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„Klassisch ist menschlich“

Herr Stuhlemmer, Sie gestalten Fassaden des 18. und 19. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert. Wieso das denn?

Stuhlemmer: Wie oft haben wir vorgeschlagen, an historischer Stelle etwas Historisches zu rekonstruieren, und dann hieß es: „Aber das ist doch jetzt eine tolle Chance für die moderne Architektur!“ Doch wenn diese dann stand, war sie fast immer weder besonders atemberaubend, noch gelang es ihr, die historische Wunde im Stadtbild zu schließen, wie es eine Rekonstruktion vermocht hätte.

Ich habe die Erfahrung gemacht, daß die Bürger meistens doch Architektur wollen, die für ihre Stadt oder ihre Region steht, etwas, das sie zum Ausdruck bringt – viel lieber als einen modernen Internationalismus, der überall stehen könnte.

Außergewöhnlich, daß Sie es wagen, das Fehlen von Ornament im zeitgenössischen Bauen zu beklagen. Ein Tabubruch! Denn klassisch gilt der modernen Architektur wortwörtlich „Ornament als Verbrechen“.

Stuhlemmer: Zu allen Zeiten wurde Architektur nicht nur von Baumeistern, sondern auch von Künstlern geschaffen. Denken Sie an Schinkel, der war gleich beides in einer Person. Das gilt bis zum Bauhaus, das 1919 begann. Von da an waren Schmuck, Verzierung und Ornament verpönt. Das halte ich für einen Fehler. Denn diese stellen ein vermittelndes Element zwischen Mensch und Architektur dar.

„Ich mußte feststellen, die Leute nehmen Modernes oft nicht an“

Ihr bekanntester Bau ist die Alte Kommandantur in Berlin am Boulevard Unter den Linden, prominent plaziert gegenüber Dom, Schloßplatz und Museumsinsel und errichtet 2003: ein neues Gebäude im alten Gewand.

Stuhlemmer: Anders als etwa die Frauenkirche in Dresden, die vollständig nach altem Vorbild errichtet wurde, ist die Alte Kommandantur im Inneren modern geschnitten und gestaltet. Die Fassade allerdings, also der Teil, für den unser Büro verantwortlich war, ist – bis auf die Tatsache, daß sie zweischalig ist – eine präzise Rekonstruktion des historischen Vorbilds von 1874. Wir haben sogar den Sandstein im selben schlesischen Bruch brechen lassen wie das originale Material.

Hätten Sie sich während Ihres Studiums träumen lassen, daß sie einmal historische Bauten rekonstruieren?


Stuhlemmer:
Auf keinen Fall. Damals ist das undenkbar gewesen. Die Devise war: Neu ist die Zukunft! Aber ich habe nach dem Studium rasch feststellen müssen, daß die Menschen diese Art zu bauen oft nicht annehmen. Konkret: Ich hatte als frischgebackener Architekt Gaststätten zu entwerfen. Als schließlich die Gäste kamen, betraten sie bewundernd den Gastraum und äußerten beeindruckt: „Ist das aber schick!“ – und sind nebenan ein Bier trinken gegangen. Denn nebenan gab es noch ein gemütliches Bierlokal im traditionellen Stil.

Gute Architektur muß eben nicht nur eine Idee haben, sondern auch menschengemäß sein. Und da kann man von den alten Meistern viel lernen: Die alten Stile wie etwa Renaissance, Barock oder Klassizismus und die Lehre von klassisch gegliederten Baukörpern verbinden nämlich beides zumeist auf geniale Weise.

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„Hingeklotzte Neubauten – langweilig und nichtssagend“

Die moderne Architektur wollte dagegen gezielt mit der alten Welt brechen. Ist das das Problem?


Stuhlemmer:
Architektur sollte ein Mittel sein, um die Welt an den Menschen anzupassen. Für die Moderne aber war sie ein Mittel, um den Menschen zu „befreien“, also einen neuen Menschen in einer schönen neuen Welt zu schaffen. Im Grunde ging es darum, eine Welt zu konstruieren. Aber Menschen fühlen sich in Konstrukten nicht wirklich bei sich, Menschen neigen zu Gewachsenem.

Sie lehnen die Moderne aber keineswegs ab.

Stuhlemmer: Ganz und gar nicht, die moderne Architektur hat nicht nur ihre Berechtigung, sie ist auch wichtig und bedeutend, und ich möchte sie nicht missen. Ich habe selbst ein Zeugnis modernen Bauens im Originalzustand rekonstruiert: den durch Anbauten entstellten und schließlich wegen Baufälligkeit abgerissenen Berliner U-Bahnhof „Krumme Lanke“. 1929 von Alfred Grenander im Stil der Neuen Sachlichkeit geplant und in Europa richtungweisend geworden!

Aber ich kritisiere zweierlei: Erstens den unsachgemäßen Umgang mit dem modernen Stil. Wenn neue Stadtviertel in neuem Stil gebaut werden, ist das eine Sache. Wenn aber, wie nach dem Zweiten Weltkrieg massenhaft geschehen, moderne Bauten in unsere historischen Innenstädte geklotzt werden, dann ist das etwas völlig anderes.

Dieses Plazieren am falschen Ort hat so viel Schaden angerichtet. Zweitens: Man muß anerkennen, daß die erste Generation, also die Bauhaus-Architekten, die alten Stile noch kannte und sie ihre Architektur aus dieser Tradition heraus entwickelte. Doch spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das moderne Bauen immer abstrakter, bis zum Schluß nichts mehr übrigblieb als Kieselkratzputzfassade und der reine
Massenfunktionalismus.

Es war totlangweilig und nichtssagend geworden, aber wer etwas auf sich hielt, der bestellte, dem damaligen Zeitgeist folgend, eben Architektur in solchem Stil als Beweis seiner „Modernität“.

„Beton wirkt kalt und tot auf uns“

Was aber ist es konkret, daß Architektur menschengemäß – beziehungsweise andererseits oft so unmenschlich – macht?

Stuhlemmer: Ich würde drei Faktoren nennen: die Materialien, Farbe und Licht und die Proportionen. Nehmen Sie das Beispiel Beton. Das Material wirkt kalt und tot auf uns. Sicher wäre ein Gebäude aus einem schwermütigen Stein wie etwa Schiefer auch keine Seelenfreude, aber selbst dieses Material vermittelt noch, daß es natürlich gewachsen ist. Dann: In seinem stumpfen Grau fehlt dem Beton jede natürliche Farbe.

Selbst ein Sonnenuntergang kann ihm keine Wärme und Lebendigkeit entlocken. Und schließlich: Die zweifellos beeindruckenden, mitunter allen Gesetzen der Schwerkraft scheinbar widersprechenden Konstruktionen, die sich mit Beton verwirklichen lassen, führen dazu, daß das menschliche Maß, die Proportionen, verlorengehen. Allerdings nicht nur die Moderne ist da auf Abwege geraten. Auch Gebäude im klassischen Stil können mißraten, wenn sie diese Parameter außer acht ließen.

„Architektur strukturiert und gestaltet Stadtraum“

Was aber macht eine Stadt zur Stadt? Welchen Bezug haben Architektur und Stadt?

Stuhlemmer: Architektur strukturiert und gestaltet Stadtraum. Das heißt also zum Beispiel die geschlossene Straße, die sich dann – mit einem „Aha-Effekt“ – zu einem Platz hin öffnet: sinnliche und deduktive Abfolgen von Enge und Weite. Heute ist dieser Zusammenhang in unseren Innenstädten vielfach zer- oder zumindest gestört. Oder denken Sie an ein strukturierendes Prinzip wie die Via Triumphalis, wie wir sie aus dem Barock kennen.

Ich halte sie auch heute noch für ein Grundprinzip gelungenen Städtebaus. Aber wenn Sie so was laut sagen, riskieren sie schon Ärger mit der politischen Korrektheit, denn Prachtstraßen sind in der Demokratie angeblich nicht zeitgemäß. Wie zeitlos aktuell diese Idee aber tatsächlich bis heute ist, zeigt sich darin, daß sie immer wieder auftaucht. Denken Sie zum Beispiel an den Streit um das Stadtschloß in Berlin. Da geht es im Grunde auch um diese Frage.

Der Wiederaufbau des Schlosses bedeutet nämlich, sich zur Achse Unter den Linden als Via Triumphalis – der seit der Sprengung des Schlosses sozusagen der entscheidende „Schlußstein“ fehlt – zu bekennen. Und den Gegnern des Wiederaufbaus ist ja nicht nur das Schloß an sich zu „imperial“ und von zu hoher historischer Kontinuität, sondern unterschwellig auch das damit einhergehende Bekenntnis zum Boulevard Unter den Linden als wieder funktionierender Prachtstraße der deutschen Hauptstadt unangenehm.

„Sind London, Paris oder Berlin wirklich noch Städte?“


Ist eine Stadt wie Berlin, die im Grunde kein Maß mehr hat, überhaupt noch eine Stadt?


Stuhlemmer:
Das ist die Frage. Ist eine Stadt das funktionierende Gewebe von Zentrum – also Markt, Rathaus, Kirche – und Gliedern – also Stadtvierteln –, die von in Bezug zueinander stehenden Straßen zusammengehalten werden? Bedeutet „Stadt“ also, daß die verschiedenen Elemente noch in Verbindung stehen und ein Ganzes bilden?

Dann wären Metropolen wie Berlin, Paris oder London in der Tat keine Städte mehr, denn sie stellen eher Stadtlandschaften beziehungsweise urbane Dschungel dar. Andererseits haben gerade diese Großstädte neue Formen der Strukturierung hervorgebracht. Etwa durch Elemente wie die genannte Prachtstraße oder repräsentative, zentrale Plätze etc. Das unterscheidet zum Beispiel eine gelungene Stadt wie Paris von einer Akkumulation von Häusern wie vielleicht Mexiko-Stadt.

Mit der Entmischung der alten Stadtstrukturen kam es nach dem Zweiten Weltkrieg zumindest zu einem Teilabsterben des Stadtraums. Sehen Sie in jüngster Zeit seine Renaissance?

Stuhlemmer: Ja, eine Rolle dabei spielt sicher auch, daß nach dem Krieg Architektur auch ein Mittel zur Vergangenheitsbewältigung war: Mit dem Abriß alter Bauten und dem Bau im modernen Stil wollte man unter Beweis stellen, daß man bereit war, mit der als belastet betrachteten Vergangenheit zu brechen. Dieser ideologische Impetus hat sich heute sicher abgeschwächt.

Aber insgesamt kommt heute das Bedürfnis der Bevölkerung nach lebendigen und heimatlichen Strukturen wieder stärker gegenüber den Ideen der modernen Architekten zum Zuge. Mir sagen Investoren etwa, daß sich Neubauten, die eher Anklänge traditioneller Architektur aufweisen, leichter vermieten lassen, als etwa die üblichen Stahl-Glas-Kästen.

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„Architektur war lange ein Mittel zur Vergangenheitsbewältigung“

Wird also zunehmend die Rekonstruktion alter Bauten mit neuen Mitteln, die Errichtung neuer Bauten mit alten Anklängen ergänzen?

Stuhlemmer:
Das könnte die Zukunft sein. Warum etwa ist ein als modern eingeschätzter Architekt wie Hans Kollhoff so gefragt? Weil er menschliche Aspekte in Material und Gestaltung berücksichtigt. Falls Sie in Berlin den Touristenschwerpunkt Potsdamer Platz kennen: Dort läßt sich das im Vergleich gut studieren.

Da steht ein Backstein-Fassaden-Hochhaus Kollhoffs dem Stahl-Glas-Turm der Deutschen Bahn, erbaut vom Star-Architekten Helmut Jahn, direkt gegenüber. Gut, warum nicht auch mal Stahl-Glas? Aber der Vergleich zeigt einfach die gewisse Überlegenheit klassischer Prinzipien aus menschlicher Sicht.

Also könnte die mitunter gern als „völkisch“ verunglimpfte und lange fast vergessene „Stuttgarter Schule“, damals Konkurrenz zum Bauhaus, doch die Zukunft sein?

Stuhlemmer: In abgewandelter Form ist das gut möglich. Denn es kann nur nützen, die Vordenker der Idee, auf klassische Weise modern zu bauen, wiederzuentdecken. Meine Hoffnung aber ist vor allem, daß die Architekten wieder lernen, aus der Tradition heraus modern zu bauen und daß sie sich wieder daran erinnern, für wen sie das tun: für Mensch und Stadt.

Rupert Stuhlemmer ist Chef des  Architekturbüros „Stuhlemmer Architekten“, gemeinsam mit seinem Sohn York ist er spezialisiert auf die Wiederherstellung historischer Bauten und Fassaden. Zu seinen Projekten gehören ebenso Kirchen und Schlösser wie Bürgerhäuser, Plätze und Stadtensembles.

Am bekanntesten sind seine Fassadenentwürfe für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses, auf deren Grundlage der Förderverein Berliner Stadtschloß e.V. den Architektenwettbewerb zum Wiederaufbau ausgeschrieben hat. Weitere Beispiele sind das Kommandantenhaus („Alte Kommandantur“) Unter den Linden, das Bundespresseamt in Berlin oder Teile der Innengestaltung für den Wiederaufbau des Braunschweiger Stadtschlosses. Geboren wurde Rupert Stuhlemmer 1937 in Berlin.

> Weitere Information zu Stuhlemmer Architekten

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