Joachim Kuhs

 

Arbeitszeit verlängern?

Das Problem ist, daß die Arbeitszeit in den letzten Jahrzehnten ständig verkürzt und Löhne angehoben wurden. Dadurch hat die Produktivität gelitten. Genauso wie die Lebensarbeitszeit sich wird verlängern müssen – bedingt durch eine immer weiter steigende Lebenserwartung – ist es eine Frage, ob hier die Arbeitsplätze erhalten werden können oder nicht. Das Beispiel Siemens, obwohl es sich um einen Großbetrieb handelt, hat ja deutlich gezeigt, daß bei längerer Arbeitszeit die Kosten gesenkt werden können. Mehrere tausend Arbeitsplätze konnten so gerettet werden, und Siemens muß nun nicht in den Osten ausweichen. So kann Deutschland als Produktionsstandort erhalten werden. Insofern denke ich, daß Arbeitszeit kein Tabuthema sein kann und darüber geredet werden sollte. Kritiker wenden ein, daß eine Arbeitszeitverlängerung zu einer weiteren Steigerung der Arbeitslosenzahl führen kann. Das sehe ich nicht, denn jede Verkürzung der Arbeitszeit, die bislang stattfand, hat genausowenig zu Reduzierung der Arbeitslosenquote geführt. Die Absenkung der Arbeitszeit wurde bislang nur von gigantischen Rationalisierungsmaßnahmen begleitet. Modernere Produktionsmethoden verkürzten Arbeitsprozesse erheblich und führten neben kürzeren Arbeitszeiten auch zu schwindenden Arbeitsplätzen. Die Hauptbetroffenen einer Arbeitszeitveränderung sind die Klein- und Mittelbetriebe, das Herz der Wirtschaft, die 50 Prozent aller Arbeits- und Ausbildungsplätze stellen. Es gibt zuviel Bürokratie, einen starren Arbeitsmarkt, ein Kündigungsschutzgesetz, das sich als Beschäftigungsbremse erwiesen hat. Das Steuersystem ist überkompensiert. So gesehen ist die Arbeitszeit eher ein Nebenkriegsschauplatz, der um so nebensächlicher wirkt, wenn man bedenkt, daß jeder selbständige Unternehmer wie auch seine Angestellten weit mehr als nur 40 Stunden in der Woche arbeiten. Hans Kaiser ist Unternehmer und Außenhandelskaufmann. Er leitet eine Dienstleistungsfirma in Köln. Die öffentliche Diskussion über Vor- und Nachteile einer Arbeitszeitverlängerung hat von Deutschland auf Österreich übergegriffen. Eine ganze Reihe wichtiger Fakten und Aspekte sind in der Diskussion abzuwägen. Was aus betrieblicher Sicht und für die Wirtschaftssituation des einzelnen Haushalts richtig und zielführend erscheint, muß volks- und weltwirtschaftlich nicht die wünschenswerten Effekte haben. Ein so erfahrener Politiker wie Lothar Späth unterlag diesem Mißverständnis dieser Tage voll, wenn er argumentierte: „Wir haben kein Geld mehr, also müssen wir mehr arbeiten“. Eine Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich bedeutet für die Beschäftigten eine Lohnkürzung je Zeiteinheit (Stunde, Monat), besonders dann, wenn Überstundenzuschläge eingespart werden. Für den Betrieb kann sie eine Senkung der Lohnstückkosten, die einer ihrer Wettbewerbsparameter sind, mit sich bringen. Dies dann, wenn die Stundenproduktivität dabei unverändert bliebe und wenn allenfalls sich Fixkosten der installierten Anlagen besser verteilen lassen. Dies kann für die aktuelle Wettbewerbssituation eines Unternehmens natürlich eine attraktive Vision darstellen. Die Effekte einer gesamtwirtschaftlichen Strategie in Richtung auf Arbeitszeitverlängerung ergeben sich nicht aus der Addition solcher betrieblicher Vorteile. Sie müssen eine Reihe von Gegebenheiten berücksichtigen: die Effekte auf die in- und ausländische Nachfrage, die generelle und strukturelle Arbeitsmarktsituation, die Arbeitskosten an alternativen Produktionsstandorten im Ausland. Im kommenden Jahrzehnt ist eine tiefgreifende Veränderung der Arbeitsmarktsituation zu erwarten. Aus demographischen Gründen wird das Arbeitsangebot deutlich zurückgehen. Dann werden eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit, eine Flexibilisierung des Arbeitseinsatzes und – möglicherweise – eine Verlängerung der Regelarbeitszeit aktuelle Themen sein. Prof. Dr. Helmut Kramer ist Präsident des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Wien (WIFO).

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