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Taktiker, Weichensteller und Dirigent

Die deutsche Reichsgründung von 1871 nannte der britische Konservative Benjamin Disraeli die „deutsche Revolution“, sie war ihm „ein größeres politisches Ereignis als die französische Revolution des vergangenen Jahrhunderts“, weil sie „das Gleichgewicht der Macht (…) völlig zerstört“ habe. Diese Aussage könnte man Konrad Canis‘ neuem Werk über die Bismarcksche Außenpolitik paradigmatisch voranstellen, denn die prekäre Rolle als Störenfried der europäischen Großmächte bestimmte auch Bismarcks politische Zielsetzung: die Bewahrung des internationalen wie auch des gesellschaftlichen Status quo. Die sich daraus ergebende Frage nach dem Primat von Außen- oder Innenpolitik, die lange Zeit die deutsche Geschichtswissenschaft bewegt hat, beantwortet Canis nicht ideologisch, sondern zurückhaltend pragmatisch für seinen Untersuchungsgegenstand: „Die Außenpolitik mußte für die Reichsführung eine der politischen Kernaufgaben bleiben.“ Denn nach den erfolgreich geführten Einigungskriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich, nach der endlich gelungenen Reichsgründung in der Mitte Europas, nach der Annexion Elsaß-Lothringens und den von Frankreich eingeforderten Kontributionen sowie nach der Störung der britischen und russischen Hegemonieansprüche war die äußerst prekäre außenpolitische Lage des neuen Reiches offenbar. Damit ruft Canis nach einer geradezu komplexgesteuerten Verschwiegenheit deutscher Historiker zu diesem Thema die geopolitische Mittellage Deutschlands wieder ins Bewußtsein. Frankreich nahm dabei erneut die Rolle des quasi natürlichen Erbfeindes ein, doch wie konnte man es isolieren, wie den gefürchteten cauchmar des coalitions vermeiden? Auf diese Frage gab es keine eindeutige und endgültige Antwort, und es gehört zur Meisterschaft von Canis‘ Erzählkunst, daß er Bismarcks Außenpolitik in ihrem diesem Sachverhalt geschuldeten Grundzug so plastisch darstellen kann: Sie war geprägt vom Antesten und Taktieren, Ausprobieren und Täuschen und nicht zuletzt von einer gezielten Pressepolitik. Bismarck wird dadurch einerseits von dem hagiographischen Podest geholt. Seine Außenpolitik besaß zwar eine Wunschvorstellung, wie sie zum Zeitpunkt des berühmten Kissinger Diktats von 1877 (eine „politische Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen, und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeiten abgehalten werden“) nahezu für kurze Zeit Wirklichkeit geworden war, sie folgte jedoch keiner auf Dauer angelegten Strategie. Dadurch wird andererseits die Herkulesarbeit, die Bismarck schultern mußte und für die er seine politische Klugheit dringend benötigte, um so größer und die erfolgreiche Bewältigung dieser Arbeit um so bewundernswerter. Das berühmte Bündnissystem Bismarcks, das Dreikaiserabkommen von 1873, der Zweibund mit Österreich-Ungarn von 1879, der Dreikaiservertrag von 1881, der Dreibund von 1882 mit Italien und wieder Österreich-Ungarn, das Verteidigungsbündnis mit der k.u.k. Monarchie und Rumänien 1883 sowie der deutsch-russische Rückversicherungsvertrag von 1887, das alles waren zäh erkämpfte und über verschlungene Pfade zustande gebrachte Abmachungen. Und auch jetzt blieben die Konstellationen instabil. Denn zu mehr waren Bismarcks Partner nicht bereit. Canis sieht die vieldebattierte Mission Radowitz, also die Entsendung von Bismarcks Sonderbotschafter Joseph Maria von Radowitz nach Petersburg am 4. Februar 1875, nicht nur vom Wunsch nach Reziprozität bestimmt, also der endgültigen Anerkennung als gleichberechtigte europäische Großmacht, sondern als Angebot an das Russische Reich, eine westliche deutsche und eine östliche russische Interessensphäre voneinander abzugrenzen. Wem hier der Ribbentrop-Molotow-, vulgo: Hitler-Stalin-Pakt einfällt, der hat nur teilweise recht. Denn Bismarck setzte nicht auf Krieg, er schloß dessen Möglichkeit freilich auch nicht aus. Bismarck mußte sich freilich seine außenpolitischen Erfolge nicht nur erkämpfen, sondern auch herbe Rückschläge hinnehmen wie in der sogenannten „Krieg-in-Sicht-Krise“ 1875, in welcher die Einschüchterung und Isolierung Frankreichs nicht gelang. Canis schildert Außenpolitik als filigranes Geschäft, er degradiert sie nicht zur Funktion der Innen- oder Sozialpolitik. So sehr er immer wieder die innenpolitische Konstellation in der europäischen Pentarchie beleuchtet, besonders in Rußland, wo die zaristische Regierung zwischen der Skylla der Revolutionäre und der Charybdis der Panslawisten lavieren mußte, und im Deutschen Reich, wo Bismarck sich praktisch nie auf eine feste parlamentarische Basis stützen konnte und zudem der Thronwechsel zum liberalen Friedrich bzw. zur anglophilen Halbengländerin Victoria drohte. So sehr er auch die Interessen der Agrar- und Großindustrie nach Schutzzöllen würdigt, und so sehr er auch Bismarcks innenpolitischen Machtmotive für seine Außenpolitik behandelt – so mißt Canis Bismarcks nach dem Dreikaiservertrag ausgesprochenen Satz „Es gibt keine auswärtigen Frage, es gibt nur innere, soziale Fragen“ doch keine entscheidende Bedeutung zu. Denn die bündnispolitischen Fäden, die Bismarck gesponnen hatte, mußten immer wieder neu gefestigt werden. Die Außenpolitik war dabei kein isoliertes Spiel, sie war kein vollkommen abgeschirmter und autonomer Bereich, auch das gilt es festzuhalten. So nutzte Bismarck den Berliner Kongreß von 1878, auf dem er sich zur Enttäuschung Rußlands in der Balkanfrage als eine Art „Genscherist“ avant la lettre (allerdings ohne Scheckbuch) aufführte, zur innenpolitischen Mobilisierung im Wahlkampf. Mit der Unterstützung einer russischen Anleihe bei deutschen Banken versuchte der Kanzler 1884, „den Zaren bei Laune zu halten“. Und die kurze Episode der Bismarckschen Kolonialpolitik von 1884/ 85 diente auch dazu, dem zukünftigen Kaiser samt linksliberalem Anhang die Handlungsfreiheit in der Außenpolitik, sprich die Londoner Karte, zu verbauen. In der Regel ist ein Lob des Zeit-Historikers Volker Ulrich ein sicherer Index für ein besonders schlechtes Buch. Im Falle von Canis ist das einmal anders: Der ehemalige DDR-Historiker hat ein herausragendes Buch verfaßt, das von intimer Kenntnis, eigenen Thesen und zurückhaltender Wertschätzung des Protagonisten geprägt ist. Er benutzt dabei im Gegensatz zu den meisten Gesamtdarstellungen aus professoraler Feder auch sinnvoll ungedruckte und gedruckte Quellen. Und auch die Forschung ist für Canis nicht nur ein Steinbruch für Zitatenbrocken, sondern die fundamentale Untermauerung seiner aus Quellen und profundem Wissen geschöpften Darstellung. Nachdem Canis bereits ein Werk über die wilhelminische Außenpolitik bis 1902 vorgelegt hat, darf man auf seine weiteren Bücher gespannt sein. Konrad Canis: Bismarcks Außenpolitik 1870-1890. Aufstieg und Gefährdung. Schöningh Verlag, Paderborn 2004, 449 Seiten, gebunden, 39s,80 Euro Bismarck mit dem russischen Bevollmächtigten Graf Schuwalow; links Graf Gyula Andrassy auf dem Berliner Kongreß 1878 (Gemälde von Anton von Werner, 1881): Herkulesarbeit schultern

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