Verharmlost der Film „Good Bye, Lenin“ die DDR?

Allein der Titel ist verwerflich. Er klingt so liebkosend und verharmlosend, während Lenin zu den größten Massenmördern des Zwanzigsten Jahrhunderts zählt. Da ist der Titel einfach unangebracht. In den Auszügen, die ich sah, vermisse ich eine Logik: Die Frau wird Zeuge, wie ihr Sohn von der Volkspolizei abgeführt und verprügelt wird. Von diesem Moment an habe ich doch eigentlich die Frau vor der DDR zu schützen und nicht vor der freien Welt und der Wiedervereinigung. Dann wird klar, warum eine Ostalgiewelle einsetzt. Nach der Psychologie unterliegen die meisten Menschen immer einem Prozeß der einseitigen Auslese und Umfälschung. Danach erscheint jedem die Jugend schön, auch wenn sie es nicht in allem gewesen ist. Und jedem Volk erscheint die eigene Vergangenheit großartig, auch wenn es dunkle Stellen gibt. Dieses Prinzip ist ein Gemisch aus Trägheit des persönlichen Gefühls und einem unbewußten Instinkt der Selbsterhaltung. Hier wirkt etwas, dessen Gegenbewegung nur von sehr intelligenten, willensstarken und konsequenten Menschen ausgeführt werden kann. Opfer dieses Staates werden dem kaum erliegen. Sie haben zwar die Schattenseiten der DDR erlebt – wie Folter, Gefängnis oder berufliche Verfolgung -, sind aber nicht die Mehrheit. Die Mehrheit unterliegt dem Prinzip des Vergessens, des Verfälschens und der Verharmlosung. Ich finde es empörend, daß sich mehr als eine Million so einen Film unkommentiert ansehen kann. Man stelle sich vor, solcher Film würde über die Zeit des Nationalsozialismus gedreht, man zeigte ausschließlich die Badeszenen am Wannsee, Fahrten mit dem KdF-Schiff und blendet die Schattenseiten vollkommen aus – die Reaktionen wären nicht auszudenken. Es gibt ein Essay von Stefan Zweig: „Die Tragik der Vergeßlichkeit“. Dieser Tragik erliegen wir immer mehr, je weiter wir uns vom Geschehen der NS- und der DDR-Diktatur entfernen. Peter Alexander Hussock ist Geschäftsführer von Help e.V. – der Hilfsorganisation für die Opfer politischer Gewalt in Europa. In der Diskussion um „Good Bye, Lenin“ läuft es ähnlich wie bei dem Kinofilm „Sonnenallee“. Auf Filme, Meinungsäußerungen, ja auf Kunstwerke im Allgemeinen kann man nicht ständig mit dem Staatsanwalt reagieren. Das ergibt doch eine zusätzliche Satire und macht die ganze Sache nur lächerlicher. Das entspricht eher den Methoden einer totalitären Ideologie oder einer fundamentalistischen Religion. Es ist leider das Kreuz vieler Opfer, die Mentalität der Diktatur, die sie einst bekämpften, nun selber angenommen zu haben. Man muß in einer pluralistischen Gesellschaft souverän sein und sich nicht ständig darüber erzürnen, daß etwas von der eigenen Meinung vollkommen abweicht und schlimm ist. Natürlich gibt es eine Pietät. Man kann nicht über die Zigmillionen Opfer einen lächerlichen Film drehen. Aber man muß doch auch zugestehen, daß viele die DDR nicht so erlebten wie die Opfer. Sie sind damals in eine Mühle gekommen, und ich verstehe deren Haltung zu diesen Punkten. Hier ist aber die Freiheit der Kunst und Meinungsäußerung zu verteidigen, was bedeutet, daß Leute auch etwas Falsches sagen können. Wenn ich den Pluralismus verteidigen will, muß ich Andersdenkende und andere Auffassungen zulassen können – gerade auf dem Gebiet der Satire. Die Idee des Filmes an sich ist originell und witzig! Über die Umsetzung läßt sich selbstverständlich streiten. Warum sollte man – wie in „Sonnenallee“ – nicht auch böse Dinge „kaputtlachen“? Es gibt jüdische Filme, die selbst über den Holocaust Satiren gedreht haben. Das ist souverän! Man soll nicht immer mit einer Leidensmine umherlaufen und Polizei spielen wollen, was gestattet ist und was nicht. Will man denn, wie in der DDR üblich, im Vor- und Nachspann eines jeden Buches oder Filmes auf alles verweisen, damit der Film auch ja richtig verstanden wird? Ich denke, die Gesellschaft ist erwachsen und pluralistisch genug, um dies selber zu übernehmen. Siegmar Faust ist Schriftsteller und war selbst DDR-Häftling. Er kommt aus Dresden und ging 1976 in die Bundesrepublik.

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