Republik Freies Wendland
Die Atomkraftgegner errichteten 120 Hütten in ihrer Minirepublik Foto: picture alliance/dpa
Republik Freies Wendland

Das Woodstock der Atomkraftgegner

Es hatte was von einem Freiluftfestival in der niedersächsischen Provinz. Bis zu mehrere tausende oft langhaarige, zumeist junge Erwachsene fanden sich zusammen, lauschten Rockkonzerten, erprobten neue Formen des Zusammenlebens und protestierten gemeinsam gegen die Politik der Regierung. Doch anders als beim Woodstock Hippie-Festival 1969 in den USA ging es 1980 in Norddeutschland um den Kampf gegen das geplante Atomendlager Gorleben.

Bereits seit den siebziger Jahren suchte die Regierung nach einem geeigneten Salzstock zur Lagerung radioaktiver Abfälle. Seit 1977 fanden zu diesem Zweck auch in Gorleben Erkundungen statt. Bereits zu diesem Zeitpunkt regte sich Widerstand unter der Landbevölkerung. Unterstützung erhielten die regionalen Gruppen wie die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg von Umweltschützern aus der ganzen Bundesrepublik. Nachdem einige kleinere Besetzungen der geplanten Borstellen für das Endlager gescheitert waren, entstand der Plan für eine großangelegte Aktion.

Während einer Demonstration mit rund 5.000 Teilnehmern am 3. Mai 1980 war es schließlich soweit. Die Atomkraftgegner nutzen die Gelegenheit, besetzten die geplante Borstelle 1004 und riefen die Freie Republik Wendland aus. Zur Sprecherin wurde die spätere Grünen-Abgeordnete Rebecca Harms erkoren.

An der Grenze wurden 10 DM fällig

Die „Einwohner“ dieser neuen Minirepublik machten sich sogleich daran, auf dem 300 x 400 Meter großen Areal Hütten zu errichten. Aus Holz und Lehm bauten sie 120 Behausungen, darunter ein sogenanntes Freundschaftshaus, das 400 Menschen Platz bot. In den folgenden Wochen entstanden unterstützt durch Holz- und Nahrungsspenden der Anwohner auf dem Areal eine Großküche, eine Krankenstation, Toiletten, eine Badeanstalt, ein Friseursalon und sogar ein eigener Radiosender. Die Wasserversorgung sicherte ein windradbetriebener Tiefbrunnen.

Blick in das Hüttendorf der Freien Republik Wendland Foto: picture alliance/dpa

Eine improvisierte Grenzstation mit Schlagbaum markierte den Übergang in diesen kuriosen Ministaat der Umweltschützer. Wer einreisen wollte, bekam gegen eine Zahlung von 10 DM einen eigenen Paß ausgestellt; aber nur für diejenigen, „die noch lachen können“, wie es darin hieß. All das fand Niedersachsens Innenminister Egbert Möcklinghoff (CDU) weniger lustig und sprach von „Hochverrat“.

Die „Wendländer“ scherte das zunächst wenig. Unter der Woche lebten rund 500 Besetzer in ihren Hütten. An Wochenende verzehnfachte sich die Zahl, wenn mit Bussen Schaulustige und Unterstützer anreisten. Darunter befanden sich neben dem Liedermacher Wolf Biermann auch Politiker. Wie der damalige Juso-Chef Gerhard Schröder.

Auflösung blieb friedlich

Daß diese Mischung aus Großkommune und Festival kein Dauerprojekt sein würde, war den Verantwortlichen klar. So einigten sie sich schon früh darauf, im Fall einer Räumung nur passiven Widerstand zu leisten.

Polizei und Bundesgrenzschutz räumten das Hüttendorf mit einem Großaufgebot Foto: picture alliance

Das war ein weiser Entschluß, als am frühen Morgen des 4. Juni bis zu 6.000 Polizisten und Angehörige des Bundesgrenzschutzes das Gelände umstellten. Ein Schild am Eingang zum Hüttendorf hieß die Polizisten willkommen. „An die Bullen! Wenn Ihr hier mit Euren Wasserwerfern vorbeikommt, dann gießt gleich unsere Pflanzen ganz sacht und gleichmäßig. Und wehe, es ist Chemiescheiße im Wasser – pfui! Dies ist ein biologischer Garten.“ Wie angekündigt leisteten die verbliebenen Besetzer keinen gewaltsamen Widerstand und ließen sich von den Sicherheitskräften wegtragen. Die Einsatzleitung der Polizei bedankte sich später per Lautsprecher für die Gewaltlosigkeit der „Wendländer“.

Staat sollte nicht infrage gestellt werden

Im Rückblick zeigte sich ein Landwirt aus der Region gegenüber der Welt überrascht, daß der Republik Freies Wendland eine mehrwöchige Lebensdauer beschieden war. „Nie hätten wir damit gerechnet, daß man uns so lange gewähren läßt.“ Dabei habe am Anfang lediglich eine „Schnapsidee“ gestanden, mit der der Protest gegen das geplante Endlager zum Ausdruck gebracht werden sollte. „Es ging uns ja nicht darum, daß wir den Staat nicht anerkennen. Aber wir wollten dem, was der Staat uns aufzwingen wollte, etwas entgegensetzen.“

Die Bedeutung der kurzlebigen Republik für die Atomkraftgegner und Umweltbewegung in Deutschland war und ist immer noch enorm. Das zeigten nicht nur Kundgebungen anläßlich runder Jahrestage ihrer Ausrufung. Das Konzept, illegale Siedlungen mit eigenem Regeln zu errichten und so gegen die Politik zu protestieren, wird in der Gegenwart beispielsweise von den militanten Braunkohlegegnern im Hambacher Forst kopiert. Wie sich jedoch zeigt, ist die Gewaltlosigkeit der Republik Freies Wendland nicht übernommen worden.

Die Atomkraftgegner errichteten 120 Hütten in ihrer Minirepublik Foto: picture alliance/dpa

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