Prioritäten

Die US-Bürger fürchten, so hat eine wissenschaftliche Langzeiterhebung ergeben, den Verlust des Jobs mehr als das Scheitern ihrer Ehe oder den Tod des Lebenspartners. Schon eine kurzzeitige Arbeitslosigkeit werde dabei als ein tiefgreifender biographischer Einschnitt empfunden. Die Studie läßt erkennen, daß die ökonomische Stärke der Amerikaner nicht allein in ihrer technologischen Überlegenheit oder in ihrer weltpolitischen Dominanz gründet. Es ist insbesondere die Einstellung zur Arbeit, mit der sie gerade auch gegenüber den Europäern unablässig punkten. Dieser Vorsprung der Amerikaner kann aus der Geschichte erklärt werden: Anders als die Bewohner der Alten Welt schöpfen sie aus einer ungebrochenen Tradition. In den mehr als zwei Jahrhunderten kontinuierlicher demokratischer und marktwirtschaftlicher Entwicklung wurde in den USA ein Arbeitskräftepotential geformt, dessen Individualismus sich darauf beschränkt, im Rahmen des Bestehenden das beste für sich herauszuholen. Die gesellschaftlichen Machtverhältnisse sind uneingeschränkt akzeptiert, eine Erpressung der Reichen zur Alimentierung eines Wohlfahrtsstaates hält sich in Grenzen. Die Menschen haben es verinnerlicht, daß allein sie für sich selbst verantwortlich sind. Sie glauben, mit ihrem eigenen Verhalten Einfluß darauf nehmen zu können, ob nichts oder wenigstens etwas aus ihnen wird. Sie wissen, daß ihnen grundsätzlich niemand beisteht, wenn sie es nicht verstehen, ihr Leben zu meistern. Professionalisierung ist für sie daher oberstes Gebot. Wenn Wohl und Wehe vom beruflichen Erfolg abhängen, sind ihm alle anderen Lebensbereiche bedingungslos unterzuordnen. Eine glückliche Ehe oder eine geordnete Familie etwa, so können sie sich mit gutem Gewissen sagen, lassen sich sowieso nicht realisieren, wenn man im Job scheitert. Umgekehrtes gilt dabei sehr wohl: Man kann durchaus im Beruf reüssieren, wenn sich das Privatleben als ein Desaster darstellt – manchmal ist dies sogar eine nützliche Voraussetzung, um Ballast abzuschütteln und den Kopf frei zu bekommen für die großen Herausforderungen am Arbeitsplatz. Neue Lebenspartner gibt es bei Bedarf wie Sand am Meer, Stellen, die auf einen zugeschnitten und zudem noch unbesetzt sind, erweisen sich hingegen in der Regel als dünn gesät. Was können wir Europäer aus dieser Erfolgsmentalität der Amerikaner lernen? Vor allem eines: Eine gesunde Marktwirtschaft fußt auf dem Profit der Unternehmen. Dieser wiederum lebt davon, daß die Menschen den Beruf in den Mittelpunkt stellen und um der Arbeit willen arbeiten. Sofern sie dies nicht gewohnt sind, muß man sie zur Einsicht bringen. Allein die permanente Furcht um ihren Arbeitsplatz kann sie dazu veranlassen, die Prioritäten in ihrem Leben vernünftig zu ordnen. Wenigstens hier sind wir auf einem gutem Weg. Es besteht Hoffnung, daß die Menschen tatsächlich bald nur noch jene Politik für sozial halten, die Arbeit schafft.

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