Anzeige
Anzeige

Bergkirchweih: Ich bin der Herr von Erlangen, dein Spießernachbar

Bergkirchweih: Ich bin der Herr von Erlangen, dein Spießernachbar

Bergkirchweih: Ich bin der Herr von Erlangen, dein Spießernachbar

Eine Frau trinkt Freibier bei der Bergkirchweih in Erlangen: Eine Million Besucher werden dort erwartet. (Themenbild/Collage)
Eine Frau trinkt Freibier bei der Bergkirchweih in Erlangen: Eine Million Besucher werden dort erwartet. (Themenbild/Collage)
Eine Frau trinkt Freibier bei der Bergkirchweih in Erlangen: Eine Million Besucher werden dort erwartet. Foto: picture alliance / dpa | Nicolas Armer
Bergkirchweih
 

Ich bin der Herr von Erlangen, dein Spießernachbar

Ganz Deutschland debattiert über „verbotene“ Lieder auf einem der ältesten Bierfeste der Welt in Erlangen. Nur vordergründig geht es um „Sexismus“ – die Gründe sind viel weniger politisch. Eine Glosse.
Anzeige

Du sollst Rücksicht auf alle und jeden nehmen. Du darfst nichts und niemanden diskriminieren, egal, weshalb. Und wehe, du spielst dieses böse Liedchen. Nein, keine Endzeitsekte hat sich diese Regeln ausgedacht, sondern die Stadtverwaltung von Erlangen. Anlässlich der jährlichen Bergkirchweih ließ sie Feierklassiker auf den Index der „sexistischen“ Lieder setzen, die die Wirte möglichst unterlassen sollen. Ein Bierfest wird zum Symbol einer Gesellschaft, die weder unpolitische Freiräume noch minimalen Kontrollverlust aushalten will.

Doch von vorne. Knapp eine Million Touristen werden zur Bergkirchweih erwartet. Und in diesem Jahr mahnt die Stadt eine „besonders diskriminierungsfreie“ Feier an. Anstoß dafür, so die Gleichstellungsbeauftragte Réka Lörincz von den Grünen, sei eine Beschwerde aus dem vergangenen Jahr gegenüber den Nürnberger Nachrichten. Eine Dame hatte gegenüber dem Blatt beklagt, dort von übergriffigen Männern „betatscht“ worden zu sein. Eigentlich ein Fall für die Polizei und nicht für die Kulturinquisition. Doch auch die gespielten Lieder hatten ihr ein ungutes Gefühl gegeben.

So auch Lörincz und ihrer Kollegin Nora Hahn-Hobeck. Sie ließen die „problematischen Partysongs“, angeblich „seit Jahren“ ein Thema, überprüfen. So sei diese Recherche „keine angenehme“ gewesen.

Die Spießer von Erlangen kennen keine Partei

Und ihr fielen nicht nur vulgäre Ballermann-Schlager eines Mickie Krause oder Peter Wackel zum Opfer. Auch der Kulthit „Skandal im Sperrbezirk“ landete auf dem Index. Eine Satire auf das Prostitutionsverbot in weiten Teilen Münchens, mit dem die CSU vor mehr als einem halben Jahrhundert die Stadt „sauber“ machen wollte. Eine Portion Spott also gegen die Spießer der damaligen Zeit, wohlgemerkt schon damals mit einem Radioboykott belegt.

Immerhin hatten jene Spießer den lieben Gott auf ihrer Seite. Wer die Welt geschaffen hat, darf doch ein paar Regeln diktieren. Vier Jahrzehnte später müssen hingegen „Diskriminierung“ und Beschwerden empörter Besucher als Begründung hinhalten. Und zwar parteiübergreifend: Schon 2021 hatten CSU, Linke und SPD im Erlanger Stadtrat dafür votiert, Lieder mit „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ aus der Bergkirchweih zu verurteilen.

Wer sonst denkt beim Bierfest an „Diskriminierung“?

Verbannen kann die Stadt diese Titel nicht – obgleich viele Wirte als Mieter von der Stadt abhängig sind. Die Stadtverwaltung betont, es gehe ihr nicht um „Verbote“ oder „Kulturkampf“. Und man muss ihr recht geben. Es geht darum, Spießer zufriedenzustellen. Jene, die nicht nur in Erlangen nach Verboten, Richtlinien und Sprachregelungen schreien, um sich bloß nicht in ihrem Lebensgefühl oder Selbstbewusstsein gestört zu fühlen. Ein apolitischer Reflex im politischen Gewand.

Und dann halten sie sich auch noch für die Wahrheit und das Leben, tun so, als ob sie die Menschheit vom Bösen erlösen wollten. Nicht, dass sie die Welt geschaffen hätten, genug Anhänger verhelfen ihnen aber zu ihrem Plan. Ob es dem Rest schmeckt, spielt keine Rolle.

Immerhin: Die Wirte reagieren mit einem Stirnrunzeln auf den Index der „frauenfeindlichen“ Werke. Der „Skandal“-Sänger der Spider Murphy Gang, Jürgen Thürnau, wagt einen Vergleich mit der DDR. Nicht einmal die SED-Genossen hätten von seiner Band gefordert. Peter Wackel, dessen Zuruf „Du geile Sau“ im Lied „Joana“ als „problematisch“ eingestuft wurde, wundert sich nicht, weshalb immer mehr Künstler „maximal keine Lust“ auf Deutschland hätten. Wer denn schon, wenn man selbst nach sechs Bierchen und vier Aperol Spritz daran denken muss, ob die nächste Zeile jemanden „diskriminiert“? Alles nach dem Motto: „Ich bin der Herr, dein Spießernachbar!“

Eine Frau trinkt Freibier bei der Bergkirchweih in Erlangen: Eine Million Besucher werden dort erwartet. Foto: picture alliance / dpa | Nicolas Armer
Anzeige
Anzeige

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
aktuelles