In einem Punkt dürfte Einigkeit zwischen deutschen und polnischen Patrioten herrschen: An der Biegung des westpreußischen Flusses Nogat erhebt sich das schönste, größte und eindrucksvollste Backsteingebäude der Welt. Seine wechselvolle Geschichte begann im Jahre 1276, als der Deutschordens-Landmeister Konrad von Thierberg hier im Flachland, auf halbem Weg zwischen Danzig und Elbing, einen mächtigen Stützpunkt entstehen ließ, Grenzfestung und Verwaltungssitz in einem. Schon vier Jahre nach Baubeginn zog Heinrich von Wilnowe als erster Komtur in das neue Domizil ein.
Für den damals errichteten Teil der Hauptburg, das spätere Hochschloß, war die ungeheure Menge von 3,2 Millionen Ziegelsteinen erforderlich. Insgesamt wurden in der Burganlage ungefähr zehn Millionen zum Teil verglaste und bunte Steine verbaut. Die um 1390 vollendete, 21 Hektar große, aus Backsteinen gefügte Burganlage bildet eigentlich einen Komplex von drei Burgen – Hochschloß, Mittelschloß und Großmeisterpalast –, der durch ein System von ausgebauten Fortifikationen und der Sankt-Marien-Kirche zu einem organischen Gebilde verbunden ist.
Ihren Mittelpunkt bildet der „Große Remter“, ein 30 Meter langer und 15 Meter breiter, von filigranen Säulen getragener Speisesaal, der 400 Gäste aufnehmen konnte. Gleich an der Südwestecke der Ringmauer ragt der „Danzker“ empor, ein massiver viereckiger Turm mit Schrägdach, durch einen gedeckten Gang mit dem Haupthaus verbunden. Im kriegerischen Ernstfall sollte er als Bergfried zur letzten Zuflucht dienen. Der Burgenkomplex besaß sogar eine „Firmarie“, das Kranken- und Altenheim des Ordens.
Hochmeister des Ordens wachen als Statuen über Schloß
Auffallendster Gebäudeteil des Mittelschlosses ist der Hochmeisterpalast. Dieser zwischen 1382 und 1399 errichtete Profanbau nach Plänen des aus Koblenz stammenden Architekten Nikolaus Fellenstein stellt eine architektonische Besonderheit dar: Er entspricht dem Typus eines „Donjons“ (Wohnturm) und zeigt neben Elementen der niederdeutschen Gotik auch Einflüsse italienischer und flämisch-burgundischer Bautraditionen.
Im Innenhof des Mittelschlosses stehen seit dem 19. Jahrhundert vier Bronzestandbilder der bedeutendsten Hochmeister: Hermann von Salza, Siegfried von Feuchtwangen, Winrich von Kniprode und Albrecht von Brandenburg. An der östlichen Kirchenfront sieht man die Schutzpatronin des Ordens: ein imposantes Abbild der Jungfrau Maria, das seit 1344 hoch über der ersten Ringmauer in bunten Schattierungen aus seiner Nische leuchtet. Acht Meter mißt diese fast vollplastische Stuckfigur, die ebenso wie die Nischenwände mit farbigen Mosaiksteinen bekleidet ist. Geschmückt von einer hohen goldenen Krone, hält die Gottesmutter ihren ebenfalls gekrönten Sohn auf dem Arm, in der rechten Hand ein Lilienzepter.
Die Bruderschaft der Deutschen war 1191 im Gefolge der Kreuzzüge gegründet worden. Ihm gehörten sowohl Ritterbrüder als auch Geistliche an. Vom Mittelmeerraum verlegte der Orden seine Wirkungsstätte erst nach Siebenbürgen, dann nach Osteuropa. Es waren polnische Fürsten, welche 1230 die deutschen Ritter ins Land riefen, weil sie mit heidnischen Stämmen im Norden nicht fertig wurden. Als Lohn für ihren militärischen Beistand erhielt der Orden im Vertrag von Kruschwitz große Gebiete im Baltikum sowie in West- und Ostpreußen.
Niederlage von Tannenberg bedrohte Marienburg
Hier fand eine großartige Kolonisation statt. Es wurden bis Anfang des 15. Jahrhunderts 93 Städte gegründet, darunter Königsberg, Kulm, Ortelsburg, Memel, Thorn. 1309, als der Hochmeister Siegfried von Feuchtwangen die Residenz des Deutschen Ordens von Venedig nach Marienburg verlegte, hatte sich der Ruhm des Kampfes für die Christenheit herumgesprochen.
Die Marienburg ist das größte Backsteingebäude in Europa. Der Bau begann 1280 und wurde erst Mitte des 15. Jahrhunderts abgeschlossen. Ab 1309 war die Burg der Hauptsitz der Hochmeister des Deutschen Ordens. Die Gesamtfläche der Burg beträgt 21 Hektar. pic.twitter.com/Ny21R3BRXd
— Darius J. Piwowarczyk (@PiwowarczykJ) August 20, 2025
Der Deutsche Orden, welcher selten mehr als 2.000 Ritterbrüder zählte, stand seit Mitte des 14. Jahrhunderts häufig im Konflikt mit seinen mißgünstigen Nachbarn Polen und Litauen – Ländern, die sich damals vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer erstreckten. Am 15. Juli 1410 erlitt der Orden bei Tannenberg eine verheerende Niederlage gegen ein vereinigtes polnisch-litauisches Heer, und nun war die Marienburg tödlich bedroht.
Unter Führung des Komturs Heinrich von Plauen trotzte man einer achtwöchigen Belagerung. Endlich zog der Feind am 19. September ab. Heinrich von Plauen wurde am 9. November (offenbar ein Schicksalsdatum deutscher Geschichte) 1410 zum Hochmeister gewählt. Danach erwies er sich auch als geschickter Diplomat. Im Frieden von Thorn Anfang 1411 mußte der Orden lediglich Schamaiten (Nieder-Litauen) abtreten.
Die Marienburg – sie verfügt übrigens über ein heute noch imposantes System von Fußbodenheizungen – blieb weiter religiöses, militärisches und politisches Hauptquartier des Deutschen Ordens. Erst 1457 mußte sie dem König von Polen übergeben werden. Nach Teilung des Landes gelangte sie 1772 an Preußen und diente zeitweise als Kaserne. In ihrem Inneren hatten unter den schweren Flachgewölben elf Hochmeister ihre letzte Ruhestätte gefunden. Die Restaurierung nach den verheerenden Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg, vor allem der mit üppigen Malereien geschmückten Innenräume, läßt heute ein Gefühl der Ehrfurcht vor Baukünsten und Formgefühl unserer Vorfahren im Osten aufkommen.






