Gedenktag für Bombenopfer einführen?

Sicherlich hat man mit dem Volkstrauertag alljährlich einen Gedenktag für die Opfer von Gewalt und Krieg. Doch wie geht man mit dem unermeßlichen Leid um, das Abertausende Bomber in Deutschland anrichteten? Ist es nicht unangebracht, sich ihrer am selben Datum zu erinnern und ihnen zu gedenken, wie denen, die aktiv am Geschehen beteiligt waren? Es traf nicht die, die auf dem Schlachtfeld mit der Waffe in der Hand umkamen. Opfer waren hier Menschen, die sich nie vorstellen konnten, für den Krieg auf einmal mitverantwortlich sein zu sollen. Das eigentlich beabsichtigte Ziel – das moralische Rückgrat Deutschlands zu brechen – wurde auf Kosten von ungezählten Opfern verfehlt. Und genau darum geht es: Man sollte wenigstens in der Lage sein, an den Daten der Vernichtung aus solchem Anlaß innezuhalten. Die Japaner machen es vor: Seit 1945 legt man jedes Jahr am 6. August um 8.16 Uhr, zum Zeitpunkt der Zündung der ersten Atombombe, die Arbeit nieder. Wenigstens einmal im Jahr denkt man eine Minute lang nicht an das „persönliche Weiterkommen“, nicht an die „eigene Selbstverwirklichung“. Eine Minute schweigen, sich des unfaßbaren Geschehens bewußt werden. Ein solches Datum fehlt in Deutschland vollkommen! Eine Woche vor Totensonntag ist frei – keiner wird sich doch tatsächlich bewußt, daß der „Volkstrauertag“, der älter ist, als jene Bombennächte, auch diesen Toten gewidmet sein soll. Gerade der 13. Februar 1945, an dem Dresden eingeäschert wurde, oder der 27. Juli 1943, an dem der erste von Menschenhand mit Berechnung entfachte Feuersturm 40.000 Hamburger ums Leben brachte, sind eine solche Gelegenheit. Lassen wir doch wenigstens an einem dieser Tage nur für eine Minute die Arbeit ruhen. Machen wir ihn zu einem Gedenktag, der uns und unseren Kindern – gerade zu Zeiten eines erneut drohenden Bombenkrieges – eines bewußt machen muß: Nie wieder Krieg! Anna Hesse wurde 1944 in Berlin ausgebombt. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. hat doch längst einen solchen Tag geschaffen. Der Volkstrauertag ist nicht allein ein Gedenktag für die gefallenen Soldaten der Weltkriege. Kriegsgräber sind die Gräber von Opfern der Gewaltherrschaft und des Krieges – so die Definition. So sind auch die Opfer des Bombenkrieges und der NS-Gewaltherrschaft in unsere Gedanken eingeschlossen. Wir gehen sogar weiter und schließen auch die Opfer anderer Nationen und der Zivilbevölkerung ein, dies machen wir sichtbar in jedem Jahr, wenn wir Kränze an den verschiedenen Gräbern und Gedenkstätten zum Volkstrauertag niederlegen und zentrale Gedenkstunden veranstalten. Prinzipiell bin ich für ein Gedenken an die Opfer der Bombennächte. Dennoch frage ich mich, ob ein weiterer Gedenktag Sinn macht. Wie werden Gedenktage aufgefaßt in der Bevölkerung? Werden sie beachtet? Wird ihr Inhalt wirklich getragen? Seit 1920 begeht der Volksbund den Volkstrauertag. Da es diese Diskussion um einen Gedenktag für Bombenopfer gibt, frage ich mich, ob die Menschen diesen Tag wirklich verstanden haben, denn wenn sie ihn verstanden hätten, dann gäbe es diese Diskussion nicht. Ist ein weiterer Gedenktag auch gleich mehr Verstehen? Ich sehe keinen Sinn darin, den Volkstrauertag in verschiedene Gedenktage zu zerstückeln und so mit den Toten eine „Opferpolitik“ zu betreiben, die in Gut und Böse einteilt. Welcher Zweck soll verfolgt werden mit einem solchen Tag? Stilles Gedenken, ein „In-sich-Gehen“ – das leistet der Volkstrauertag. Soll er rechtfertigend wirken? Dann ist er in jedem Fall falsch, bei einem Gedenktag darf es nur um das Gedenken, nur um die Toten gehen, und das machen wir in Deutschland bereits. Ich meine, wir brauchen keinen weiteren Gedenktag zum Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Lars Soltek ist Jugendreferent des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge e.V., Landesverband Hamburg.

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