein echtes Tabu verletzt. Schließlich ist es völliger Unsinn, wenn die EKM in ihrer Pressemitteilung behauptet, die Annahme des Gerhard-Löwenthal-Preises verletze die „Tabugrenze im Graubereich zum Rechtsextremismus“.

Nicht Matthies handelte unredlich, sondern die, die ihn dessen anklagen, weil sie dem Prinzip folgen, alles, was rechts ist, in Zusammenhang mit Gewalt und Extremismus zu bringen. Doch in Wirklichkeit sind sich die Extremisten links und rechts viel verwandter als die Gemäßigten und die Extremisten auf einer Seite. Ich will sagen, es ist falsch zu behaupten, wenn man rechts ein bißchen weiterdenke, lande man bei den Nazis.

Nein, der Ort, von dem aus man ganz schnell ethisch bei den Nazis landet, ist der Linksextremismus, weil sich die Extreme berühren. Und andersherum gilt zudem, wie ich einmal in einem Aufsatz über die Ontologie  von Rechts und Links geschrieben habe, daß zu jeder gesunden und freien menschlichen Gesellschaft eine Rechte und eine Linke gehört. – Übrigens ohne diese gibt es auch keine Mitte.

Sie selbst sind Katholik, geht Sie der Fall überhaupt etwas an?

Spaemann: Kirche, egal ob evangelisch oder katholisch, muß Platz haben für eine Vielfalt politischer Positionen. Wenn sie sich aber an der Diffamierung eines normalen politischen Standpunktes beteiligt wie in diesem Falle des Konservatismus, macht sie sich im Grunde selbst zur Polit-Sekte.

Sie haben selbst schon für die JUNGE FREIHEIT geschrieben. Warum?

Spaemann: Ich möchte die Frage umkehren: Warum nicht? Ich gebe zu, zunächst hatte ich auch Vorbehalte gegen Ihre Zeitung, weil ich sie nur vom Hörensagen kannte und entsprechende Dinge vernommen hatte. Als ich die Zeitung dann aber einmal selbst in die Hand bekam, fand ich diesen schlechten Ruf nicht bestätigt. Ich frage mich bis heute: Wo findet man darin etwas Extremistisches?

Man kann sicher gegen vieles sein, was Sie schreiben, aber man kann nicht sagen, daß dies irgendwie gegen das Grundgesetz verstößt. Also die Antwort auf Ihre Frage, warum ich auch schon für Sie geschrieben habe ist: Weil ich im Gegensatz zu Ihren meisten „Kritikern“ Ihre Zeitung kenne!

Prof. Dr. Robert Spaemann zählt zu den bedeutendsten konservativen Philosophen Deutschlands. Er lehrte in Stuttgart, Heidelberg, München, an der Sorbonne, in Rio de Janeiro und Salzburg, veröffentlichte zahlreiche Bücher und Aufsätze, unter anderem in FAZ, Welt, Zeit oder Cicero. Seine Werke sind in 13 Sprachen übersetzt. Geboren wurde Spaemann 1927 in Berlin.

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