Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Engel der Gefallenen

Erwin Kowalke gräbt und gräbt und gräbt. Er gräbt seit über vierzig Jahren. Nun hat er dafür das Bundesverdienstkreuz erhalten. Denn Erwin Kowalke birgt die Gefallen des Zweiten Weltkriegs und kümmert sich darum, daß die damals zumeist noch jungen Soldaten sechzig Jahre nach Kriegsende nun doch noch würdig bestattet werden. Kowalkes Motiv ist sein christlicher Glaube und der Umstand, daß es „für die Angehörigen wichtig ist, daß sie einen Ort zur Trauer haben“, wie er erklärt. 1941 wurde Deutschlands bekanntester „Soldaten-Umbetter“ im hinterpommerschen Hygendorf geboren. Die Familie wurde 1945 nach Mecklenburg vertrieben. Der Vater war als Soldat in Frankreich gefallen, Kowalke selbst diente Anfang der sechziger Jahre bei der Nationalen Volksarmee der DDR, lernte dann Schreiner. Als 22jähriger half er erstmals seinem Schwiegervater, einst selbst Wehrmachtssoldat, bei Umbettungen von auf Feldern oder Baustellen gefundenen Kriegstoten. Das wurde nach dem Mauerbau 1961 ein heikles und schwieriges Unterfangen, denn schließlich galten der SED deutsche Gefallene nur noch als „Täter“, an deren würdiger Beisetzung die sozialistische Obrigkeit kein Interesse hatte. So konnten Kowalke und Schwiegervater nur noch heimlich und mit Unterstützung der Kirche weitermachen. Unter schwersten Bedingungen legten sie Soldatenfriedhöfe im Oderbruch an und kümmerten sich um bestehende Anlagen. „Mancherorts wurden wir hinausgeworfen, anderenorts mit offenen Armen empfangen“, erinnert sich Kowalke. Doch bis heute herrschen in den Neuen Ländern noch immer Verhältnisse wie im Westen in den Nachkriegsjahren, bis heute finden sich hier Wiesen und Äcker voll unbestatteter Kriegstoter. Stets unterstützt wird der rührige Engel der Gefallenen von seiner Frau Gisela. Seit der Wende 1989 sind beide als hauptamtliche Helfer im Auftrag des 1919 gegründeten Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) unterwegs. Inzwischen ist Kowalke längst in Rente, nicht jedoch im Ruhestand: „Wir haben überhaupt nicht das Recht, mit dieser Bergung aufzuhören.“ Der drahtige, bärtige Mann mit Barett aus dem märkischen Buckow östlich von Berlin wird ebenfalls bei Munitionsfunden gerufen, da an diesen Stellen auch oft Exhumierungen nötig sind. Die sterblichen Überreste legt er akribisch in kleine Särge, um sie zu bestattet. Dabei macht die Nationalität für den überzeugten Pazifisten keinen Unterschied, in den verbissenen Schlachten und Gefechten des Weltkrieges fielen Deutsche und Russen oftmals dicht beieinander. Kowalke birgt sie alle – was auch Rußlands Präsident Wladimir Putin eigens in einem Dankesschreiben an ihn würdigte. Doch den größten Dank zollen ihm die Angehörigen der inzwischen über 20.000 Kriegsopfer, die Kowalke bis heute ihren Hinterbliebenen „eigenhändig“zurückgegeben hat. Immer noch ist das Schicksal von rund 1,4 Millionen Soldaten und Flüchtlingen nicht geklärt. Erwin Kowalke kämpft weiter gegen das Vergessen.

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