Vor wenigen Jahren schien die Welt der Baumärkte wieder in Ordnung. Die Zahl der Baumärkte hatte sich bei 2.100 stabilisiert, nachdem sie durch die Pleite der Praktiker AG, die auch Max Bahr und Extra Bau+Hobby mit in den Abgrund riss, von 2.380 (2013) auf 2.118 (2015) gesunken war. Während der Corona-Zeit investierten Millionen Deutsche in ihre Häuser, renovierten Wohnungen, bauten Terrassen und legten Gärten an. Die Kassen klingelten, die Branche profitierte von der Heimwerker-Euphorie.

Doch von der Aufbruchsstimmung ist wenig übrig. Mit Hellweg hat nun eine der traditionsreichsten deutschen Baumarktketten Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt (JF berichtete). Das Amtsgericht Essen hat dem Antrag bereits zugestimmt. Alle 68 Märkte in Deutschland und der Onlineshop bleiben zunächst geöffnet, die 2.900 Beschäftigten erhalten für drei Monate Insolvenzgeld von der Bundesagentur für Arbeit. Zum vorläufigen Sachwalter wurde der renommierte Sanierungsexperte Stefan Denkhaus bestellt. „Der Geschäftsbetrieb läuft ganz normal weiter“, teilte das Unternehmen mit.
Hellwegs Insolvenz kam nicht aus heiterem Himmel
Hinter den Kulissen geht es längst um die Existenz des Dortmunder Unternehmens. Dabei kam die Schieflage keineswegs aus heiterem Himmel. Bereits im vergangenen Jahr leitete die Geschäftsführung ein umfangreiches Restrukturierungsprogramm ein. Das Filialnetz wurde ausgedünnt, zahlreiche Standorte geschlossen und die Organisation verschlankt. Von einst 90 Hellweg-Märkten blieben zuletzt nur noch 68 übrig.
Die Hoffnung: weniger Größe, dafür mehr Rentabilität. Der Plan ging nicht auf. Zusätzlich sind auch die sechs Hellweg-Standorte in Oberösterreich, Salzburg und der Steiermark vom Insolvenzverfahren betroffen. Auch die Hellweg-Tochtergesellschaft Baywa Bau & Garten befindet sich im Insolvenzverfahren. Hier geht es um 1.300 Beschäftigte in Süddeutschland an 46 Standorten. Die seit 2024 in finanziellen Schwierigkeiten steckende Münchner Baywa AG hat ihre Kredite an ihre frühere Einzelhandelstochter, die bereits 2012 verkauft wurde, bereits abgeschrieben.
Projekte wurden auf Eis gelegt
Die Ursachen der Krise liegen sowohl außerhalb als auch innerhalb des Unternehmens. Nach den Boomjahren setzte eine abrupte Ernüchterung ein. Die Inflation fraß Kaufkraft, Energie und Mieten wurden teurer, die Verbraucher hielten ihr Geld zusammen. Ausgaben für Renovierungen, neue Gartenmöbel oder größere Heimwerkerprojekte wurden verschoben oder ganz gestrichen.
Hinzu kam die Zinswende. Der Wohnungsbau, lange Zeit eine wichtige Stütze der Branche, geriet in eine schwere Krise. Neubauprojekte wurden auf Eis gelegt, Baugenehmigungen brachen ein, Investoren zogen sich zurück. Mit jedem nicht gebauten Haus fehlen potentielle Kunden für Baustoffe, Werkzeuge und Gartenzubehör. Hellweg selbst sprach zuletzt von „massiven Herausforderungen der vergangenen Jahre“ und einem „anhaltend schwierigen Konsumklima“.
Insolvenz hat eine erhebliche Symbolkraft
Tatsächlich trifft die Kette eine Entwicklung, die inzwischen große Teile des Einzelhandels erfasst hat. Die Deutschen konsumieren vorsichtiger, die Wirtschaft wächst kaum noch, die Verunsicherung bleibt hoch. Hellweg hat auch eigene Versäumnisse zu verantworten. Das mittelständische Unternehmen setzte über Jahrzehnte auf große stationäre Märkte. Zwar existieren Online-Angebote, doch Wettbewerber wie Obi, Hornbach oder Bauhaus investierten früher und konsequenter in die Verknüpfung von Filialgeschäft und digitalen Vertriebskanälen.
Hinzu kam der erzwungene Rückzug aus dem Einkaufsverbund Markant. Damit verlor Hellweg nicht nur wichtige Einkaufsvorteile, sondern auch Sicherungsmechanismen für Lieferantenforderungen. Branchenkenner sahen darin einen zusätzlichen Belastungsfaktor für die Liquidität des Unternehmens. Der erste Baumarkt der Firma eröffnete 1971 am Brackeler Hellweg in Dortmund. Benannt nach der historischen Handelsroute, entwickelte sich das Unternehmen zu einer festen Größe im deutschen Baumarkthandel. Besonders im Ruhrgebiet und in und um Berlin baute die Kette eine starke Marktposition auf.
Gerade deshalb hat die Insolvenz eine erhebliche Symbolkraft. Wenn selbst eine Traditionsfirma mit 55 Jahren Marktpräsenz in Schieflage gerät, zeigt dies, wie grundlegend sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändert haben. Die Probleme von Hellweg sind deshalb weniger ein Beweis für das Scheitern des Baumarktprinzips als vielmehr ein Beispiel dafür, wie gefährlich es wird, wenn strukturelle Schwächen auf ein zunehmend schwieriges Marktumfeld treffen.
Keine allgemeine Baumarktkrise
„Die Lage innerhalb der Branche ist schon seit Jahren schwierig“, erklärte das Unternehmen – aber das trifft alle Anbieter. Der Unterschied besteht darin, wer auf Veränderungen vorbereitet ist – und wer ihnen hinterherläuft. Für die Beschäftigten beginnt nun eine Phase der Ungewissheit. Zwar sind die Löhne vorerst gesichert. Doch das Insolvenzgeld wird nur für drei Monate gezahlt. Anschließend entscheidet sich, ob die Sanierung gelingt, Investoren einsteigen oder weitere Einschnitte notwendig werden. „Eine Sanierung bedeutet meist, dass alle Standorte auf den Prüfstand kommen“, heißt es aus dem Firmen-Umfeld.

Auch wenn das Verfahren in Eigenverwaltung auf den Erhalt des Unternehmens abzielt, verdeutlicht der Fall die tiefgreifenden Veränderungen im Einzelhandel. Zunehmend teilt sich die Branche in zwei Lager auf. Auf der einen Seite stehen Unternehmen mit hoher Kapitalstärke, modernen Logistikstrukturen und einer engen Verzahnung von stationärem Geschäft und Onlinehandel. Auf der anderen Seite geraten Anbieter unter Druck, deren Kostenbasis hoch ist und die die notwendigen Anpassungen zu lange hinausgezögert haben.
Von einer allgemeinen Baumarktkrise kann dennoch keine Rede sein. Hornbach, Bauhaus oder Obi behaupten sich bislang vergleichsweise gut. Sie investieren weiter in ihre Geschäftsmodelle, bauen digitale Angebote aus und profitieren von ihrer Größe, ihrer Einkaufsmacht und ihrer Kapitalstärke. Gerade deshalb besitzt die Insolvenz von Hellweg eine Signalwirkung, die weit über die Baumarktbranche hinausreicht. Ein ähnliches Muster zeigt sich seit Jahren bei Galeria. Auch dort verweisen Experten darauf, dass die notwendigen Modernisierungs- und Anpassungsschritte zu spät und zu zögerlich eingeleitet wurden. Tradition, Markenbekanntheit und jahrzehntelange Marktpräsenz bieten keinen Schutz mehr vor tiefgreifenden Strukturveränderungen.





