Man muß kein Kulturpessimist sein, um zu erkennen: Wir leben in einer Zeit umfassender Verfügbarkeit. Dank Smartphone und Konsorten ist zu jeder Tages- und Nachtzeit alles abrufbar (JF berichtete), wonach es uns begehrt; zugleich macht sich das Gefühl breit, ständig bereitstehen zu müssen. Kaum verwunderlich also, daß gerade das Einhorn, jenes Fabeltier, das Reinheit und Unschuld, besonders aber auch weitestgehende Unverfügbarkeit versinnbildlicht, seit Jahren wieder im Fokus der Aufmerksamkeit steht.
Ihm hat das Museum Barberini in Potsdam nun eine umfangreiche Ausstellung gewidmet, die dem fabelhaften Wesen durch die Jahrtausende bis in unsere Gegenwart folgt. „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“ untersucht das Phänomen anhand von rund 150 Darstellungen; von einem winzigen Siegel aus der Indus-Kultur (ca. 2000 v. Chr.), über chinesische, japanische und persische Artefakte bis hin zu mittelalterlichen Tapisserien und neuzeitlichen Gemälden.
Und selbst die zeitgenössische Kunst arbeitet sich noch an dem utopischen Wesen ab, ist das Einhorn doch ein Wunschbild, mithin eine Projektionsfläche für all das, was man gern sehen, möglicherweise sogar verwirklichen möchte – gerade weil es so unabänderlich der Sphäre des Phantastischen, Unerreichbaren angehört. So ist das Einhorn ein wahrer Gestaltwandler, der sich der jeweils benötigten Form angleicht, und zugleich das Sinnbild des Unverfügbaren, des Freiheitlichen – es sei denn natürlich, es ergäbe sich freiwillig einer ebenfalls reinen Jungfrau. Doch gehen wir zunächst zum Anfang.
Zuerst wird das Einhorn in Persien erwähnt
Seinen Ursprung findet das Einhorn im indischen Epos Mahābhārata: Es berichtet von einem Weisen, der ein Horn auf der Stirn trägt und in völliger Abgeschiedenheit und Askese lebt. Mit seinen magischen Kräften aber könne er Fruchtbarkeit bringen, erzählt man sich, was sich ein findiger König zunutze macht: Er lockt den Einsiedler mit Wein, Weib und Gesang in sein Reich – und es funktioniert.
Kaum betritt der Weise die Stadt, erblüht sie im lange vermißten Regen. Wie es dem Asketen später erging, ist nicht überliefert. Der Mythos vom Einhorn aber hatte damit seine zentralen Motive erhalten. Es steht für Reinheit und Keuschheit, zugleich aber auch für Fruchtbarkeit und Heilung. Gezähmt werden kann das Einhorn nur durch eine Jungfrau, wodurch es im christlichen Europa eine enge Verknüpfung zur Gottesmutter erhielt.
Doch zuvor tauchte das Tier in der naturkundlichen Literatur Persiens auf: Der Arzt Ktesias von Knidos erwähnt um 400 v. Chr., daß es in Indien wilde Esel mit einem Horn gäbe. Ausgehend von dieser bis heute ältesten erhaltenen Quelle beginnt das Einhorn seinen Gang auch durch die europäische Kultur; mehrfach findet es Erwähnung in der Bibel; bereits in der Genesis, im Paradies wie auch auf Noahs Arche ist es zugegen.
Das Horn war sogar in Kathedralen zu finden
Bei Plinius dem Älteren wird es im 1. Jahrhundert zu einer Mischung aus Löwe, Pferd und Nashorn; vor allem aber stellt seine Schrift das Scharnier zwischen antiker Wissenschaft und mittelalterlicher Symbolik dar. Diese wird etwa im zweiten bis dritten Jahrhundert n. Chr. vom sogenannten Physiologus in Alexandria verfestigt, der die religiöse Bedeutung des Wesens für Jahrhunderte prägte. Er setzte das Einhorn mit Christus gleich, der nur aus dem reinen Schoß der Jungfrau Maria ins Menschenreich geholt werden konnte.
Die reale Existenz des Einhorns wurde also nicht angezweifelt, zudem erzählten zahlreiche Reiseberichte von ihm, und es gab sogar haptische Beweise: Das wundersame, spiralig in sich gedrehte Horn des Tieres war in einigen Kathedralen zu finden und versprach zudem Heilung von allerlei Übeln, wie Apothekengefäße zeigen. Doch selbst als Naturforscher im 17. Jahrhundert bewiesen, daß es sich hierbei um den Stoßzahn des Narwals handelt, tat dies der Faszination für das Tier keinen Abbruch.
Jung vermutete eine Verbindung zwischen göttlicher und tierischer Natur
Denn längst war es schon in der weltlichen, nicht zuletzt höfischen Kultur heimisch geworden und begann von dort aus die Vorstellungen von idealer Zwischenmenschlichkeit – von Liebe bis Gesellschaft – zu versinnbildlichen. Auf einer um 1500 entstandenen, mehr als fünf Meter langen Tapisserie aus Brandenburg an der Havel findet sich das Einhorn zu Füßen einer Dame liegend. Interessanterweise bildet das sehr vertraut wirkende Paar das Zentrum einer Jagdgesellschaft – der es selbstredend nicht gelungen war, das schnellste aller Tiere zu fangen. Vielmehr waren es die Qualitäten des Höfischen, Liebe und Geist kombiniert mit einer eher unerfüllten Sinnlichkeit, die das Einhorn zähmen konnten.
Beginnt schon hier der Gedanke von einer weiblichen Macht, wie sie Jahrhunderte später auch Rebecca Horn in Szene setzte? In ihrem frühen Performancevideo „Einhorn“ (1970) verwandelt sich eine Frau mittels aufgeschnalltem Horn in das Wunderwesen und eignet sich so dessen Mythos an – die Eigenschaften des Reinen und Guten ebenso wie die der Unbezähmbarkeit und Kraft. Immerhin: Für C. G. Jung repräsentiert das Einhorn nicht weniger als das Selbst in seiner Verbindung zwischen göttlicher und animalischer Natur, wobei das Horn zu einer Art spirituellem Befruchtungsorgan transzendiert wird.
Doch nicht immer ist das Einhorn ein elegisches, durch Wald und Wiese streifendes Geschöpf. In frühen Schriften und Darstellungen wird es vielmehr als äußerst angriffslustig gezeigt; insbesondere gegenüber Drachen, Löwen und Elefanten. Auch Menschen waren vor ihm nicht sicher, doch womöglich galt das vornehmlich für „Wilde Leute“ in unzivilisierten Weltgegenden. Immerhin berichtete schon Marco Polo um 1300, daß die Einhörner auf „Klein-Java“ kaum kleiner als Elefanten seien – und ausgesprochen häßlich: „Diese Tiere haben mit unseren Einhörnern gar nichts gemein.“
Ein sanftschönes Wesen auf einem Foto
Ähnlich zeigt es 1572 der Antwerpener Maler Maerten de Vos: Wild und wehrhaft füllt das Einhorn hier den gesamten Bildvordergrund, das zarte Pferdchen ist zu einem Wesen verwandelt, das – mit geblähten Nüstern, Zottelmähne und Ringelschwanz ausgestattet – streitbar mit den Elefantenfüßen stampft. Im Hintergrund hat sein Artgenosse soeben einen schwarzhäutigen Mann auf einen Baum gejagt, während andere ihm mit Pfeil und Bogen zur Rettung eilen. Wer ist hier Jäger und wer Gejagter?

Um 1600 verschwand das Einhorn zunächst einmal aus der Malerei, wurde aber im 19. Jahrhundert wiederentdeckt. Auch wenn seine christliche Symbolik im Hintergrund weiter mitschwang, wurde es nun – während die Welt mehr und mehr von Rationalismus geprägt war – zu einem Refugium für das Phantastische und Surreale, letztlich also erneut für das Unverfügbare.
So verorten die symbolistischen Maler Gustave Moreau wie auch Arnold Böcklin das Einhorn im diffusen Dämmer verwunschener Wälder, jeweils begleitet von einer weiblichen Gestalt. Hier schlägt sich ein Bogen zu der Aktionskünstlerin Rebecca Horn, aber auch zu Marie Cécile Thijs, deren Fotoarbeit „Einhorn“ (2012) erneut ein sanftschönes Wesen zeigt und zugleich beweist, daß die Photographie schon seit längerem keinen unbestechlichen Beweis für Realität mehr darstellt.
Utopien sind wie Einhörner
Doch auch die dunklen Seiten des Fabelwesens sind heute nicht vergessen: Mit „La Lotta“ (2006) verweist Olaf Nicolai auf die Kampfeslust, ja, die Gewaltbereitschaft des utopischen Wesens und bindet es in politische Fragen ein. Zu sehen ist ein präparierter, liegender Pferdekörper, dessen Fell und Horn unüblicherweise schwarz sind.
Das Objekt strahlt eine Hitze von 43 Grad Celsius aus, jener Temperatur, die für Säugetiere und Menschen lebensbedrohlich ist. Das Einhorn und der Tod? Nicolai nimmt Bezug auf „Lotta Continua“ („Ständiger Kampf“), eine militant linksextreme, antikapitalistische Gruppierung, die im Italien der 1970er Jahre für marxistische Utopien kämpfte und dabei vor Gewalt bis hin zu Mord nicht zurückschreckte. „La Lotta“ stellt auf eindrückliche Weise eine Frage, die auch heute wieder aktuell ist: Rechtfertigen (ohnehin nicht erreichbare) Utopien die Anwendung von Gewalt?
Doch Utopien sind wie Einhörner: Sie existieren in Nicht-Orten, in phantastischen Räumen – und sind dort auch gut aufgehoben.





