Union-Druckerei in Weimar (Montage) / JF-Ausgabe nach dem Anschlag Foto: JF, Ausschnitt: Focus
Brandanschlag auf JF-Druckerei

Die Täter wurden nie ermittelt

Es ist später Samstag abend, die Nacht auf den zweiten Advent, als sich mehrere Unbekannte im Schutz der Dunkelheit gewaltsam Zutritt zur Union-Druckerei in Weimar verschaffen. Sie brechen die Tür auf und schlüpfen ins Innere. Dann muß alles ganz schnell gehen. Während einer der Täter an einem Behälter mit Druckerfarbe hantiert, deponiert ein anderer drei Brandsätze und verschüttet Benzin in der Druckerei. Die in Postpaketen untergebrachten Brandsätze sind mit einer Verzögerungsvorrichtung versehen, als Zeitzünder dienen handelsübliche Batteriewecker.

Die Einbrecher stellen den Alarm auf 0.00 Uhr, dann verschwinden sie. Um Mitternacht zünden die Brandsätze, es entsteht ein Schwelbrand. Als die Mitarbeiter der Druckerei am Sonntag mittag zur Arbeit kommen, stehen sie vor einem Chaos. Der Drucksaal ist völlig verrußt, große Teile der Maschinen sind schwer beschädigt, bereits hergestellte Zeitschriften verbrannt. Zudem sind 600 Liter Druckerfarbe ausgelaufen. Eine Katastrophe für das Unternehmen mit 29 Mitarbeitern.

Fünfundzwanzig Jahre ist der Anschlag auf die Union-Druckerei nun her. Sie war ins Visier militanter Linksextremisten geraten, weil sie die seit Jahresbeginn wöchentlich erscheinende JUNGE FREIHEIT druckte. Bereits zwei Monate zuvor, am 4. Oktober 1994, waren zwei Maskierte gegen 22.30 Uhr in die Druckerei gestürmt, hatten die Mitarbeiter mit einer Pistole bedroht und zielsicher die zum Versand der JF bereitliegenden Adreßaufkleber der Abonnenten geraubt. Die Täter waren über die Druckabläufe bestens informiert und schienen gute Ortskenntnisse zu haben, anders wäre der Überfall für sie nicht so erfolgreich verlaufen.

Gewerkschaft mit Täterwissen?

Am Morgen nach der Tat fanden sich in Erfurt und Weimar Flugblätter, auf denen Stimmung gegen den Druck der JF – „eine der zynischsten Zeitungen der braunen Propaganda“ – in der Union-Druckerei gemacht wurde. Auch der thüringische Landesverband der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), deren Chef damals der heutige Ministerpräsident des Freistaats, Bodo Ramelow (Linkspartei), war, protestierte gegen die Herstellung der JF in Weimar – und erwähnte dabei den Überfall vom Abend zuvor. Zu einem Zeitpunkt, an dem weder die JF noch die Polizei den Raub öffentlich gemacht hatte. Besaß die Gewerkschaft Täterwissen?

Bericht in der Thüringer Landeszeitung über den Anschlag Foto: JF

 

Auffallend war die enge Verbindung der Thüringer HBV zur linksextremen Szene, die sich vor allem an der Person ihres stellvertretenden Landesvorsitzenden Angelo Lucifero zeigte. Dieser gehörte damals bereits zum Herausgeberkreis der linksextremen Antifaschistischen Nachrichten (AN). In diesen erschien knapp drei Wochen später ein Artikel, der sich mit dem Überfall auf die Druckerei beschäftigte und in dem Geschäftsführer Ernst-Ulrich Dill nahegelegt wurde, sich nicht länger an der „Verbreitung menschenfeindlichen Gedankenguts mitschuldig“ zu machen.

Einige Wochen später veröffentlichten die AN einen weiteren Artikel über die Druckerei, wobei auch einige Abonnenten der JF namentlich genannt wurden. Auszüge der Abonnentenliste seien „dem Autor zugespielt“ worden, hieß es augenzwinkernd in dem Text.

Bereits Ende Oktober 1994 hatte es in Potsdam eine gewalttätige Demonstration gegen die dortige Redaktion der JF gegeben, bei der mehrere Polizisten verletzt und zwei Dutzend Demonstranten festgenommen wurden. Aufgerufen zu den Protesten hatten neben linksextremistischen Antifa-Gruppen auch hochrangige HBV-Funktionäre.

Weitere Anschläge in Berlin

Veranstalter der Demonstration war die „Jugend gegen Rassismus in Europa“ (JRE). Deren Ableger in Berlin-Pankow hatte schon im September 1994 versucht, über ein konspiratives linksextremes Mailboxsystem Kontakt zu „Antifas“ aus Weimar aufzunehmen, um weitere Schritte gegen die JF zu koordinieren. Als Grund für die Kontaktaufnahme gab die JRE den Druckort der Zeitung in Weimar an.

Am 10. November bekannten sich „berliner antifaschistInnen“ zu dem Überfall auf die Druckerei. Der Kampf gegen das „faschistische schmierenblatt“ müsse weitergehen, forderten sie in der linksextremen Untergrundzeitschrift Interim. Am 4. Dezember 1994 erfolgte mit dem Brandanschlag dann die endgültige Warnung für Druckerei-Chef Dill, der sich bis dahin geweigert hatte, den Druck der JF einzustellen. Nun stand er vor einem Schaden von über einer Million D-Mark. Aus Angst vor weiteren Überfällen kündigte er wenig später den Vertrag mit der Zeitung fristlos. Seine Versicherung hatte ihm zu diesem Schritt geraten.

Das Landeskriminalamt Thüringen bildete unterdessen eine Sonderkommission (Soko „Druck“) wegen des Brandanschlags. Kurz darauf zog die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe die Ermittlungen an sich – unter anderem wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Auch eine Belohnung von 25.000 D-Mark zur Ergreifung der Täter wurde ausgesetzt.

Zum Anschlag auf die Union-Druckerei hatten sich die „Revolutionären Lesbenfrauengruppen und andere revolutionäre Gruppen“ am Tag nach dem Brand in einem Schreiben bekannt, das von Berlin aus an mehrere Medien verschickt wurde. Darin übernahmen sie auch die Verantwortung für zwei weitere Brandanschläge in der gleichen Nacht in Berlin. Dort hatte es die Fahrzeuge von Pressevertriebsfirmen getroffen, die für die Auslieferung der JF zuständig waren. Die Schäden beliefen sich auf 30.000 beziehungsweise 70.000 D-Mark.

„Brandsätze gegen geistige Brandstifter“

Thüringer Ex-Verfassungsschutzchef: „Das war verabredet“

Unter der Überschrift „Brandsätze gegen geistige Brandstifter“ hieß es in dem von der taz abgedruckten Bekennerschreiben, es dürfe „kein Rederecht für“ und „keinen Dialog mit Faschisten und FaschistInnen“ geben. Mit den Brandsätzen habe man das Ende des „Machwerks“ JUNGE FREIHEIT beschleunigen wollen. Schließlich sei die Zeitung rassistisch, antisemitisch, frauenfeindlich, imperialistisch und revanchistisch.

Die Auflistung der einzelnen Taten in dem Bekennerschreiben legte nahe, daß noch ein weiterer Anschlag geplant war, möglicherweise aber nicht mehr zur Ausführung kam. Denn auf die Ziffern „1.“ (Druckerei in Weimar) und „2.“ (Lieferwagen des Brandenburger Pressevertriebs (BPV) folgte die Ziffer „4.“ (Lieferwagen der Firma Wolff). Schon im Oktober hatte sich die Gruppierung zu 25 Anschlägen und Attacken auf Kioske und Zeitschriftenläden in Berlin bekannt.

Anderthalb Jahre ermittelten Generalbundesanwaltschaft und Soko „Druck“. Dabei gingen die Beamten knapp 90 Spuren nach. Es gab verdeckte Fahndungsmaßnahmen, Observationen der linksextremen Szene in Weimar, Telefonüberwachungen, Personenabklärungen, Vorladungen, Zeugenvernehmungen und Ermittlungen zu einem möglichen Tatfahrzeug.

„Advent, Advent ein Lichtlein brennt“

Es wurden Kontakt- und Personenprofile erstellt, Verdächtige verhört und die verschiedenen Bekennerschreiben auf Fingerabdrücke und Speichelspuren untersucht. Alles ohne Erfolg: Mitte Juli 1996 stellte der Generalbundesanwalt das Verfahren gegen Unbekannt wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, schweren Raubes, versuchter Nötigung sowie versuchter Brandstiftung ein.

Dabei waren die Ermittler dem möglichen Täter- und Unterstützerkreis dicht auf den Fersen. Dies legt zumindest der 25seitige Sachstandsbericht der Soko „Druck“ vom Juli 1995 nahe. 14 Personen waren damals ins Visier der Beamten geraten. Ihre Namen und Geburtsdaten sind in dem Bericht aufgelistet.

Der Großteil von ihnen gehörte der linksextremen Szene in Weimar an, deren Anlaufpunkt sich in einem besetzten Haus in der dortigen Gerberstraße befand. Es bestanden Kontakte nach München, Hamburg, Berlin und Göttingen. In der Gerberstraße war nach dem Brandanschlag ein Plakat aufgehängt worden, auf dem stand: „Advent, Advent ein Lichtlein brennt, erst eins dann zwei – und dann die Druckerei“.

Vier der Verdächtigen, allesamt Frauen, hatten als Aushilfskräfte in der Druckerei gearbeitet. Eine von ihnen war sogar während des Überfalls am 4. Oktober anwesend gewesen. Alle vier waren laut den Ermittlern lesbisch und gehörten zum „harten Kern“ der Gerberstraße. Es gab teils „umfangreiche Staatsschutzerkenntnisse“ über sie. Auch der Druckerei-Chef hatte bereits vermutet, daß die Täter durch einen oder mehrere Mitarbeiter unterstützt worden waren.

Verdächtige sprachen konspirativ über Anschlag

Die Ermittler hatten damals mehrere Verdächtige im Visier Foto: JF

 

Ein weiterer Verdächtiger, laut Sonderkommission „Antifaschist“ mit „engen Kontakten zur Gerberstraße“, wurde zudem in einem anonymen Schreiben an die Ermittler beschuldigt, am Raubüberfall auf die Druckerei beteiligt gewesen zu sein. Der unbekannte Hinweisgeber hatte sich im März 1995 an die Soko „Druck“ gewandt und eine polizeibekannte Person der „linksautonomen Szene“ in Weimar als Täter des Überfalls genannt. Dabei hatte er nachweisbar Insiderkenntnisse offenbart. Er bot weitere Informationen an, wenn die Polizei bereit wäre, ein gegen ihn eingeleitetes Ermittlungsverfahren wegen Diebstahls zu unterdrücken.

Obwohl die Täterbeschreibung eines der Adreßdiebe auf den Beschuldigten zutraf und der anonyme Hinweisgeber Fingerabdrücke auf seinem Schreiben hinterlassen hatte, führte auch diese Spur zu keinem Ergebnis. Gleiches galt für die abgehörten Telefonate eines „überwachten Personenkreises aus der Gerberstraße“. 5.153 Gespräche hatten die Beamten erfaßt und davon 171 Stunden auf Band aufgezeichnet. Dabei fiel auf, daß die Verdächtigen „konspirativ über den Brandanschlag und die Ermittlungen der Polizei“ diskutierten und auch mit Personen der linksextremen Szene in Göttingen und Berlin telefonierten.

Es gab Vermutungen, daß die Täter des Brandanschlags Linksextremisten aus Göttingen waren, die vor Ort von Szeneangehörigen aus der Gerberstraße eingewiesen wurden. In einem im Dezember 1994 von der JF unter „falscher Flagge“ geführten Interview mit zwei Linksextremisten aus der Gerberstraße prahlten diese, sie hätten zwei „Spezialisten“ aus Göttingen bei der Tat logistisch unterstützt.

Taten verjährt

Zu dem Zeitpunkt war unbekannt, wie viele Täter den Brandanschlag ausgeführt hatten. Die Zahl zwei deckte sich allerdings mit dem Ermittlungsbericht der Soko „Druck“, in dem ein Zeuge gegenüber der Polizei angegeben hatte, am Tatabend zwei männliche Personen mit einem Fahrzeug vor der Druckerei beobachtet zu haben. Im Kofferraum hätten sich ein Werkzeugkasten und „diverse Kabel“ befunden.

Doch alle Hinweise und Spuren führten nicht zur Aufklärung der Verbrechen. Letztlich kam der Generalbundesanwalt zu dem Ergebnis, daß die „naheliegende Annahme“, nach der die Taten von „Bewohnern der Gerberstraße oder deren Umfeld oder unter Mithilfe dieses Personenkreises“ begangen worden sein könnten, „unbewiesen“ blieb.

Der Überfall sowie der Brandanschlag sind mittlerweile verjährt, ebenso die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Zuletzt endete nach 20 Jahren im Oktober 2014 die Verjährungsfrist für den bewaffneten Raub der Adreßaufkleber.

Kurze Zeit später erschien im Neuen Deutschland ein Interview mit zwei ehemaligen „autonomen Antifaschisten“. Darin kam einer der beiden auch auf den „koordinierten Anschlag gegen die JUNGE FREIHEIT“ von 1994 zu sprechen und befand, das sei eine „Superaktion gewesen“, die „reingehauen“ habe.

Mit ihrer Meinung waren die beiden nicht alleine. Nur wenige Monate nach dem Brandanschlag wurde die damalige PDS-Politikerin Angela Marquardt in einem Interview gefragt, wie sie die Tat beurteile. Ihre Antwort fiel recht eindeutig aus: „Ich halte es für legitim, zu verhindern, daß die JUNGE FREIHEIT gedruckt werden kann.“ Mittlerweile ist Marquardt in der SPD aktiv. Dort wirbt sie für eine aktive Zusammenarbeit mit der linksradikalen Antifa – gegen Rechts.

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Anmerkung der Redaktion: Der Text erschien erstmals in leicht veränderter Fassung in der Ausgabe Nr. 50/14 der JF.

Union-Druckerei in Weimar (Montage) / JF-Ausgabe nach dem Anschlag Foto: JF, Ausschnitt: Focus

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