Akif Pirincci im ZDF-Interview
Akif Pirincci im ZDF-Interview: Zensurvorwürfe gegen den Sender Foto: Youtube
Debatte

Der Kontrollverlust

Daß Ausländer in Fernsehsendungen vor allem ihr Klagelied anstimmen sollen, wie furchtbar und rassistisch die Zustände in Deutschland seien, ist spätestens seit einer „Hart aber fair“-Talkshow kein Geheimnis mehr.

Als dort ein Migrant live im Gespräch mit Moderator Frank Plasberg die Chancen für Zuwanderer lobte, wenn diese nur wollten, flüsterte der türkischstämmige Grünen-Politiker Özcan Mutlu der damaligen SPD-Justizministerin Brigitte Zypries zu: „Wurde der denn nicht gebrieft?“ Und Zypries antwortete: „Doch!“ Die beiden ahnten nicht, daß ihre Mikrofone offen waren und sie so die Absprache, wie sich ein Nichtdeutscher zu äußern habe, einem Millionenpublikum bekannt machten.

Auch für Migrationshintergründler hat die Meinungsvielfalt Grenzen

Um so vorhersehbarer kamen dagegen Akif Pirinçcis Lobeshymnen auf Deutschland und seine scharfe Kritik an der Einwandererlobby im ZDF-Mittagsmagazin daher. Denn die sind zentraler Teil seines Buches „Deutschland von Sinnen“, das auf Platz 1 der Bestsellerlisten steht und das er in der Sendung präsentieren durfte. Die große Überraschung war daher, daß er überhaupt eingeladen wurde. Später räumten die Mainzer denn auch ein, wie sehr sie bedauern, dem Autor ein Forum geboten zu haben: Die Redaktion habe sich „im Nachgang mit dem Interview selbstkritisch auseinandergesetzt und die Defizite offen diskutiert“. Heißt wohl: So einer kommt bei uns nicht mehr zu Wort. Diese Haltung verdient Kritik. Übertrieben ist jedoch der Zensur-Vorwurf wegen einer leicht gekürzten Interviewfassung in der Mediathek des ZDF. Dafür reichen die wenigen, das Gespräch nicht entstellenden Kürzungen nicht aus.

Trotzdem belegt der Fall, daß sich auch für Migrationshintergründler Meinungsvielfalt innerhalb immobiler Leitplanken bewegt. Wehe also, es fährt ein Mitglied dieser gehätschelten Community rechts der Spur. Die taz outet für die Branche das mediale Selbstverständnis von Meinungsfreiheit und stellt fest, daß „nicht jede Meinung gleich viel wert ist“: Pirinçci, „der so doof ist, daß es körperlich schmerzt“, dürfe niemals im Fernsehen auftreten. Medienjournalist Stefan Niggemeier sekundiert, die Interviewerin hätte ihn „zur Ordnung rufen“ müssen.

Interviewer und Interviewter vergewissern sich, auf der richtigen Seite zu stehen

Ordnung – ein Wert, gegen den viele Journalisten einst Sturm liefen, hat sich im Medienmilieu zu einem Begriff gemausert, der das Wohlfühlklima definiert: Interviewer und Interviewter vergewissern sich gegenseitig, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Dann ist alles in Ordnung. Gähn! Diese Hofberichterstattung langweilt immer größere Gruppen, erzeugt Verdruß und bildet den Katalysator für den Erfolg nonkonformer Publizisten.

Denn die Einseitigkeit kommt so maßlos daher, daß die Menschen sie als Bevormundung empfinden und sie Gegenreaktionen auslöst. Wahrscheinlich wäre Thilo Sarrazin mit „Deutschland schafft sich ab“ ohne den medialen und politischen Tugendterror kein Allzeit-Bestseller gelungen. Daher hat sich die Totschweige-Strategie als wirkungsvoller erwiesen. In vielen Medien steht kein Wort über Pirinçcis Bestseller. Doch Ignoranz fällt keineswegs allen Missionaren leicht: Die Zeit konnte nicht widerstehen und behauptet, das Buch sei ein Werk „reiner Menschenverachtung“. Jenseits der üblichen Satzbausteine „Stammtisch bedienen“, „Volksverhetzung“ und „Gefahr am rechten Rand“ muß sich die Rezension negativer Super-Superlative bedienen. Denn die bisherigen Höchststufen sind abgenutzt. Der journalistische Gutmensch braucht aber immer neue Steigerungsmöglichkeiten.

Was kommt nach dem Superlativ Hitler?

Wenn Sarrazin als Synonym des Bösen etabliert ist, muß Pirinçci in der Zeit eben ein „verschärfter Sarrazin“ sein. Auch das Etikett „rechts“, das inzwischen jedem Abweichler angeheftet wird, reicht nicht mehr aus. Daher unterstellt man Pirinçcis Buch nun „brutalorechtes Denken“. Dieses erinnere „an Adolf Hitlers ‘Mein Kampf’“. Auch diese Kategorie ist nun belegt. Demnächst bleibt wohl nur noch „schlimmer als Hitler“. Und danach?

Dennoch: Gut gemeint, liebe Zeit. Aber auch im Medienkartell bleibt es das Gegenteil von „gut gemacht“. Und so scheint den Welt-Vizechef Ulf Poschardt an der Rezension nur zu stören, daß diese damit „Werbung für ein Buch macht, das sowieso schon auf Platz 1 der Bestsellerliste ist“. Das postete er auf Facebook – freilich, ohne Titel und Autor zu nennen.

Völlig hilflos, dafür aber mit ebenso martialischen wie abgedroschenen Phrasen konstatiert die Zeit, die so viel auf ihre Schreibe hält, Pirinçcis Verkaufserfolg. Das Buch sei „eingeschlagen wie eine Bombe“ und zwar „ohne publizistische Schützenhilfe“.

Die Gatekeeper-Funktion der Presse wird unterlaufen

Abgesehen von diesen stilistisch peinlichen Formulierungen stellen sich Fragen: Wie konnte das nur passieren? Entgleitet den Vordenkern in den Medien die Leserschaft? Wo ist die in Journalismus-Seminaren gelehrte Gatekeeper-Funktion der Presse geblieben? Die besagt doch, was wir nicht durchs Tor der Öffentlichkeit lassen, kommt auch nie rein. Inzwischen staubt diese Publizistik-Theorie genauso vor sich hin wie die Einfalt in den Redaktionen. Sie hält mit der Vielfalt in der Gesellschaft und deren Wunsch, sich frei zu informieren, nicht Schritt.

Immerhin, es gibt auch einige abwägende Stimmen in den Reaktionen auf Pirinçci. So sieht der Publizist Alexander Kissler in dem Wutbuch auch ein „Symptom für das Ende der Konsensgesellschaft“. Gerade unter den Bedingungen einer „jeden Oppositionsgeist zermürbenden“ Großen Koalition wachse „die Sehnsucht nach dem Abweichenden, dem fundamental Anderen“. Pirinçci sei „das außerparlamentarische Sprachrohr der Frust- und Normaldeutschen, die sich marginalisiert, düpiert, ausgeplündert sehen“.

Grund dafür, zornig zu sein, haben sie in diesen sinnentleerten Zeiten leider allemal.

JF 16/14

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