Schwedens Eva Herman

Eltern, die pädagogischen Beistand benötigen, schauen nicht unbedingt auf den akademischen Titel desjenigen, den sie um Rat fragen. Sollten sie sich aber ausgerechnet an eine ältere Dame mit Nasenpiercing wenden, die aus einem zerrütteten Elternhaus stammt, selbst siebenfach geschieden ist und neun Kinder von verschiedenen Männern hat? Tatsache ist: Sie tun es. Anna Wahlgren, die wohl berühmteste lebende Mutter Schwedens, erhält und beantwortet auf ihrer Netzseite www.annawahlgren.com täglich dutzende Anfragen ratloser Mütter und Väter. Meist geht es ums Kleinklein des Erziehungsalltags; um Chaos bei Tisch, Streit ums Fernsehen, Überlastungssymptome. Wahlgren berät liebevoll und geduldig, dabei ist sie auf all diese Widrigkeiten längst grundlegend eingegangen — in den 27 Büchern, die sie geschrieben hat. Eins davon, der auch in Deutschland seit 2004 populäre Wälzer „Das Kinder-Buch“, ist seit über zwei Jahrzehnten in Schweden ein Verkaufsschlager. Die mittlerweile zwölffache Großmutter aus dem südschwedischen Lund war stets am häuslichen Schreibtisch tätig: „Die Kinder waren meine Universität.“ Die Verteidigung des Heim-Arbeitsplatzes hat sie in den letzten Jahren zu einer streitbaren, ja, streitlustigen Person gemacht. In die hiesige Krippen-Debatte hatte sich die unkonventionelle Kinderexpertin mit einem „Appell an die deutschen Mütter“ eingeklinkt — worauf sie von Kritikern als „schwedische Eva Herman“ apostrophiert wurde. „Rettet Euren Kinder wenigstens die ersten drei Jahre!“ forderte Wahlgren. Dem Feminismus sei es als Versagen anzulasten, daß Frauen den Männern in puncto Berufskarriere blindlings nachgeeifert hätten. Schweden, das als Vorreiter einer modernen Familienpolitik gilt, sei mitnichten ein kinderfreundliches Land. Für Wahlgren steht fest: Krippen schaden Kindern! Dem Argument der finanziellen Notwendigkeit eines Doppelverdienstes mißtraut sie. Es sei ein fataler Kreislauf, wie besessen zu arbeiten, um Geld zu verdienen, damit das alte, kinderfeindliche System aufrechterhalten werden könne. Zum anderen gelte es, Prioritäten zu setzen; schließlich hat Wahlgren selbst bewiesen, daß man auch ohne Finanzpolster ein beglückendes Familienleben führen kann. Wer ohne Not sein Kleines in institutionelle Betreuung gebe, entziehe nicht nur dem Kind die Mutter als „wichtigstes Grundnahrungsmittel“, er, besser: sie betrüge sich selbst um eine bereichernde, vielleicht die schönste Lebenszeit.  Die Vermittlung von Lebenslust, Gelassenheit und „Gemütlichkeit“ im Umgang mit dem Nachwuchs ist stets zentrales Bemühen der unermüdlichen Publizistin — auch in ihrem neuesten Ratgeber, dem „Durchschlafbuch“, das kurz vor ihrem 66. Geburtstag im Oktober in deutscher Übersetzung erschienen ist (JF 45/08). Hier tritt übrigens noch ein weiteres Zauberwort elementarer Erziehungsgrundsätze in den Vordergrund: die Konsequenz — vielleicht die härteste Übung für junge Eltern.

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