Eine Sandskulptur zeigt die Hinrichtung von Klaus Störtebeker samt kopflosen Gang Foto: picture alliance / imageBROKER | Karl F. Schöfmann
Eine Sandskulptur zeigt die Hinrichtung von Klaus Störtebeker samt kopflosen Gang Foto: picture alliance / imageBROKER | Karl F. Schöfmann

Hinrichtung Klaus Störtebekers
 

Wie der Enthauptete zum Lebensretter werden wollte

Was den Engländern ihr Robin Hood, ist den Norddeutschen ihr Klaus Störtebeker. Ähnlich viele Legenden wie um den meisterhaften Bogenschützen aus dem englischen Sherwood Forrest ranken sich um den Seeräuber, der um 1400 Nord- und Ostsee unsicher machte. Wobei, machte er das wirklich?

In Ermangelung zeitgenössischer Quellen ist beim Leben Störtebekers nicht klar, was historische Tatsache und was nachträgliche Zudichtung ist. So beginnen die Unsicherheiten schon beim Herkunftsort. Manche Zeugnisse nehmen Rotenburg (Wümme), andere Verden an der Aller als solchen an. Wieder andere behaupten, er habe um 1360 in Wismar das Licht der Welt erblickt.

Auch soll es sich bei „Störtebeker“ um einen Spitznamen handeln. Er sei hergeleitet vom Niederdeutschen „Stürz den Becher“. Sein Namensträger soll ihm zu Lebzeiten alle Ehre gemacht haben, als er einen vier-Liter-Humpen Bier oder Wein in einem Zug geleert haben soll.

Hansestädten verstärkten Jagd auf Störtebeker

Als gesichert gelte wiederum, daß er Ende des 14. Jahrhunderts Teil der Freibeutergruppe der Vitalienbrüder war. In Diensten der schwedischen Krone gingen sie auf Kaperfahrt und hatten es dabei auf dänische Schiffe und Koggen der norddeutschen Hansestädte abgesehen. Durch entsprechende Kaperbriefe konnten Störtebeker, sein Kumpan Gödeke Michels und ihre Mitstreiter die Beute ihrer Überfälle legal in ausgeschriebenen Häfen verkaufen.

Mit der Kogge "Bunte Kuh" führte die Hanse Krieg gegen Störtebeker und seine Piraten (Gemälde um 1900) Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
Mit dem Schiff „Bunte Kuh“ führte die Hanse Krieg gegen Störtebeker und seine Piraten (Gemälde um 1900) Foto: picture alliance / akg-images | akg-images

Freibeuter waren damit das, was Historiker mit Blick auf die Söldnerheere des Dreißigjährigen Krieges als „Gewaltunternehmer“ bezeichneten. Sie setzten ihre militärischen Mittel zur eigenen Gewinnmaximierung ein. Zugleich scheuten sie dabei aber zu große Risiken, denn ihr eigenes Kapital bemaß sich nicht zuletzt an der Größe und Stärke ihrer Einheiten.

Die Hansestädte wollten dem Treiben der Vitalienbrüder nicht länger tatenlos zusehen und erhöhten den Druck auf die Seeräuber, die nach dem Ausscheiden aus schwedischen Diensten fortan als Piraten auf eigene Faust auf Beutefahrt gingen. Laut späterer Überlieferungen stellte ein Verband hamburgischer Friedensschiffe unter dem Kommando der Ratsherren Nikolaus Schocke und Hermann Lange Störtebekers Schiff „Toller Hund“ am 22. April 1401 vor Helgoland.

Henker beendete Störtebekers schaurigen Gang

Die Piraten verteidigten sich erbittert, unterlagen aber letztlich ihren Verfolgern. Störtebeker und ein Teil seiner Gefährten wurden gefangen und in die Hansestadt Hamburg gebracht, wo sie am 20. Oktober 1401 das Todesurteil erwartete.

Nachdem ein Bestechungsversuch Störtebekers vom Rat der Stadt abgelehnt worden sei, soll sich in der Elbstadt  auf dem Grasbrook ein makabres Schauspiel zugetragen haben. Um zumindest einen Teil seiner 72 Mitgefangenen zu retten, habe Störtebeker dem Bürgermeister Kersten Miles das Versprechen abgerungen, so viele seiner Gefolgsleute zu verschonen, an denen er nach seiner Enthauptung vorbeiginge. Der Legende nach schritt der kopflose Pirat an elf Männern vorbei, bis es dem Henker zu bunt wurde und er ihm den Richtblock vor die Füße warf und ihn so zu Fall brachte.

Die Störtebeker-Festspiele begeistern die Besucher auf Rügen (Archivbild) Foto: picture alliance/dpa | Stefan Sauer
Die Störtebeker-Festspiele begeistern die Besucher auf Rügen (Archivbild) Foto: picture alliance/dpa | Stefan Sauer

Der Bürgermeister habe nach diesem Schauspiel von seinem Versprechen nichts mehr wissen wollen und alle Gefolgsleute Störtebekers enthaupten lassen. Alle 73 Köpfe wurden zur Abschreckung an der Elbe entlang aufgespießt und zur Schau gestellt.

Störtebeker hielt Einzug in die Popkultur

Soweit die Legende. Historiker gehen heute jedoch davon aus, daß die weitergesponnene Biographie eines aus Danzig stammenden Kaufmanns und Kapitäns die Grundlage für die Piratenerzählung lieferte. So läßt sich in Dokumenten dieser Zeit ein Johann Stortebeker aus jener Stadt nachweisen, der jedoch mit dem Leben des Klaus Störtebeker nichts gemeinsam hat.

Die Legende stellte sich jedenfalls als so populär wie langlebig heraus. Auch an politischer Vereinnahmung mangelte es nicht, wie die Stilisierung des Piraten zum Volkshelden in der DDR zeigte. Ganz kapitalistisch ausgeschlachtet gibt es heute noch das gleichnamige Bier einer Stralsunder Brauerei, die Störtebeker-Festspiele auf Rügen oder das Störtebekker Rasierzubehör.

Störtebeker-Denkmal im Hamburger Hafen: Der Mythos ist mit der Stadt verbunden Foto: picture alliance / Bildagentur-online/Joko | Bildagentur-online/Joko
Störtebeker-Denkmal im Hamburger Hafen: Der Mythos ist mit der Stadt verbunden Foto: picture alliance / Bildagentur-online/Joko | Bildagentur-online/Joko

Neben unzähligen Büchern und einigen Filmen hat der angeblich großzügige Pirat, der seine Beute demnach auch an Bedürftige verteilt haben soll, auch seinen Eingang in die moderne Musik gefunden. Sowohl die Heavy Metal Band Running Wild als auch die Mittelalter-Rocker In Extremo widmeten ihm Lieder und auch die Hamburger Hip-Hop Gruppe Fettes Brot und Santiano thematisieren ihn.

Störtebeker blickt trotzig auf den Hafen

Daß auch zahlreiche Schiffe den Namen Störtebeker trugen und tragen, versteht sich von selbst: beispielsweise ein Versuchsboot der kaiserlichen Kriegsmarine, das als Minensuchboot M 66 im Jahr 1917 in Dienst gestellt wurde. Im gleichen Jahr erhielt auch ein Fischdampfer den Namen.

Auch wenn das vermeintliche Leben Störtekers letztlich bloß eine Mischung aus Seemansgarn, Folklore und bloßer Dichtung ist, ist die Figur doch nicht nur in Hamburg bis heute präsent. Dort steht am Hafen eine Statue des Piraten mit trotzigem Blick. Die Sockelinschrift klingt wie eine Drohung aus dem Jenseits: „Gottes Freund, der Welt Feind.“

Eine Sandskulptur zeigt die Hinrichtung von Klaus Störtebeker samt kopflosen Gang Foto: picture alliance / imageBROKER | Karl F. Schöfmann
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