„Das war eine Kampfansage“

Herr Baumann, die Arbeitslosigkeit ist trotz Hartz-Reform unverändert hoch. Auch die Hoffnung, die die Bundesregierung mit dem neuen, von der Bundesagentur für Arbeit (BA) gestarteten Virtuellen Arbeitsmarkt (VAM) verbunden hat, ist bislang enttäuscht worden. Wie beurteilen Sie, daß nur etwa jede dritte offene Stelle dem Arbeitsamt gemeldet wird? Baumann: Das ist ein ganz normaler Vorgang. Wir kennen auch nicht jede offene Stelle – leider. Der Arbeitsmarkt funktioniert auch dann, wenn das Arbeitsamt nicht von jeder freien Stelle weiß. Und das ist auch gut so. Im vergangenen Jahr gab es Gespräche zwischen Ihrem Unternehmen sowie den privaten Mitbewerbern einerseits und der Bundesagentur für Arbeit andererseits. Dabei sollte eine mögliche Zusammenarbeit ausgelotet werden. Diese Gespräche sind jedoch gescheitert. Jetzt haben Sie sich mit drei anderen großen Mitbewerbern – Monster, Jobscout und Jobpilot – auf eine gemeinsame Strategie geeinigt. In einer Pressemitteilung, die die vier Unternehmen im vergangenen Jahr nach dem Abbruch der Gespräche mit der BA herausgegeben haben, heißt es, die BA habe den privaten Online-Stellenbörsen eine „Kampfansage“ gemacht. Bedroht die BA die Grundlagen Ihres Geschäftes? Baumann: Das war im letzten August. Damals wollte die BA alles mit ihrem Virtuellen Arbeitsmarkt abdecken. Der Plan sah vor, sämtliche offene Stellen über die BA-eigene Netzseite aufzulisten. Das geht jedoch an der Wirklichkeit vorbei. Es gibt nicht nur einen einzigen Arbeitsmarkt. Es gibt viele unterschiedliche Arbeitsmärkte, und den für Fach- und Führungskräfte bedienen nun einmal Stepstone, Monster, Jobpilot und Jobscout24 sehr erfolgreich. Also war das für uns eine Kampfansage. Denn dadurch wäre eine Konkurrenz entstanden, die staatlich fürstlich subventioniert ist. Schließlich verwaltet das Arbeitsamt die Gelder von Millionen zwangsweise versicherten Arbeitnehmern. Damals hieß es schon, das koste die BA mindestens 57 Millionen Euro. Nun ist der Virtuelle Arbeitsmarkt seit dem 1. Dezember in Betrieb. Und wir sehen: Unsere Kritik trifft hundertprozentig zu. Ein Arbeitsmarkt kann nicht für alle passen. Allerdings glauben wir nicht mehr, daß wir dadurch Umsatz verlieren. Da wurde mit staatlichen Geldern etwas geschaffen, was schlicht und ergreifend überflüssig ist. Besser wäre es, wenn die BA die Akteure aus der Privatwirtschaft mit einbeziehen würde, statt sie zu vereinnahmen. Wie behaupten Sie sich am Markt? Baumann: Unser Geschäft besteht darin, Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammenzubringen. Unser Klientel besteht vorwiegend aus hochqualifizierten Fach- und Führungskräften. Das ganze wird von den Arbeitgebern finanziert, die bei uns eine Stellenanzeige aufgeben, die sie bezahlen müssen. Das ist der eine Kanal – die Arbeitgeber. Auf der anderen Seite haben wir eine Datenbank. Hier können Arbeitsuchende ihren Lebenslauf eintragen, die aktiv oder passiv nach einem neuen Job suchen. Passiv suchen diejenigen, die sich sagen: „Ich bin eigentlich ganz glücklich in meinem Job, aber falls ich einen Traumjob angeboten bekomme, dann wechsle ich.“ In dieser Datenbank suchen Arbeitgeber nach geeigneten Kandidaten. Finanziert wird das alles durch die Kompensation für geschaltete Anzeigen und durch die Gebühr, die wir für das Durchforsten der Datenbank von den interessierten Unternehmen verlangen. Was kostet eine Standardanzeige eine Firma, die einen neuen Mitarbeiter sucht? Baumann: Das variiert sehr stark: 490 Euro, wenn die Anzeige online geschaltet wird. Bis zu 995 Euro, wenn unternehmensspezifische corporate identity von Hand eingegeben werden muß. Das ist heute für Einzelanzeigen der übliche Preis. Entscheidet sich der Kunde für die Abnahme größerer Mengen, dann sinkt der Preis natürlich beträchtlich. Wir schalten ca. 8.500 Anzeigen im Monatsschnitt. Inzwischen verhandelt die BA aber auch über eine Zusammenarbeit mit Ihnen. Baumann: Herr Gerster hatte das an ein Vorstandsmitglied delegiert. Die Diskussion drehte sich um zwei Hauptaspekte: Einmal ging es um technische Aspekte einer Zusammenarbeit, zum anderen um die Frage der Integration der privaten Online-Stellenbörsen in die staatliche Bundesanstalt. Aber das wollten wir nicht. Wir haben eine ganz klare Aussage gemacht: Wenn unsere Kunden das wollen, dann leiten wir Stellenanzeigen an das Arbeitsamt weiter. Dies hat aber noch nie einer unserer Kunden von uns verlangt. Einerseits setzt die BA auf Konfrontation, andererseits verhandelt sie. Wie paßt das zusammen? Hat die BA etwa auf Konfrontation gesetzt, um die Online-Stellenbörsen zu vereinnahmen? Baumann: Die BA hatte von Anfang an das Ziel, ihren einzigen und virtuellen Arbeitsmarkt durchzusetzen, um so mehr Stellenanzeigen und somit mehr Vermittlungen zu bekommen. Aber das kann nicht im Sinne der privaten Stellenbörsen sein. Gegenstand der Diskussion war nicht die Frage „Wie können wir alle Ressourcen in Deutschland zusammenfassen, um möglichst vielen Arbeitslosen wieder zu einer Beschäftigung zu verhelfen?“ Statt dessen drehte es sich immer nur darum, wie die privaten Online-Stellenbörsen in den VAM der Bundesanstalt integriert werden könnten – und das mit der Begründung: „Dann finden schon alle ihren Job.“ Die BA wollte sich wegen der schon damals schlechten Presse mit mehr vermittelten Arbeitslosen selbst ein Erfolgserlebnis verschaffen, spekulierte zumindest der „Spiegel“. Baumann: Das sind Mutmaßungen. Das ist eine Intention, die der Spiegel da hineininterpretiert. Nachvollziehbar ist es allemal. Sehen Sie dennoch die Möglichkeit einer Kooperation mit der Behörde? Baumann: Natürlich gibt es die. Wir haben ein Konzept vorgestellt – Wettbewerb im Netz (WiN). Wir wünschen uns, daß das Arbeitsamt die Teilnehmer darstellt, mit einem klaren Profil. Dann könnten diese Daten auf einer unabhängigen Plattform mit den Jobangeboten der privaten Jobbörsen abgeglichen werden. Das würde ja auch den Wettbewerb unter den privaten Jobbörsen verstärken. Das ist ein sinnvoller Ansatz. Die 57 Millionen Euro hätte man sich sparen können, wenn gleich nach diesem Konzept verfahren worden wäre. So wie der Virtuelle Arbeitsmarkt heute online verfügbar ist, ist er völlig überflüssig. Wenn Sie sich die Statistiken anschauen, dann stellen Sie fest, daß dem Arbeitsamt rund 40.000 neue Stellen gemeldet werden. Die insgesamt etwa 300.000 offenen Stellen sind meist „Karteileichen“, die längst besetzt worden sind, was das Arbeitsamt aber nicht weiß. Die Profile, die der Arbeitsuchende da anlegen kann, listen Fragen wie „Sind Sie denkfähig?“ oder „Haben Sie einen Führerschein?“. Das ist gut gemacht für einen Lagerarbeiter, aber schlecht für einen Journalisten, der Italienisch spricht und über die Finanzmärkte berichtet. Die BA macht eine Imagekampagne für 50 Millionen Euro. Sie hat dafür eine der besten und bekanntesten deutschen Werbeagenturen, Scholz & Friends, unter Vertrag genommen. Sie – die privaten Online-Stellenbörsen – versuchen Ihre Sicht der Dinge durch eine andere PR-Agentur öffentlich zu kommunizieren. Haben Sie auch einen 50-Millionen-Euro-Etat? Baumann: Natürlich nicht, sondern sehr viel weniger. Wir haben das auch nur getan, weil es sehr schwer ist, mit dem Arbeitsamt zu kommunizieren. Die BA hat die Initiative VAM groß herumposaunt und dann auch noch 1,5 Millionen Euro für die Beraterfirma WMP ausgegeben. Das war dann doch etwas zu viel. Der WMP-Beraterauftrag, der der Promotion des VAM dienen sollte, wurde rückgängig gemacht. Wir haben uns gesagt: „Wenn wir nicht mehr miteinander reden können, dann machen wir es wie die BA und holen uns professionelle Hilfe.“ Aber natürlich in einer anderen Größenordnung. Sehen Sie denn die Möglichkeit, langfristig auch weniger qualifiziertes Personal zu vermitteln? Baumann: Das Arbeitsamt betreibt hier Preisdumping. Dementsprechend ist es in der Vergangenheit schwierig gewesen, solche Arbeitsuchende als kommerzieller Dienstleister weiterzuvermitteln. Aber in dem Maße, in dem Internet zum Standard wird, wird sicherlich auch der Arbeitsmarkt weniger qualifizierter Arbeitskräfte über das Netz abgewickelt. Der Trend bei Jobbörsen geht hin zur Regionalität und zu den einfacheren Jobs. Die BA steht vor großen Veränderungen. Nun sollen einige Arbeitsämter ab 1. Juli auch die Sozialhilfe auszahlen. Die Software dafür wurde noch nicht einmal in Auftrag gegeben. Droht eine neue Pleite à la Maut? Baumann: Das sind zwar alles Spekulationen. Aber ich komme aus der Softwarebranche und kann Ihnen sagen: Das ist ein sehr enger Zeitrahmen. So eine Software muß erst einmal konzipiert werden. Die Entwicklung müßte in einer sehr kurzen Zeitspanne erfolgen. Ein Drittel nimmt die Spezifikation, ein Drittel die Programmierung ein. Im letzten Drittel werden dann Fehler gesucht, es wird getestet, die Leute werden geschult. Meistens wird an dieser Stelle gespart, wenn es zeitlich knapp wird. An dem Tag, an dem dann gestartet wird, kommt es zum Desaster, weil nichts richtig funktioniert. Ihr Mitbewerber Jobscout hat der BA Hilfe bei der Auswahl und dem Einsatz der Software angeboten, falls die Mammut-Behörde damit überfordert ist. Wären Sie auch dazu bereit? Baumann: Wir vier Firmen wickeln monatlich 20.000 Jobs ab. Das ist die Hälfte dessen, was die BA mit ihren 77.000 Angehörigen macht. Natürlich kann man darüber reden. Aber das ist unrealistisch. Und die haben jetzt schon so viel Geld ausgegeben, daß sie ihren Weg unbeirrt weitergehen. „Die Arbeitslosigkeit trifft auch immer mehr Hochqualifizierte“ Auch in jüngster Zeit ist die Arbeitslosigkeit weiter gestiegen. Wo sehen Sie die Arbeitslosigkeit, wenn das Jahr vorbei ist? Baumann: Ich denke, daß wir eine ökonomische Erholung bekommen werden, die sich aber auf den Arbeitsmarkt nicht auswirken wird. Man spricht in der Regel davon, daß 1,7 bis 2 Prozent Wirtschaftswachstum notwendig sind, damit sich das in der Beschäftigungssituation niederschlägt. Außerdem habe ich die Befürchtung, daß die Unternehmen weiter rationalisieren und hierzulande keine neuen Stellen mehr schaffen. Das wird alles durch Produktivitätszuwächse ausgeglichen. Die Politik kommt um weitere Reformen nicht herum. Nehmen wir den Kündigungsschutz. Das dauert doch Monate oder Jahre, bis sich solche Änderungen bis zum letzten kleinen Handwerkerbetrieb herumgesprochen haben. Sie haben davon keine kurzfristigen Effekte. Da gibt es bei der Bundesregierung immer noch Tendenzen in die andere Richtung. So zum Beispiel bei der Ausbildungsplatzabgabe. Da heißt es an die Unternehmen gerichtet: „Wenn ihr nicht so und so viele Ausbildungsplätze schafft, dann zwingen wir euch per Gesetz dazu!“ Das schimmert immer wieder durch. Diese Maßnahme wurde uns auch angedroht. Da gibt es Leute, die fordern, daß man Arbeitgeber in Deutschland dazu zwingt, alle offenen Stellen an das Arbeitsamt zu geben. Und damit sollen dann alle Probleme gelöst sein. Dann hat die BA noch mehr zu verwalten und kann dafür neue Leute einstellen. Das ist eine Denkrichtung, wie sie bei der SPD und dem Arbeitnehmerflügel der Union tonangebend ist. Aber die Unsicherheit ist einfach zu groß. Viele haben Angst, daß demnächst vielleicht der Kündigungsschutz doch wieder ab fünf Mitarbeitern greift. Oder daß Oskar Lafontaine wiederkommt. Baumann: Das einzige, was meiner Ansicht nach hilfreich ist, ist eine langanhaltende Phase des Aufschwungs – mit Wirtschaftswachstum um die drei Prozent. Wer kann, der vermeidet es heute einfach, neue Mitarbeiter einzustellen. Bei den Arbeitgebern ist keinerlei Vertrauen mehr da. Und die Arbeitslosigkeit trifft auch immer mehr Hochqualifizierte, etwa Akademiker. Wenn große Firmen wie Infineon ganze Entwicklungszentren der Mikroelektronik aus Deutschland auslagern, wenn SAP öffentlich bekanntgibt, daß das Unternehmen in Indien neue Stellen schafft, dann glaube ich nicht daran, daß 1,7 Prozent Wirtschaftswachstum etwas bringen werden. Es wird daher wohl nur eine jobless recovery geben. Ralf Baumann ist seit Mitte Juli 2002 Vorstandsvorsitzender der Stepstone Deutschland AG, dem zweitgrößten deutschen privaten Online-Arbeitsvermittler ( www.stepstone.de ). Zuvor hatte der Wirtschaftsingenieur verschiedene leitende Funktionen bei EDV-Firmen wie Peoplesoft, Siebel Systems, SAP und SSA inne. Geboren wurde er 1956 in Hanau. weitere Interview-Partner der JF

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