Ist die Wehrpflicht noch zeitgemäß?

Der von Scharnhorst aufgestellte Grundsatz „Jeder Staatsbürger eines Landes ist der geborene Verteidiger desselben“ gilt auch heute noch. Bereits in der polnischen Verfassung von 1791 wurde dieser Grundsatz festgeschrieben: „Die Pflicht des Volkes ist, sich selbst zu verteidigen gegen Angriffe und seine Einheit zu wahren. Demnach sind alle Bürger Verteidiger der Gesamtheit und der Freiheiten des Volkes.“ Dies gilt auch heute noch und nicht nur für Polen. Sicherlich müssen einige Begriffe neu definiert werden und einige Rahmenbedingungen geändert werden, aber der Grundsatz „Die Wehrpflichtarmee ist die intelligentere Armee“ hat immer noch Gültigkeit – und wer garantiert uns, daß in den nächsten fünfzehn Jahren durch politische Veränderungen die Lage nicht eine ganz andere sein wird? Niemand schafft die Feuerwehr ab, weil es lange nicht gebrannt hat. Im Gegenteil, man läßt sie öfter üben, weil ihre praktischen Erfahrungen geringer geworden sind, und erweitert ihr Aufgabenspektrum, damit sich die Feuerwehrleute nicht überflüssig vorkommen. Sicher, damit ändert sich das Aufgabenspektrum des Wehrpflichtigen. Es kommen neue und andere Aufgaben auf sie zu. Dabei ist es wichtig, daß wir (Soldaten und Reservisten) diese neuen Aufgaben auch verinnerlichen, öffentlich vertreten und die Politiker daran erinnern die gesetzlichen Grundlagen dafür zu schaffen. Bereits heute sind 28 Prozent der im Auslandseinsatz befindlichen Soldaten freiwillig längerdienende Wehrdienstleistende und Reservisten. Ohne Wehrpflicht wird es beide nicht mehr geben, und die Bundeswehr wäre nicht in der Lage, ihre Auslandseinsätze durchzuführen. Die Wehrpflicht des kalten Krieges ist tot, es lebe die Wehrpflicht des verantwortungsbewußten Bürgers des 21. Jahrhunderts! Hans-Jürgen Malirs ist Oberst d.R. und Berliner Landesvorsitzender des Verbandes der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V. Wehrpflicht ist hervorragend, aber nur, wenn ihre Dauer zur Heranbildung und Bereitstellung kampffähiger Verbände ausreicht. Zudem muß sie gerecht sein, also alle Wehrpflichtigen erfassen und einem Zweck dienen, der jedem Wehrpflichtigen zuzumuten ist. Aber unsere Wehrpflicht ist zu kurz für die Heranbildung guter Truppen. Zudem dient seit Jahrzehnten nur wer will. Von unseren wehrpflichtigen Abgeordneten, die dem „gemeinen Volk“ die Wehrpflicht auferlegen, hat kaum jeder Dritte Wehr- oder wenigstens Ersatzdienst geleistet. Die Bundeswehr braucht nur noch einen Bruchteil der verfügbaren Wehrpflichtigen. Und schließlich ist fraglich, ob es staatsbürgerliche Pflicht sein kann, in Ost-Timor oder Afghanistan sein Leben zu riskieren, damit die Menschen dort miteinander pfleglich umgehen. Zumal der Einsatzbefehl meist von Poltikern kommt, die die Gelegenheit zum Uniformtragen nicht wahrgenommen haben. Andererseits: Seit Bestehen der Bundeswehr gewinnt die Truppe mehr als die Hälfte der Unteroffiziere und Offiziere aus Wehrpflichtigen, die Freude am Soldatenberuf haben und deshalb länger bleiben. Ohne Wehrpflicht muß die Truppe diese Männer und Frauen durch Werbung und vor allem Geld gewinnen. Eine solche Truppe wird wesentlich teurer sein, und die Bundeswehr pfeift finanziell schon jetzt auf dem letzten Loch. Das Minimum des finanziellen Mehrbedarfs wird auf sieben Milliarden jährlich geschätzt. Zudem zeigen die Erfahrungen vieler anderer Nationen:Es werden sich vor allem diejenigen melden, die im Zivilleben nicht vorankamen und manch einer wird sich melden, der zum Bodensatz der Gesellschaft gehört. Wollen wir eine solche Truppe? Ist sie für Deutschland angemessen? Schließlich: Dürfen wir hoffen, daß die Parteien sich nicht wieder auf den bequemsten und damit fragwürdigsten Nenner einigen? Dr. Franz Uhle-Wettler , Generalleutnant a.D., war Kommandeur der Nato-Verteidigungsakademie in Rom.

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