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Krisengebiet
 

Besorgte Blicke

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Peter Scholl-Latour Foto: JF

Die Europäische Union und die USA spenden Millionen Dollar für die Flutopfer in Pakistan. Die USA sprechen von einem „Kampf um die Herzen“, und die Taliban agitieren gegen westliche Unterstützung. Was sich in den Medien nach einem harten Kampf um politischen Einfluß anhört, ist aber zunächst eine humanitäre Geste, die nur natürlich ist. 

Bedauerlich ist dennoch, daß nun wieder alles der Politisierung unterliegt. Dabei ist es nur allzu klar, daß die islamischen Organisationen vor Ort, also auch die Taliban, soziale Hilfsaktionen starten. Die steigende Popularität islamistischer Sozialnetzwerke rührt ja vor allem daraus, daß sie sich um die Armen, um Witwen und Waisen kümmern und Krankenhäuser bauen.

Die Islamische Heilspartei (FIS) in Algerien oder auch die Hamas in Palästina sind auf diese Art und Weise gewachsen. Das ist nun in Pakistan nicht anders. Inspiriert von der Idee der Sozialrevolution helfen die islamistischen Bewegungen an Ort und Stelle und versuchen parallel dazu natürlich auch die westliche Hilfe auszustechen.

Musharraf ist verläßlich

Die Frage ist nur, ob die Aktivitäten Früchte tragen und sich die politischen Verhältnisse in Pakistan ändern. Bis heute war der Einfluß der Taliban auf die pakistanische Politik relativ gering. Überhaupt hinterließ Pakistan bis dato einen einigermaßen stabilen Eindruck – obwohl der erzwungene Rücktritt von Präsident Pervez Musharraf im Jahr 2008 ein Fehler war.

Denn im Gegensatz zu Musharraf, der wenigstens ein relativ verläßlicher Politiker war, ist der jetzige Präsident Asif Ali Zardari, Witwer der im Dezember 2007 bei einem Attentat getöteten Oppositionsführerin Benazir Bhutto, auch bekannt als „Mister Zehn Prozent“, die Korruption in Person: Ausdruck eines feudalistisch regierten Landes, unter der Kuratel einer Führungsschicht aus Großgrundbesitzern, zu denen auch die Familien Bhutto und Zardari gehören.

Doch der großen wirtschaftlichen steht die geringe politische Macht der pakistanischen Politik gegenüber. Präsident Zardaris politische Vollmachten sind äußerst begrenzt. Vor allem ist ihm der Zugriff auf die Atomwaffen verwehrt. Den Zugriff auf Pakistans Atomwaffen hat der eigentliche Machtfaktor und Stabilitätsgarant Pakistans: die Armee.

Im Dreieck Zardari, Armee und Taliban stellt sich nun die Frage nach möglichen Verflechtungen. Zumal Verdächtigungen, die pakistanische Regierung arbeite heimlich mit den Taliban zusammen, nie abklingen. Doch ist es nicht so sehr die jetzige Regierung, die den USA ergeben ist, es sind eher Teile der Armee, die gemeinsam mit den USA die Taliban aufgebaut haben. Galt es doch in der Periode totaler Wirren in Afghanistan in den frühen 1980er Jahren ein Minimum an Ordnung zu schaffen. So entstanden Verbindungen.

Man plante eine Pipeline zu bauen – das US-Energieunternehmen Unocal hatte mit dem Taliban-Führer Mohammed Omar praktisch schon ein Abkommen geschlossen (1996–1998). Hinzu kommt, daß auf beiden Seiten der pakistanisch-afghanischen Grenze das Volk der Paschtunen lebt, das grenzüberschreitend enge verwandtschaftliche und kulturelle Bindungen pflegt.

Da ist es nur zwangsläufig, daß gelegentlich eine gewisse Komplizenschaft entsteht. Zudem ist der pakistanische Geheimdienst ISI (Inter Service Intelligence), der eine sehr starke Position in Pakistan hat, besondern daran interessiert, mittels Instrumentalisierung der Taliban alles zu tun, um zu verhindern, daß Indien in Afghanistan an Einfluß gewinnt.

Pakistan bleibt das gefährlichste Land der Welt

Pakistan bleibt das gefährlichste Land der Welt. Gleichzeitig richten sich jedoch zunehmend besorgte Blicke auf den Irak. Für den dortigen Truppenabzug der US-Armee, der von vielen als Sieg gefeiert wird, gibt es einen Präzedenzfall: Vietnam. Hier hatte Henry Kissinger Jahre lang in Paris mit dem nordvietnamesischen Unterhändler Le Duc Tho verhandelt und 1973 ein Waffenstillstandsabkommen geschlossen.

Die amerikanischen Truppen stellten ihre Kampftätigkeit ein. Kissinger erhielt den Friedensnobelpreis. Zwei Jahre später jedoch brach der Widerstand der Südvietnamesen zusammen, und die Erben Ho Chi Minhs besetzten im Sturm die südvietnamesische Hauptstadt Saigon. Ähnliche Enttäuschungen könnten im Irak bevorstehen. 

Das hindert einen Teil der deutschen Medien nicht, diese Räumung des Irak als Erfolg zu werten. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Niederlage. In Bagdad existiert immer noch keine handlungsfähige Regierung. Nuri al-Maliki wurde bisher durch das Parlament nicht bestätigt, und die Verluste in der Zivilbevölkerung haben wieder zugenommen. Was auf die endgültige Räumung durch die US-Armee, die Ende 2011 stattfinden soll, folgen wird, weiß niemand. Prekärer Status quo, Spaltung oder Bürgerkrieg?

Die US-Generale sind da weit pessimistischer als manche deutschen Kommentatoren. Jedenfalls ist man unendlich weit von dem Ziel entfernt, das sich George W. Bush einst vorgegeben hatte, als er im Irak einen „Leuchtturm der Demokratie“ errichten wollte.    

JF 35/10

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