Die Angst fährt immer mit

Es sind nicht nur die nahezu alltäglichen Angriffe seitens zumeist ausländischstämmiger Fahrgäste, derer sich die Berliner Busfahrer erwehren müssen, inzwischen werden sie auch durch die Rechtsprechung attackiert. So kommentierte der Betriebsratsvorsitzende der BVG-Tochter Berlin-Transport (BT) das jüngste Gerichtsurteil als einen „Schlag ins Gesicht für alle Kolleginnen und Kollegen, die hinter dem Lenkrad sitzen“. Hintergrund seiner Empörung ist das erstaunlich milde Urteil gegen die beiden Türken Mehmet S. und Selcuk B., die zu dreieinhalb beziehungsweise drei Jahren Gefängnis verurteilt worden sind – und die sich bis zum Haftantritt weiter auf freiem Fuß befinden. Beide hatten am 1. März dieses Jahres einen – ebenfalls türkischstämmigen – Busfahrer niedergestochen, nachdem dieser sie aufgefordert hatte, den Bus der Linie M29 zu verlassen. Dort hatten die zwei trunkenen Täter, die von einer Hochzeit kamen, zuvor die Fahrgäste angepöbelt. Als sie an der Haltestelle Oranienstraße in Kreuzberg aussteigen sollten, zerrten sie am Busfahrer herum. Zwei Frauen, die schlichten wollten, wurden mit Schlägen abgewimmelt. Im anschließenden Gerangel hatte der 25 Jahre alte Mehmet S. dem Busfahrer von hinten das Messer in den Rücken gestoßen. Das 34jährige Opfer ist zwar physisch genesen, aus psychischen Gründen aber noch nicht wieder arbeitsfähig. Mit dem Urteil waren die Richter deutlich unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft geblieben, die für den Messerstecher eine sechsjährige Haftstrafe gefordert hatten. Der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Bodo Pfalzgraf, fand angesichts des Urteilsmaßes deutliche Worte. Mit Blick auf die Urteile gegen jene zwei Täter, die in der Münchner U-Bahn einen Rentner brutal zusammengeschlagen hatten, forderte er den einen oder anderen Berliner Richter auf, mal in München zu „hospitieren“. Der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Frank Henkel, befand es als „völlig unangemessen“, daß die Täter bis zum Haftantritt in Freiheit sind. Für den Sprecher des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Michael Böhl, ist schlechterdings nicht nachvollziehbar, warum die Tat nicht als versuchter Totschlag, sondern als gefährliche Körperverletzung gewertet wurde: „Wer von hinten in den Oberkörper sticht“, sagte Böhl, „nimmt den Tod des Opfers billigend in Kauf.“ Tatsächlich hatten die Täter bei ihrem Angriff angekündigt, den Mann zu töten. Deren Drohung „Wir stechen dich ab!“ vermochte die Richterin gleichwohl nicht als Tötungsabsicht zu würdigen. Statt dessen tat sie die Äußerung der Angeklagten als „Imponiergehabe“ ab. Schließlich – so die zynisch anmutende Begründung – habe der Messerstich auch keine lebensgefährliche Verletzung verursacht. Vielmehr charakterisierte sie die Täter als „zu groß geratene Jungs, die unter Alkohol mit ihren Konflikten falsch umgehen“. Wie augenscheinlich folgenlos dieses Urteil ist, zeigte sich danach. Allein in der Woche nach Urteilsverkündung Ende Juli wurden abermals vier Busfahrer sowie ein Fahrgast Opfer von Attacken. Die BVG indes wollte dieses Urteil als „wichtiges Signal“ sehen, so deren Sprecherin Petra Reetz. Sie wertet es schon als einen Erfolg, daß solche Taten überhaupt vor Gericht kommen, denn „häufig können die Täter gar nicht überführt werden“. Gegenüber der JF bestätigt sie die unbefriedigende Situation, ihr Resümee: „Wir haben täglich solche Vorfälle.“ Unter den Busfahrern ist die Stimmung indes wesentlich gereizter. Ein Busfahrer der BVG in Berlin-Mitte, befragt, wie er das geringe Urteilsmaß empfinde, entgegnet mit einer Gegenfrage: „Was soll ich dazu sagen?“ Anstelle einer Antwort hebt er seinen rechten Arm zum „deutschen Gruß“ und schüttelt den Kopf: „Dafür kriegt man elf Monate! Und die, die jemandem von hinten in den Rücken stechen?“ Für ihn ist die Richterin eine „Achtundsechziger-Krücke, eine linke Sau“. Was sollte seiner Meinung nach mit den Tätern geschehen? Der Busfahrer: „Die würden von mir einen Stempel auf die Stirn kriegen mit den Buchstaben NWE: Nie wieder erwünscht!“ Wenigstens an dieser Stelle haben die Verkehrsbetriebe reagiert: Erstmals in ihrer Geschichte hat sie ein Beförderungsverbot ausgesprochen. Foto: Bus der Berliner Verkehrsbetriebe: Stimmung unter den Fahrern ist gereizt

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