Nordische Analogien

Die Ergebnisse konnten gegensätzlicher nicht sein: Das etablierte Schweden stimmte mit 56,1 Prozent gegen den Euro. Das am geostrategischen Rande Europas liegende Estland votierte mit 73 Prozent für den EU-Beitritt. Ein anti- und ein pro-europäisches Votum am gleichen Ostseestrand – wie paßt das zusammen? Doch es gibt Ähnlichkeiten. Die Esten haben sich nicht so sehr aus Europa-Begeisterung, sondern aus Angst vor dem großen „russischen Bären“ für die westliche Union entschieden, obwohl oder weil die böse Erinnerung an die „östliche“ (Sowjet-)Union immer noch lebendig ist. Es war also im Grunde eine Angstwahl – und Brüssel täte gut daran, nicht übermütig zu reagieren und die Individualität (manchmal sogar den Eigensinn) der Esten zu respektieren. Auch die Entscheidung der Schweden war von Skepsis und untergründiger Furcht bestimmt: vorbei die nordische Idylle, als man noch die Haustüren unverschlossen lassen konnte. Mit der Ankunft des Euro wären auch die letzten Illusionen zerstoben, daß man in einem Land lebt, in dem jeder mit jedem per Du ist. Der sinnlose Tod der Außenministerin Anna Lindh hat den Schleier zerrissen. Er zeigt eine, trotz vorausgehender Erfahrung mit dem immer noch nicht geklärten Palme-Mord, hilflose, überforderte Polizei. Er zeigt auch, wie schnell „beliebte“ Politiker dem Vergessen anheimfallen. Der lutherische Erzbischof Carl Gustaf Hammar stellte beim Trauergottesdienst im Dom zu Uppsala die Kernfrage, auf die es keine Antwort gibt: Wohin gehen wir?

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