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1.500. Todestag: Warum der Ostgotenkönig Theoderich in der Walhalla thront

1.500. Todestag: Warum der Ostgotenkönig Theoderich in der Walhalla thront

1.500. Todestag: Warum der Ostgotenkönig Theoderich in der Walhalla thront

1IT-1027-E493-1-B (1697381) Übergabe von Ravenna an Theoderich Theoderich der Große, König der Ostgoten um 453 - 526. - 'Theoderich vor Ravenna'. (27.Februar 493; der Bischof von Ravenna übergibt die Stadt). - Holzstich, um 1860, nach Zeichnung von Anton Dietrich (1833-1904). Spätere Kolorierung.
1IT-1027-E493-1-B (1697381) Übergabe von Ravenna an Theoderich Theoderich der Große, König der Ostgoten um 453 - 526. - 'Theoderich vor Ravenna'. (27.Februar 493; der Bischof von Ravenna übergibt die Stadt). - Holzstich, um 1860, nach Zeichnung von Anton Dietrich (1833-1904). Spätere Kolorierung.
Theoderich der Große: Bereits dreißig Jahre nach seinem Tod war sein Reich Geschichte. Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
1.500. Todestag
 

Warum der Ostgotenkönig Theoderich in der Walhalla thront

An 13. Stelle der bayerischen Ehrenhalle erinnert eine Tafel an Theoderich den Großen – obwohl der Ostgotenkönig nie über deutsches Gebiet herrschte. Dafür taucht er in der germanischen Sagenwelt auf.
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In der Walhalla-Gedenkstätte in der Nähe von Regensburg wird an über 200 Persönlichkeiten erinnert, die für die deutsche Geschichte eine besondere Bedeutung besitzen. Diese Galerie der großen Gestalten beginnt chronologisch mit Armin dem Cherusker und endet mit Max Planck. Ganz am Anfang, an 13. Stelle, befindet sich eine Gedenktafel für den Ostgotenkönig Theoderich den Großen, der weder ein Deutscher war, noch jemals in Deutschland regiert hat. Trotzdem haben ihn die Erbauer der Walhalla-Gedenkstätte im 19. Jahrhundert als Teil der germanischen Vorgeschichte in den deutschen Kulturraum eingemeindet. Wieso?

Die Antwort auf diese Frage führt zurück in die Epoche der Völkerwanderung, als die antike Zivilisation in die Krise geriet, ohne dass bereits Grundzüge einer neuen Ordnung sichtbar gewesen wären. In diese Welt des Übergangs wurde Theoderich im Jahre 454 als Sohn eines ostgotischen Königs geboren. Schon im Alter von acht Jahren kam Theoderich 462 nach einem Friedensschluss zwischen den Ostgoten und dem oströmischen Kaiser als Geisel nach Konstantinopel, wo er zehn Jahre blieb und die antike Kultur aus nächster Nähe kennenlernte.

Nach seiner Rückkehr im Jahre 472 erklomm er trotz seines jugendlichen Alters schnell einen königlichen Rang, geriet aber bald wieder mit den Kaisern in Konstantinopel aneinander. In dieser wildesten Epoche der Völkerwanderungszeit, in der der Germane Odoaker in Rom den letzten Kaiser Romulus Augustulus absetzte und in Gallien die letzten römischen Garnisonen gegen die Franken kämpften, mussten die oströmischen Kaiser an Ostgoten, Gepiden, Sarmaten und andere Stämme hohe Subsidien zahlen, um von Überfällen und Brandschatzungen verschont zu bleiben.

Ostgoten auf dem Weg nach Westrom

Anderthalb Jahrzehnte lang mischte der junge Theoderich in diesen Plünderungskriegen erfolgreich mit und vergrößerte seine Macht, ohne jedoch letztlich in der Lage zu sein, für seine Gefolgschaft eine stabile Existenzgrundlage zu sichern. Denn sobald der Kaiserhof in Konstantinopel die Subsidienzahlungen einstellte, drohten Hungersnot und Krieg. Diesen Dauerkonflikt beendete der oströmische Kaiser Zeno im Jahre 488 mit der Idee, die Ostgoten nach Westen zu schicken, um in seinem Namen die Herrschaft des Germanen Odoakers in Italien zu beenden.

Für die Ostgoten, die sich daraufhin im kaiserlichen Auftrag mit über 100.000 Menschen, darunter etwa 20.000 Kriegern, auf den Weg machten, war dieses Projekt mit einem existentiellen Risiko verbunden, bot aber auch die Möglichkeit, in der reichsten Provinz Westroms Fuß zu fassen. Zugleich begann für Theoderich mit diesem Marsch nach Westen der Eintritt in die Weltgeschichte. War er bis dahin nur ein germanischer Heerführer gewesen, wurde er nun zum Staatengründer.

Bis dahin allerdings vergingen noch vier blutige Jahre, in denen die Ostgoten unter der Führung  Theoderichs 489 in Italien einfielen, um die Truppen Odoakers in einer Reihe blutiger Schlachten niederzuringen. Am Ende massakrierte Theoderich  höchstpersönlich den unterlegenen Odoaker unter Bruch seines Wortes bei einem Versöhnungsmahl. Damit war der Sieg der Ostgoten perfekt, aber das Grundproblem noch nicht gelöst. Denn da die Goten nicht daran dachten, ihre Nahrung selbst anzubauen, mussten sie sich aus dem Land ernähren. Auf dem Balkan war das misslungen, weil es keinen Verwaltungsapparat gegeben hatte, der den Unterworfenen die Werte abpressen konnte, die zur Versorgung einer zugewanderten Bevölkerung erforderlich waren. Dies war in Italien anders.

Der Papst im Gefängnis

Denn in Ravenna, Mailand, Rom oder Neapel war die Antike noch nicht zu Ende. Die Kontrolle der öffentlichen Ordnung, die Steuererhebung, das Münzwesen und der Handel funktionierten noch immer auf der Grundlage einer leistungsfähigen römischen Beamtenschaft. Diesen Staats- und Wirtschaftsapparat ließ Theoderich nach seiner Machtergreifung unangetastet, weil mit den Ressourcen, die er eintrieb, die ostgotische Bevölkerung alimentiert werden konnte. Auf der anderen Seite reservierte Theoderich das Militär allein für die Ostgoten. „Integration durch Separierung“ nannte der Theoderich-Biograph Hans-Ulrich Wiemer diese Herrschaftstechnik, die die Entwicklung einer neuen römisch-germanischen Identität bewusst ausschloss. Theoderich war außerdem klug genug, den Kaiser in Konstantinopel weiter als formellen Oberherrn anzuerkennen, schaltete und waltete innen- und außenpolitisch aber allein nach Maßgabe seiner Interessen.

Er achtete die römischen Institutionen wie Senat und Konsulat und erhob seine Hauptstadt Ravenna zu einem Zentrum der spätantiken Kultur. Obwohl die Mehrheit der Ostgoten dem arianischen Christentum folgte, förderte der König auch den Katholizismus der Mehrheitsbevölkerung. Juden hatten im Reich des Theoderichs nichts zu befürchten. Mit Hilfe der römischen Beamtenschaft und gestützt auf das Waffenmonopol der Ostgoten bescherte er Italien auf diese Weise mitten in den Wirren der Völkerwanderung eine dreißigjährige Blütezeit. Betrachtet man die beiden Lebensphasen Theoderichs, fühlt man sich fast an Octavian-Augustus erinnert. Wie bei diesem folgte auf eine Phase von Mord und Totschlag eine segensreiche Tätigkeit als Friedensfürst.

Aber nur fast, denn ab 520, in der Endphase seiner Herrschaft, verdunkelte sich der Horizont des Königs. Theoderich verdächtigte den Papst der Konspiration mit dem oströmischen Kaiser und ließ ihn im Gefängnis sterben. Den Philosophen  Boethius ließ Theoderich unter fadenscheinigen Vorwänden verhaften und hinrichten. Unsterblich wurde „Der Trost der Philosophie“, den der unglückliche Boethius im Gefängnis verfasste.

Theoderich als germanische Lichtgestalt der deutschen Nationalbewegung

Theoderich starb am 30. August des Jahres 526, und schon dreißig Jahre später war sein Reich Geschichte. Keiner seiner Nachfolger war in der Lage gewesen, die prekäre Balance des römisch-germanischen Doppelstaats aufrechtzuhalten. Außerdem sympathisierte die Mehrheit der lateinischen Bevölkerung mit den oströmischen Truppen, die ab 535 mit der Rückeroberung Italiens begannen. Im Unterschied zum Frankenreich war das Reich der Ostgoten nur eine Episode der Geschichte.


Trotzdem blieb das Andenken an Theoderich auch nach dem Untergang seines italienischen Reiches in gleich zweifacher Weise erhalten. In der germanischen Sagenwelt lebte er – wenngleich mit einer völlig anderen Vita – weiter als Dietrich von Bern. Der deutschen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts galt er als germanische Lichtgestalt, die inmitten römischer Verkommenheit die edlen Werte des Germanentums aufrechterhielt. Dass der bayerische König Ludwig I. im Jahre 1842 darauf bestand, den Germanenkönig Theoderich in das Walhalla der deutschen Geschichte einzureihen, erscheint aus dieser Perspektive verständlich, zeigt aber auch mit wie viel Phantasie das nationale Selbstbild aufgeladen war. Felix Dahns Roman „Ein Kampf um Rom“ ist der literarische Reflex dieser Perspektive. Als vielleicht erfolgreichster historischer Roman der deutschen Kulturgeschichte wurde er allein zwischen 1876 und 1914 126mal aufgelegt.

Wissenschaftlich bleibt die Frage nach der geschichtlichen Bedeutung Theoderichs des Großen umstritten. Als der preußische Historiker Otto Hinze 1897 aus Anlass des hundertjährigen Geburtstages von Kaiser Wilhelm I. eine Denkschrift darüber verfasste, ob es angebracht sei, den verstorbenen Kaiser mit dem Beinamen „der Große“ zu ehren, durchmusterte er bei dieser Gelegenheit die Gestalten, die diesen Titel bereits trugen. In diesem Zusammenhang kam er auch auf Theoderich „den Großen“ zu sprechen und formulierte milde Zweifel an diesem Namenszusatz, denn im Unterschied zu den anderen „Großen“ wie Karl der Große oder Friedrich der Große, die durchweg Bleibendes geschaffen hatten, war das Reich des Theoderichs schon eine Generation nach seinem Tod verschwunden. Es war ebenso verschwunden wie die Reiche der Westgoten, Vandalen oder Burgunder. Die Zukunft hatte dem Reich der Franken gehört, in dem es, wenngleich erst nach einiger Zeit, zu jener römisch-germanischen Synthese kam, die zu einer der Grundlagen Europas wurde.

Aus der JF-Ausgabe Nr. 36/26.

Theoderich der Große: Bereits dreißig Jahre nach seinem Tod war sein Reich Geschichte. Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
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