Superwahljahr

 

Ewige Männerfreundschaft

In jenen fernen Zeiten, in denen der Bundeskanzler Helmut Kohl hieß und Franz Josef Strauß noch lebte, gab es jede Menge Witze über die beiden. Einer davon geht so: Helmut Kohl und Franz Josef Strauß kommen in den Himmel. Gott, der auf einem goldenen Thron sitzt, läßt zuerst Helmut zu sich kommen. Als dieser vor ihm steht, fragt er ihn: „Nun, mein Sohn! Was hast du Gutes in deinem irdischen Leben getan?“ – „Ich war Bundeskanzler in einer christlichen Partei.“ – „Gut! Du darfst bei uns bleiben.“ Nun bittet Gott Franz Josef zu sich und stellt ihm die gleiche Frage. Dieser überlegt einen Augenblick und sagt: „Erstens bin ich nicht dein Sohn. Und zweitens sitzt du auf meinem Stuhl.“ Das mag man lustig finden oder nicht, in jedem Fall enthält der Witz eine durchaus treffende Charakterzeichnung der beiden ehemaligen Unionsführer. Strauß hat Kohl stets geringgeschätzt und sich für den besseren Politiker gehalten. Über die Jahre hinweg haben sich beide diverse Verletzungen zugefügt, der Strauß dem Kohl die gröberen verbalen Schienbeintritte und Kinnhaken, der Kohl dem Strauß die subtileren Treffer, indem er seinen Konkurrenten um die Macht im Lande ins Leere laufen ließ und ihn letztlich in bewährter Weise einfach ausgesessen hat. Das alles nannte sich dann seit einer gemeinsamen Bergwanderung „Männerfreundschaft“ – sehr zum Hohn und Spott des politischen Gegners sowie der Medien. (Ähnlich wie bei der „Männerfreundschaft“, die Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder pflegten.) Viele der Sticheleien und Schmähungen, mit denen der CSU-Vorsitzende den CDU-Chef überzog, sind bis heute unvergessen. Besonders legendär sind die Äußerungen von Strauß über seinen Männerfreund in der berühmten Wienerwald-Rede im November 1976: „Herr Kohl (…) den ich trotz meines Wissens um seine Unzulänglichkeiten um des Friedens willen als Kanzlerkandidaten unterstützt habe, wird nie Kanzler werden. Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles dafür.“ Warum nun diese Rückschau? In der vergangenen Woche teilte die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung mit, daß der von ihr verliehene Franz-Josef-Strauß-Preis im nächsten Jahr ausgerechnet an Helmut Kohl gehen wird – für seine „großen historischen und politischen Verdienste“. In Bayern nennt man so etwas hinterfotzig. Und während Strauß im Grab rotiert, zieht unsereiner den Hut. Soviel Humor hätte man den Christsozialen gar nicht zugetraut.

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