Durch den Haarerlaß hielten 1971 Langhaarfrisuren bei der Bundeswehr Einzug Foto: picture alliance / Klaus Rose | Klaus Rose
Durch den Haarerlaß hielten 1971 Langhaarfrisuren bei der Bundeswehr Einzug Foto: picture alliance / Klaus Rose | Klaus Rose

Haarerlaß der Bundeswehr

Liberalisierung unterm Stahlhelm – eine haarige Angelegenheit

„Die Bundeswehr kann in ihrem Erscheinungsbild die Entwicklung des allgemeinen Geschmacks nicht unberücksichtigt lassen.“ Dieser Satz aus einem Erlaß von Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt (SPD) vom 8. Februar 1971 leitete eine kleine Revolution in den westdeutschen Streitkräften ein. Fortan durften deren Soldaten mit wallender Mähne ihren Dienst versehen.

Schmidt, der im Zweiten Weltkrieg als Oberleutnant der Luftwaffe gedient hatte, kommentierte die Neuregelung lapidar: „Die modischen Äußerlichkeiten und Attitüden haben auf ihrem schnellen Marsch durch alle Gesellschaftsgruppen vor dem Kasernentor nicht haltgemacht.“

Damit beugte sich die Bundeswehr dem Druck, der seit den sechziger Jahren eingesetzt hatte. Ausgehend von den USA war die wild wuchernde Haarpracht als Zeichen einer Oppositionshaltung gegenüber der Gesellschaft auch nach Westeuropa geschwappt. Dabei war sie ironischerweise in radikal linken Kreisen umstritten. So ist überliefert, daß der stets gescheitelte Studentenführer Rudi Dutschke Langhaarfrisuren bei Männern ablehnte. Durch sie würde die umworbene Arbeiterklasse provoziert, so seine Befürchtung.

Bundeswehr schaffte Hunderttausende Haarnetze an

In den bundesdeutschen Kasernen vertieften die zur Schau gestellten Mähnen der Wehrpflichtigen die Kluft zu den Unteroffizieren. Der Unmut der im Kalten Krieg zum Wehrdienst herangezogenen jungen Männer nahm zu.

Die sozial-liberale Koalition unter Kanzler Willy Brandt (SPD) folgte den vermeintlichen Zeichen der Zeit und erlaubte schließlich die neue Frisurenmode. Rückblickend kann darin ein Ausdruck der damaligen allgemeinen Liberalisierung der Gesellschaft gesehen werden.

Ein langhaariger Soldat setzt das per Haaarerlaß erlaubte Haarnetz auf Foto: picture-alliance / dpa | dpa
Ein langhaariger Soldat setzt das per Haaarerlaß erlaubte Haarnetz auf Foto: picture-alliance / dpa | dpa

Als Regel für das Kopfhaar galt fortan: „Haare und Bart müssen sauber und gepflegt sein. Soldaten, deren Funktionsfähigkeit und Sicherheit durch ihre Haartracht beeinträchtigt wird, haben im Dienst ein Haarnetz zu tragen.“ Die Anschaffung von insgesamt rum 800.000 Haarnetzen ließ sich die Bundeswehr 1971 und im Jahr darauf etwa 360.000 D-Mark kosten.

Nato spottete über „German Hair Force“

Die überwiegend konservativen hochrangigen Militärs waren über das Erscheinungsbild ihrer Untergebenen entsetzt. „Eine Vernachlässigung im Anzug und im Benehmen des Soldaten ist für jedermann der Beweis für eine schlechte Disziplin. Mit ihr steht und fällt aber der Abschreckungswert und damit der Friedensbeitrag der Truppe“, äußerte ein Brigadegeneral.

Unter den Nato-Verbündeten erntete die Bundeswehr beißenden Spott. Bald machte der Spitzname von der „German Hair Force“ die Runde. Das Ansehen der noch jungen deutschen Nachkriegsarmee litt im Ausland.

Verteidigungsminister Schmidt bekam einen Orden

Das veränderte Erscheinungsbild der Armee sorgte auch in der deutschen Zivilbevölkerung für Irritationen und ließ Zweifel an der Institution als Schule der Nation aufkommen. Die Süddeutsche Zeitung zitierte damals eine besorgte Mutter: „Unser Holger war immer fleißig und ordentlich. Nun muß er zur Bundeswehr. Ich hab so Angst, daß er da verlottert.“

Im Alltag der Truppe zeigte sich jedoch bald, daß Probleme auftraten, die auch ein Haarnetz nicht beheben konnte. So verzeichneten die Truppenärzte eine wachsende Anzahl von Ausfällen als Folge von Verkühlungen durch das nasse Haupthaar. Zudem sammelte sich in den zusammengewickelten Haaren tagsüber der Schmutz.

Schließlich reichte es Schmidt und er machte den Erlaß im Mai 1972 wieder rückgängig. Das Experiment war gescheitert. Jedoch konnte sich der Verteidigungsminister für seinen Vorstoß noch eine Auszeichnung ans Revers heften. Der Aachener Karnevalsverein verlieh ihm im gleichen Jahr den „Orden wider den tierischen Ernst“.

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