Ratloser Konsument im Supermarkt

Vor dem Supermarkt, einem der Edeka-Kette nach Franchise-Prinzip angeschlossenem Laden, dessen überschaubare Ausmaße den Superlativ eigentlich nicht rechtfertigen, ist die Welt noch in Ordnung. Da steht selbst bei Dauerfrost der osteuropäische EU-Mitbürger im besten Mannesalter und bietet die Obdachlosenzeitung Motz feil. Obdachlos? An seinem Aussehen gibt es nichts zu  mäkeln oder zu „motzen“. Er zählt offensichtlich zur gehobeneren Kategorie, anders als der Rom (Singular von Roma), der abwechselnd vor der Post und vor Kaiser’s Posten bezieht.

Mit der unvermeidlichen Begegnung beginnt die Selbstbefragung: Blickkontakt? Zum Neuen Jahr wurde der tapfer frierende Zeitungsverkäufer mit ein paar Groschen – ein würdigerer Begriff als der orthographisch zweifelhafte  „Cent“ – bedacht. Brot für die EU-Welt, genauer, flüssiges Brot: Nach hinreichenden Einnahmen betritt der Mann den Laden und rüstet sich mit der Tagesration Bier („Ratskrone“) und ein paar Fläschchen Wodka aus. Bei sonnigerem Wetter pflegt er mit Landsleuten, die im Turnus demselben Verdienst nachgehen, in der Grünanlage hinter dem Laden Geselligkeit: Gütergemeinschaft als christliches Urbild des Kommunismus. Die Manieren der EU-Inlandsbürger sind übrigens vorzüglich. Einer entbot bei Gelegenheit der Kassiererin eine Art Handkuß.

Das tiefere Dilemma eröffnet sich beim Beladen des Einkaufswagens an der Obst- und Gemüsetheke. Im Hinblick auf den eigenen Vitaminbedarf  und die soziale Instabilität vor der Fußball-WM 2010 scheint der Erwerb von Bio-Zitronen aus Südafrika geradezu geboten. Den Boykott von Weintrauben haben wir vor Jahren ja auch umgekehrt streng eingehalten. Doch wie steht es mit Orangen? Zum Glück aus Spanien, nicht aus dem Mezzogiorno, wo die Mafia Migranten ausbeutet.

Überfordert steht der Konsument vor dem globalisierten Angebot: In elastisches Styropor gehüllte geschmackfreie Nashi-Birnen aus China (!), von denen eine für 38 Cent erstanden wird. Mango ist ihm geläufig, der Name der aus Kolumbien stammenden Minifrüchte, die in manchen Lokalen den Salatteller zieren, leider bereits entfallen. Gemüse: Am besten aus Marokko, West-Sahara hin oder her, die ökologisch bedenklichen Transportwege wiegen den Migrationsdruck auf. Und: Spargel aus Peru, billiger als das ab April vorhandene Gewächs aus Beelitz! Frisch, klimazerstörend per Flugzeug herangekarrt.  Was tun? Fragen eines ratlosen Konsumenten.

Herbert Ammon lebt als Historiker und Publizist in Berlin.

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