Die Vertreibung als Wanderzirkus

Warum kümmern sich Publizisten, Historiker und Politiker, die sich selbst allesamt weit links im Parteienspektrum ansiedeln, neuerdings so intensiv um das Thema Vertreibung? Weil einer der ihren, der altgediente SPD-Wahlkämpfer Günter Grass einen vermeintlichen „Tabubruch“ literarisch verarbeitete und erfolgreich vermarktete, flankiert von ARD- und ZDF-Serien über „Hitlers letzte Opfer“? Weil die „Vertreiberstaaten“ Polen und Tschechien als künftige „EU-Partner“ mit ihrer jüngeren Geschichte die Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit auf sich ziehen? Das sind vielleicht aktuelle Auslöser, aber mit den Ursachen des breiten geschichtspolitischen Interesses in dezidiert linken Kreisen sollten sie nicht verwechselt werden. Denn dort hatte man in den letzten Jahren eher auf die „biologische Lösung“ gesetzt, auf das Aussterben der Erlebnisgeneration. Spätestens um 2010 würden dann die „revanchistischen“ Landsmannschaften infolge Mitgliederschwunds ihr verdientes Ende gefunden haben, und der Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn stünde dieser lästige Störfaktor nicht mehr im Wege. Nach dieser Philosophie wäre also gemächliches Abwarten die Parole. Allenfalls durchmischt mit einer Prise Alarmismus, wenn das Thema „Vertriebenenverbände“ im Rahmen „politischer Bildung“ oder unter dem weiten Mantel des „Kampfes gegen Rechts“ lukrativ verwertbar scheint. Einen Vorschlag wie den der derzeitigen Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach (CDU), man möge doch, um der deutschen Opfer von Flucht und Vertreibung zu gedenken, in Berlin ein „Zentrum gegen Vertreibung“ einrichten – einen solchen Vorschlag hätte man also nach herkömmlichem Muster entweder mit Verachtung strafen oder als „rechte Provokation“ skandalisieren können. Mobilisierung gegen Gedächtnisort in Berlin Statt dessen ist daraus ein medialer Dauerbrenner geworden. Erst recht, nachdem der Bundestagsabgeordnete Markus Meckel (SPD), unterstützt von den polnischen Intellektuellen Adam Krzeminski und Adam Michnik in der Zeit (Nr. 26 vom 26. Juni 2002), Breslau statt Berlin als geeigneteren „Gedächtnisort“ ins Spiel brachte. Meckel wird seinen Vorschlag abermals am 15. März auf einem Colloquium der Academia Baltica im schleswig-holsteinischen Sankelmark verteidigen, gegen Sibylle Dreher, die in Vertretung Steinbachs deren Position behaupten soll, während Arnulf Baring geladen ist, um über „Erinnerung und kollektives Gedächtnis“ zu räsonieren. Dabei hat Pastor Meckel, der 1990 einige Monate auf internationaler Bühne den Außenminister der DDR spielen durfte, die stärkeren Bataillone inzwischen längst hinter sich geschart. Das bringt nicht nur die Sankelmarker Referentenliste zum Ausdruck, wo Sybille Dreher recht isoliert wirkt. Das dokumentiert vor allem das jüngste Heft der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG, 1/03) zum Thema „Flucht und Vertreibung in europäischer Perspektive“, das Jürgen Danyel und Philipp Ther herausgegeben haben. Die ZfG war bis 1990 das Zentralorgan der „parteilichen“, marxistisch-leninistischen Historikerschaft in Honeckers Arbeiter- und Bauernstaat und hat sich danach unter Herausgebern wie Wolfgang Benz (TU Berlin) und Peter Steinbach (TU Karlsruhe) sukzessive zum Sprachrohr einer rot-roten Zeitgeschichtlerkoalition „gewendet“. An den Beiträgen des Heftes über Flucht und Vertreibung ist denn auch abzulesen, warum man in diesem Milieu Erika Steinbachs Vorschlag keinesfalls aussitzen wollte. In der polemischen Diktion des Mitherausgebers Philipp Ther habe sich der BdV mit dem Junktim zwischen seiner „spezifischen Sicht auf die Vertreibungsgeschichte in Polen und Tschechien und einem Beitritt beider Länder zur EU“ politisch ins Abseits gestellt. Für die „formelle Trägerschaft eines auf Aussöhnung orientierten und internationalen Zentrums“ habe er sich damit politisch diskreditiert. Mit anderen Worten: weil sich der BdV die polnische und tschechische Interpretation von Flucht und Vertreibung (bisher) nicht zu eigen gemacht hat, darf man ihm, vielleicht sogar in räumlicher Nähe zum monumentalen Berliner Holocaust Mahnmal, auf diesem Feld nicht einmal ein Stück der Deutungshoheit über die jüngere deutsche Geschichte überlassen. Weil Steinbach nicht irgendein besseres Heimatmuseum in Herne oder Dinkelsbühl gefordert hat, sondern einen zentralen „Gedächtnisort“ in der Hauptstadt, werden alle publizistische Kräfte dagegen mobilisiert. Karl Schlögel, Osteuropahistoriker in Frankfurt/Oder, deutet in der ZfG eingangs an, daß nicht nur Markus Meckel ein Berliner „Zentrum gegen Vertreibung“, noch dazu unter der Ägide eines deutschen, womöglich BdV-nahen wissenschaftlichen Beirats, als Anschlag auf das „weltoffene“ Geschichtsbild der Berliner Republik verstehen mußte. „Vertreibungsgeschichte“ unter Rechtfertigungszwang zu setzen, so Schlögel, habe zum „Kammerton der späten Bundesrepublik“ gehört. Eine nach 1968 einsetzende partielle Tabuisierung des Themas sei daher gar nicht zu bestreiten. Damit scheint er selbst die Position jener Tabuisierer, denen er vorwirft, von ihrem Zensuramt „nicht schlecht gelebt“ zu haben, als unhaltbar räumen zu wollen. Dafür deutet sich eine viel wirksamere Variante des Beschweigens an: die „Europäisierung“. Schlögels wortreiches Plädoyer für eine Historisierung der Vertreibung folgt der Devise: Je größer der zeitliche und räumliche Kontext, um so schneller verschwinden darin die deutschen Opfer, um so bedeutungsloser wird das Schicksal der aus den preußischen Ostprovinzen Vertriebenen, die zwischen Armeniern, Griechen, Bosniern, Ukrainern oder der kaukasischen Völkerschaft kaum noch auffallen. Dafür bedarf es natürlich auch keines zentralen Gedächtnisortes. Europa sei schließlich übersät mit Erinnerungsstätten. Nicht mehr weit ist es hier vom debilen „Wir sind alle Ausländer“ zu „Wir sind alle Vertriebene“. In diesem Sinne machen sich Jürgen Danyel und der Potsdamer Historiker Christoph Klessmann für eine durch die Städte des Kontinents ziehende Wanderausstellung nach dem Muster von Reemtsmas Wehrmachtsschau stark. Multikulturalisierung des deutschen Ostens Neben der „Europäisierung“ käme darin gleich das zweite Ideologem linksliberaler Vertreibungsdeutung zu inflationärer Anwendung: die nachträgliche „Multikulturalisierung“ des deutschen Ostens. Schlögel gibt auch hier den Ton an, wenn er von Städten fabuliert, die „weder nur polnische noch deutsche waren“. Was ist über Jahrhunderte hinweg an Königsberg, Elbing, Danzig, Stolp, Kolberg, Stettin, Crossen oder Hirschberg eigentlich „polnisch“ gewesen? Warum stuft man einen Teil Deutschlands zu „früheren Siedlungsgebieten der Deutschen im Osten“ herab, so als hätten Deutsche im Samland, in Natangen, in Hinterpommern oder Niederschlesien als Minderheit unter Minderheiten gelebt. In diesem Geist der Geschichtsentsorgung pflegt Claudia Kraft im selben Heft das Phantasma der „zerstörten Multikulturalität“. Ein anderer Beiträger, der stark vom „Holocaust-Diskurs“ geprägte Politologe Norman M. Naimark, spricht deshalb fortwährend nicht von der Vertreibung der Deutschen aus Deutschland, sondern „aus Polen“. Als wären die 1945 völkerrechtswidrig annektierten und ethnisch gesäuberten deutschen Ostprovinzen schon 1945 unbestritten „polnisches Territorium“ gewesen. Naimark, Autor einer Überblicksdarstellung über die Politik der ethnischen Säuberungen im 20. Jahrhundert, gibt dann vor, was neben Europäisierung und Multikulturalisierung als dritter Baustein eines für Polen und Tschechen akzeptablen, politisch korrekten Deutungsmusters zu gelten habe: die Auslösung der Vertreibung durch die Deutschen selbst. Oder wie Danyel und Klessmann es sprachlich etwas verunglückt festlegen: „Der gewaltsam in Gang gesetzte Pendel schlug 1945 gegen die deutsche Bevölkerung im Osten zurück.“ Vor allem Mitherausgeber Philipp Ther produziert hier in einem Aufsatz, der den den Titel „Erinnern und aufklären“ geradezu konterkariert, Geschichtsklitterungen, die auch vor 1989 ganz gut in die ZfG gepaßt hätten. Unter sorgsamer Aussparung der kaum ihren Namen verdiendenden polnischen und tschechischen Minderheitenpolitik zwischen 1918 und 1938/39 will Ther Glauben machen, die preußische Ansiedlungspolitik vor 1914 habe die „spätere Zwangsaussiedlung“ etwa in Posen und Pommerellen verursacht. In dieser Kausalkette fehlt nicht nur der Hinweis auf den manifesten polnischen Nationalismus im 19. Jahrhundert, dessen autochtoner Expansionismus – wie ihn Roland Gehrke jüngst in seiner umfangreiche Dissertation eindrucksvoll analysiert hat (JF 19/02) – gewiß nicht von der preußischen Ansiedlungspolitik entfacht wurde. Selbstredend spart Ther auch die fatal erfolgreichen Interventionen polnischer Emissäre in Versailles aus. Ebensowenig ist die Rede vom polnischen Anspruch auf Ostpreußen, der auch nach der klaren Niederlage in den Volksabstimmungen von 1920 die preußischen Ostprovinzen unter dem Druck permanenter Kriegsdrohung hielt. Ther verliert natürlich auch kein Wort über die Dimensionen des „Landraubs“: Waren es vor 1914 einige tausend Hektar legal zu deutschen Siedlungszwecken erworbenen polnischen Besitzes, hatten deutsche Landwirte bereits zwischen 1920 und 1924 unter den kaum verhohlenen Vertreibungsmaßnahmen Warschaus 500.000 Hektar abgeben müssen. Aus Böhmen und Mähren vertrieb die Reichsregierung 1938/39 auch keine „ansässige Bevölkerung“, sondern jene administrativen Vollstrecker der Prager Drangsalierungspolitik gegenüber den Sudetendeutschen, die ab 1920 nach Eger oder Aussig beordert worden waren.Wes Geistes Kind spricht da eigentlich, wenn Ther meint, 1939/40 seien Deutsche „aus der Sowjetunion“ in den „Warthegau“ umgesiedelt worden? Die Baltendeutschen jedenfalls kamen aus Estland und Lettland, bis 1940 unabhängigen Staaten, und nicht aus „Sowjetrepubliken“. Daß Ther das immer wieder auf die polnischen Vertriebenen aus dem sowjetisch besetzten „Ostpolen“ erzählt, ohne zu erwähnen, daß das 1920 kaum wieder gegründete Polen diese mehrheitlich von Weißrussen und Ukrainern bewohnten Gebiete in einem Angriffskrieg erobert hatte, und Warschau darum 1945 gewiß keinen „urpolnischen“ Boden verlor. Vertreibungsgeschichte in obskurer Wanderausstellung Immerhin muß man einem anderen, auch für die Tagung in Sankelmark angekündigten Beiträger, Mathias Beer (Tübingen), für eine zentrale Richtigstellung dankbar sein. Beer, der talentierte Multiverwerter im Dienst der Donauschwaben, der an dieser Stelle wieder einmal seine schon zigfach publizierten Einsichten in die Geschichte der westdeutschen „Dokumentation der Vertreibung“ ausbreitet, bremst Ther mit der kühlen Feststellung aus, daß das simple Erklärungsmodell, das „Flucht und Vertreibung“ als „mechanische Folge der nationalsozialistischen Besatzungs- und Vernichtungspolitik“ interpretiere, „monokausal“ sei und somit als wissenschaftlich obsolet zu gelten habe. Welche massiven volkspädagogischen Interessen es aber an dieser „verkürzten Sicht auf Holocaust und ‚Flucht und Vertreibung'“ (Beer) gibt, belegt nicht zuletzt die Mehrheit der ZfG-Beiträge. Daß diese neuerliche Umdeutung eines Teils der deutschen Geschichte in obskuren „Wanderausstellungen“ oder in einem Breslauer Dokumentationszentrum unter polnischer Obhut festgeschrieben werden soll, ist zwar verständlich, sollte aber nicht nur auf den beharrlichen Widerstand des BdV treffen.

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