Hoch gepokert

Der georgische Präsident Micheil Saakaschwili hat hoch gepokert und – nach bisheriger Erkenntnis – hoch verloren. Sein in der Nacht vom 7. auf den 8. August nach tagelangen Schießereien begonnener Angriff auf Südossetien war offenbar ein eigenmächtiges, in keiner Weise mit der US-Regierung oder anderen potentiellen Verbündeten abgesprochenes Vabanquespiel. Wie bei praktisch allen seinen Landsleuten ist auch das politische Denken des im Herbst 2003 durch den Sturz des despotischen Schewardnadse mit der „Rosenrevolution“ an die Macht gekommenen Saakaschwili von einem lebhaften kollektiven Gedächtnis geprägt, das bis in die hochmittelalterlichen Glanzzeiten des seinerzeit mächtigen – unter anderem Ossetien und Abchasien umfassenden – georgischen Reiches zurückgeht. Dem russischen Gegner wirft der durch jüngste Erfolge bei Präsidentschafts- und Parlamentswahlen bestätigte Saakaschwili vor, nach dem Zerfall des Sowjetimperiums die aufbegehrenden Südosseten und Abchasen schrittweise vom „Mutterland Georgien“ entfremdet und entgegen allem Völkerrecht de facto zur Unabhängigkeit und letztlich zum absehbaren Anschluß an die Russische Föderation geführt zu haben. Die Massenvertreibung von über 200.000 Georgiern und damit die „ethnische Säuberung“ beider Konfliktzonen nach haßerfüllten Kämpfen 1992 bis 1994 sei von Moskau billigend in Kauf genommen wurden. All das haben die Georgier und ihr eloquenter Präsident nicht vergessen und sinnen seit Jahren auf Revanche und Wiederherstellung der territorialen Integrität des Landes. Letzteres möglichst nach dem Muster der unblutigen Wiederangliederung der ebenfalls auf Distanz zu Tiflis gegangenen südwestgeorgischen Region Adscharien Ende 2003. Der erst 40jährige Saakaschwili ist gebildet, spricht vier Fremdsprachen und gilt als fleißiger und nicht ungeschickter Reformer. Andererseits fiel der auf Minderheitenrechte spezialisierte Jurist, der in der Ukraine und den USA studierte und promovierte und eine Niederländerin heiratete, schon während seiner ersten Amtszeit durch totalitäre Züge in der Innenpolitik sowie eine ungewöhnlich schroffe Rußland-Diplomatie auf. Auch hier verschätzte er sich hinsichtlich der eigenen Möglichkeiten und der Grenzen amerikanisch-europäischer Solidarität. Daß es nur vereinzelt zu heftigen Reaktionen rußlandkritischer Staaten kam – etwa der gemeinsamen Erklärung Polens, Estland, Lettland und Litauens, die vor der „imperialistischen und revisionistischen Politik“ des Kreml warnten -, war nur das letzte Glied in einer Kette propagandistischer Niederlagen, die in Verkürzung der Zusammenhänge Georgien letztlich als Aggressor und Rußland als Angegriffenen erscheinen lassen. Doch Saakaschwili ist nicht der einzige Verlierer. Der „Olympiakrieg“ dürfte vor allem als – nach dem Irak und Afghanistan – dritter Meilenstein auf dem Weg zum Niedergang der US-Supermachtstellung in die Geschichte eingehen.

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