Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

„Liqudierung von Aktivisten geplant“

Herr Hafen, die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) gehörte zu jenen Organisationen in Westdeutschland, die quasi von vom MfS „zersetzt“ werden sollten. In welcher Art ging die Stasi gegen die IGFM vor? Hafen: 1977 gab Erich Mielke eigens einen Befehl heraus, die IGFM als staatsfeindliches Objekt zu betrachten und operativ zu bekämpfen. Grund: Unsere Menschenrechtsorganisation war 1972 vor allem von Opfern und Gegnern der Ostblock-Regime mit dem Ziel gegründet worden, auf Menschenrechtsverletzungen in Osteuropa aufmerksam zu machen. Die Maßnahmen des MfS reichten von einer massiven Diffamierungskampagne über das Einschleusen von Agenten bis hin zur geplanten Liquidierung bestimmter Aktivisten. Liquidierung von Aktivisten? Hafen: Mordaufträge. Könnte nicht politische Liquidierung gemeint gewesen sein? Hafen: Nein, die Unterlagen bieten eindeutige Hinweise. Hinweise oder Beweise? Hafen: Beweise, die Betroffenen hatten nach der Wende Einsicht in ihre Akten, dort finden sich eindeutige Passagen. Wie viele Personen betrafen solche Planungen? Hafen: Wir vermuten mehrere Fälle, können aber nur zwei Fälle belegen. Wie viele Agenten wurden in die IGFM eingeschleust? Hafen: Wir wissen von 54, ich tippe aber tatsächlich auf die doppelte Zahl. Gott sei Dank gelangten diese Leute offenbar nicht bis in die Vorstandsebene. Welchen Auftrag hatten diese Agenten? Hafen: Erstens sollten sie Informationen „abschöpfen“, wie man das nannte. Wenn Sie bedenken, daß wir Menschen im Ostblock betreut haben, deren Menschenrechte verletzt wurden, dann können Sie sich denken, daß das Offenbarwerden von vertraulichen Informationen gerade gegenüber jenen Behörden, die diese Verletzungen zu verantworten haben, absolut fatal ist. Zweitens sollten diese Agenten Erkenntnisse über unsere Mitarbeiter sammeln, um uns besser bekämpfen zu können. Drittens sollten sie durch ihre Aktivitäten die IGFM in Verruf bringen, um uns und unsere Arbeit grundsätzlich zu desavouieren. Sie sprachen bereits von einer „Diffamierungskampagne“. Hafen: Die Idee war, die IGFM als „rechtsradikal“ unmöglich zu machen. Bedauerlicherweise war das MfS mit dieser Strategie auch sehr erfolgreich. Die Tatsache, daß wir uns damals vor allem um Menschenrechtsverletzungen in Osteuropa gekümmert haben, wo eben nun einmal überall kommunistische Diktaturen an der Macht waren, machte es natürlich leicht, uns als angeblich rechtsextremistische und CIA-gesteuerte Organisation politisch zu ächten. Alleine hätte dies die Stasi aber nicht geschafft, sie benötigte willige Vollstrecker im Westen. Hafen: Das ist richtig, zum Beispiel haben sich Reporter des Stern – ich will nicht sagen, daß die Redaktion davon wußte – bereitwillig gegen uns instrumentalisieren lassen, um sich gegenüber den Machthabern in Ost-Berlin vorteilhaft zu positionieren. In den achtziger Jahren wurde zum Beispiel von den Grünen noch vor uns gewarnt – heute akzeptieren sie unsere Arbeit. Natürlich hat sich keiner nach der Wende entschuldigt. Die einen hatten es für Geld getan, die anderen aus „Überzeugung“, sprich politischem Haß. Beide Gruppen sahen nach 1989 keinen Grund zur Einsicht. Das Schlimme ist nur, daß die von der Stasi lancierte Fama „rechtsextrem“ keineswegs mit der DDR verschwunden ist, die Leute wissen natürlich nicht, daß das, was sie früher über uns gelesen haben, nie gestimmt hat. Noch heute leiden wir unter der Reserviertheit zum Beispiel mancher Kirchenvertreter oder Politiker, die ein so kleiner Verein wie wir nur Stück für Stück wieder abbauen kann. Karl Hafen ist Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte in Frankfurt/Main. Geboren wurde der Diplom-Sozialarbeiter 1951 in Unkel am Rhein. weitere Interview-Partner der JF

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